Energieeffiziente Aufzugsanlage gemäß VDI-Richtlinie 4707 

Zertifizierte Nachhaltigkeit bei Aufzügen

Zertifizierte Nachhaltigkeit bei Aufzügen Der Klimawandel ist Wirklichkeit, ressourceneffizientes Wirtschaften die Herausforderung. Für die Aufzugsbranche bringt nachhaltiges Wirtschaften nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Chancen. Dass beides machbar ist, zeigt TÜV Süd Industrie Service, München, mit der Zertifizierung „Energieeffiziente Aufzugsanlage“ nach VDI-Richtlinie 4707. Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit hat die Aufzugsindustrie freiwillig Position bezogen und sich mit der Richtlinie VDI 4707 den Herausforderungen an einen effizienten Energieumgang gestellt.

Energiebedarf von Aufzugsanlagen bestimmen
Die Richtlinie ist die konsequente Umsetzung der europäischen Direktiven zum Thema Energieeffizienz und bildet die derzeit einzige Grundlage, um den Energiebedarf von Aufzugsanlagen einheitlich zu bestimmen. Die VDI-Richtlinie 4707 definiert dabei einheitliche Kriterien für die Beurteilung des Energieverbrauchs und beschreibt ein Verfahren, mit dem die Energieeffizienz von Aufzügen objektiv verglichen und klassifiziert werden kann. So wurden mit der Richtlinie erstmals Energieeffizienzklassen von A bis G – wie bereits von Haushaltsgeräten und der Gebäudetechnik bekannt – definiert. Mit der Zertifizierung nach VDI 4707 Energieeffiziente Aufzugsanlage unterstützt TÜV Süd Industrie Service Betreiber und Hersteller von Aufzügen bei ihrem Nachhaltigkeitsstreben und zeigt darüber hinaus weitere Optimierungspotenziale bei der Instandhaltung auf.

Energieeffiziente Aufzugsanlage
Trotz der ökologischen Herausforderungen sind für die Aufzugsbranche zusätzlich ökonomische Gesichtspunkte von entscheidender Bedeutung. Dass beides machbar ist, zeigt TÜV Süd mit der Zertifizierung Energieeffiziente Aufzugsanlage. Die Zertifizierung von Aufzugsanlagen nach VDI 4707 liefert eine zuverlässige Orientierung, um den Energiebedarf der gesamten Anlage einzuschätzen. Mit der Zertifizierung soll jedoch nicht nur der Effizienzgrad der Anlage bestimmt und dokumentiert werden. Vielmehr gilt es, Energieeinsparpotenziale aufzudecken, umzusetzen und so auch Betriebskosten zu senken.

Innovative und effiziente Lösungen
Der Blick aufs Ganze offenbart dabei nicht nur Chancen für Aufzugsbetreiber. Auch für Hersteller von Aufzügen schafft die VDI-Richtlinie 4707 neue Anreize zur Entwicklung innovativer und effizienter Lösungen. Mit der Energieeffizienzmessung und gegebenenfalls einer Optimierung der Anlage kann dann eine Zertifizierung durchgeführt werden, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und ein Engagement für mehr Nachhaltigkeit nach außen hin bekundet. Zudem dokumentiert der Hersteller mit der einheitlichen Zertifizierung die Energieeffizienz seiner Anlagen und kann sich so mitunter vom Wettbewerb unterscheiden. So erhalten auch Einkäufer, Bauherren, Architekten und Planer eine verlässliche Orientierung. Nachhaltigkeit wirkt sich somit positiv auf die Bilanz aus. Die Zertifizierung setzt dabei ein Zeichen für nachhaltiges Wirtschaften und sichert Wettbewerbsvorteile.

Energieeffizienzklasse einheitlich bestimmen
Die Gesamtenergiekosten eines Gebäudes werden wesentlich vom Energieverbrauch der Aufzugsanlagen im Gebäude bestimmt. Angesichts steigender Energiekosten und knapper Ressourcen sollten Aufzüge daher nicht mehr Energie verbrauchen als nötig. Ansatzpunkte zur Energieeinsparung bietet neben dem Fahrbetrieb insbesondere der Standby-Verbrauch. Einsparpotenziale lassen sich beispielsweise durch eine intelligente Aufzugssteuerung oder Fahrkorbbeleuchtung realisieren. Um den Energieverbrauch zu senken, ist eine detaillierte Energiebeurteilung des Aufzugs essenziell.

Mit der Richtlinie VDI 4707 lässt sich nun der spezifische Energieverbrauch einer Aufzugsanlage nach einheitlichen Kriterien bestimmen, vergleichen und der Aufzug in eine Energieeffizienzklasse einteilen. Hierzu werden in drei Schritten die Nutzungskategorie, der Standby-Verbrauch und der Energiebedarf im Fahrbetrieb der Aufzugsanlage ermittelt. Die Messergebnisse werden dann mit den Referenzwerten aus der Richtlinie verglichen und die Energieeffizienzklasse festgestellt.

Einordnung in Nutzungskategorien
Abhängig von der Nutzungsintensität beziehungsweise Nutzungshäufigkeit wird die Aufzugsanlage in eine Nutzungskategorie eingeordnet. Für die Nutzung sind fünf Kategorien definiert. Diese reichen von der Nutzungskategorie 1 mit einer sehr geringen/sehr seltenen Nutzungsintensität beziehungsweise -häufigkeit bis hin zur Kategorie 5 mit einer sehr starken/sehr häufigen Nutzungsintensität beziehungsweise -häufigkeit. Dabei werden die durchschnittliche Fahrzeit in Stunden pro Tag, die durchschnittliche Stillstandszeit in Stunden pro Tag sowie typische Gebäude- und Verwendungsarten betrachtet.

Beispielsweise wird eine Aufzugsanlage in einem Wohnhaus mit bis zu sechs Wohnungen und einer durchschnittlichen Fahrzeit von unter 0,3 Stunden pro Tag in die Nutzungskategorie 1 eingeordnet. Die Einordnung in die höchste Nutzungskategorie 5 erfolgt beispielsweise bei einem Büro- und Verwaltungsgebäude mit einer Höhe von über 100 Metern und einer durchschnittlichen Fahrzeit von mehr als 4,5 Stunden pro Tag. Die durchschnittliche Fahrzeit in Stunden pro Tag kann dabei beispielsweise aus der Betrachtung der mittleren Fahrtenzahl sowie der mittleren Fahrtdauer ermittelt werden.

Energieverbrauch in Energiebedarfsklassen
Durch die Aufzeichnung der elektrischen Komponenten, welche für die Betriebsbereitschaft und die Nutzung der Anlage essenziell sind, wird im zweiten Schritt der Stillstandsbedarf ermittelt. Hierbei werden beispielsweise der Energieverbrauch der Schacht-, Triebwerksraum- und Fahrkorbbeleuchtung betrachtet. Alle Energiebedarfswerte werden fünf Minuten nach Beendigung der letzten Fahrt aufsummiert. Abhängig von dem Energiebedarf wird der Aufzug dann einer Energiebedarfsklasse zugeordnet. Die einzelnen Energiebedarfsklassen für den Stillstand reichen von der Klasse A (50 Watt Leistung oder weniger) bis zur Klasse G (über 1600 Watt).

Einsparpotenziale im Standby
Da der Standby-Verbrauch den Gesamtenergieverbrauch der Aufzugsanlage wesentlich beeinflusst, ergeben sich insbesondere beim Stillstandsbedarf zahlreiche Energieeinsparpotenziale. Dies hängt damit zusammen, dass die durchschnittliche Stillstandszeit eines Aufzugs – selbst bei einer sehr hohen Nutzungsintensität – etwa dreimal höher liegt als die durchschnittliche Fahrzeit. Bei einer geringeren Nutzungsintensität des Aufzugs wird dies noch deutlicher: Beispielsweise in einem Wohnhaus mit mehr als 50 Wohnungen oder einem Bürogebäude mit über zehn Geschossen beträgt die durchschnittliche Stillstandszeit etwa 21 Stunden pro Tag. Durch eine intelligente Aufzugssteuerung, die einen vorprogrammierten Stillstandsmodus aktiviert oder durch die Abschaltung der Beleuchtung bei einem leeren Fahrkorb können enorme Einsparpotenziale realisiert werden. Bereits die Umrüstung auf Energiesparlampen kann den Standby-Energieverbrauch deutlich senken.

Referenzfahrt ermittelt den Energiebedarf
Ist die Aufzugsanlage in eine Nutzungskategorie eingeordnet und der Stillstandsenergiebedarf ermittelt, wird im dritten Schritt der Fahrtbedarf bestimmt. Der Fahrtbedarf errechnet sich dabei aus dem gesamten Energiebedarf der Anlage während des Betriebs. Für die Berechnung des spezifischen Energieverbrauchs der Aufzugsanlage werden der Energieverbrauch, die Gewichtsverhältnisse sowie die Förderhöhe der Anlage betrachtet. Um genaue und vergleichbare Energieverbrauchsdaten zu erhalten, erfolgt ein festgelegter Testfahrzyklus. Der Testfahrzyklus ist eine Referenzfahrt über die volle Förderhöhe mit leerem Fahrkorb in Auf- und Abwärtsrichtung inklusive der Türbewegungen. Das Messergebnis wird dann mit dem Energiebedarf verschiedener Aufzugsanlagen verglichen und der Aufzug in eine Energieeffizienzklasse eingeordnet. Ein Beispiel: Ein Aufzug in der Nutzungskategorie 1 mit einem Testfahrt-Energieverbrauch in mWh/(kg*m) von 2,21 oder weniger wird in die beste Energieeffizienzklasse A eingeteilt. Ein Testfahrt-Energieverbrauch in mWh/(kg*m) von über 57,09 würde in diesem Fall die schlechteste Energieeffizienzklasse G bedeuten.

Optimierungspotenziale lassen sich ausschöpfen
Auch bei der Instandhaltung bieten Aufzüge Optimierungspotenziale. Um ein kontinuierliches Sicherheitsniveau beim Anlagenbetrieb zu erreichen und gleichzeitig Optimierungspotenziale zu realisieren, entwickelte TÜV Süd Industrie Service bereits vor vielen Jahren das marktbestimmende Prüfverfahren Adiasystem. Dieses Verfahren bildet eine Alternative zu den herkömmlichen vorgeschriebenen Lastprüfungen. Das computergestützte Messund Dokumentationssystem Adiasystem eignet sich für Prüfungen an Aufzügen, Fahrtreppen und kraftbetätigten Türen und Toren. Dabei ermöglicht das System eine wesentlich exaktere Messung von Bremswegen, Verzögerungen sowie von Geschwindigkeit und Fahrkomfort des Aufzugs. Die Vorteile: Auf Grundlage von qualifizierten computergestützten Messungen lässt sich neben dem Fahrkomfort auch der Energieverbrauch weiter optimieren. Durch die exakten Messergebnisse können darüber hinaus die Beschaffenheit zu erneuernder Komponenten genau ermittelt und einzelne Bauteile speziell auf die jeweiligen Anforderungen ausgelegt werden. Dadurch lässt sich auch der Einbau unter- oder überdimensionierter Komponenten vermeiden. Dies erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Energieeffizienz, und führt üblicherweise zu deutlichen Kosteneinsparungen.

Mit der einheitlichen Zertifizierung von Aufzugsanlagen nach VDI 4707 erhalten also Aufzugsbetreiber, Einkäufer, Bauherren, Architekten und Planer eine zuverlässige Orientierung, um den Energiebedarf und die Wirtschaftlichkeit der gesamten Anlage einzuschätzen. Aufzugsbetreiber können die Betriebskosten ihrer Anlagen senken und Optimierungspotenziale bei der Instandhaltung ausschöpfen. Die Zertifizierung Energieeffiziente Aufzugsanlage hilft auch Aufzugsherstellern, konkurrenzfähig zu bleiben. Das Zertifikat dokumentiert die Energieeffizienz der Anlagen, setzt ein Zeichen für ressourceneffizientes Wirtschaften und bringt einen deutlichen Imagegewinn.
www.tuev-sued.de

Dieter Roas
Leiter Geschäftsfeld Fördertechnik bei der TÜV Süd Industrie Service

Bild: Bewertung mit System: Der TV Süd kümmert sich um den Energiebedarf von Aufzugsanlagen. (TÜV SÜD)