Regenwassernutzung im Kommen

Brüssel: Einführung eines Wasserausweises für Gebäude?

Brüssel: Einführung eines Wasserausweises für Gebäude?Die Regenwassernutzung in Deutschland wird immer wichtiger. Das bestätigen die Ergebnisse einer jetzt veröffentlichten Studie von Mall bei Verbänden und führenden Unternehmen der Branche: So sind 2009 in Deutschland 60.000 bis 65.000 Zisternen installiert worden, der Gesamtbestand beträgt rund 1,8 Millionen Anlagen zur Regenwassernutzung. Der Vizepräsident der Fachvereinigung Betriebs- und Regenwassernutzung (FBR), Klaus W. König, erwartet, dass die Europäische Union einen Wasserausweises einführt.

Ohne Rückschläge ist auch die Regenwasserbranche nicht durch die Wirtschaftskrise gekommen. Der Bestand an Zisternen ist in den vergangenen fünf Jahren von 1,5 auf 1,8 Millionen Stück gestiegen und damit langsamer gewachsen als von der Branche erwartet. Der Verkauf von Neuanlagen pro Jahr an private Bauherren ging von 70.000 bis 80.000 im Jahr 2004 auf 60.000 bis 65.000 Stück im Jahr 2009 zurück. Dieser Rückgang steht laut Studie in einem direkten Zusammenhang mit der Abschaffung der staatlichen Eigenheimzulage und dem damit verbundenen Einbruch der Baugenehmigungen für Ein- und Zweifamilienhäuser. Dagegen hat der Absatz von Großanlagen deutlich zugenommen: Immer mehr Industrieunternehmen und die öffentliche Hand (Städte und Gemeinden) investieren in Anlagen zur Regenwassernutzung. „Regenwasserspeicher werden im Zuge der Erschließung von Neubaugebieten zunehmend eingebaut“, bestätigt Markus Böll, Vertriebs- und Marketingleiter bei Mall. Die Nachfrage nach Zisternen steigt demnach wieder an. Ein Wachstumspotenzial von bis zu 10 Prozent scheint laut Studie möglich.

1,8 Millionen Regenspeicher

Laut der Mall-Studie entstehen sehr viele Neubaugebiete mit der Vorschrift, Regenspeicher im Garten oder Regenauffang­-systeme im öffentlichen Verkehrsraum zu realisieren. Schon jeder dritte Bauherr verwirklicht eine Regenwasseranlage. Insgesamt sammeln schon mehr als 1,8 Millionen Zisternen aus Beton oder Kunststoff Regen, damit Grünflächen bewässert, Toiletten gespült oder Fuhrparks mit Regenwasser gewaschen werden. Auf diese Weise konnten 2009 bundesweit 110 Millionen Kubikmeter an Trinkwasser eingespart werden. „Viele Anlagen amortisieren sich schon in acht bis zehn Jahren“, versichert FBR-Vizepräsident König. „Denn jeder Regenwassernutzer darf die gesplittete Abwassergebühr in Anspruch nehmen und muss zusätzlich deutlich weniger Trinkwassergebühren aufbringen.“ Die Wasserrechnung für Privathaushalte und Unternehmen schrumpfte 2009 aufgrund der Einsparungen um 480 Millionen Euro. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt in Deutschland bei 123 Litern täglich.

Gutes Beispiel: Falkensee

Zu diesem hohen Einsparpotenzial tragen in nennenswertem Maße auch Nachrüstungen bei. Jeder dritte neue Regenspeicher (40 Prozent) wird in Altbauten installiert. Zum Beispiel in Falkensee: Die Stadt in Brandenburg hat im Lise-Meitner-Gymnasium, das 1000 Schüler besuchen, ein Betriebswassernetz installieren und eine Regenspeicheranlage einbauen lassen. Die Dachflächen aller Gebäudeteile wurden an eine zentrale unterirdische Zisterne angeschlossen. Seither wird die WC-Spülung von der Regenwasserzentrale automatisch gesteuert. Sollte der Regenwasservorrat im unterirdischen Speicher ganz aufgefüllt sein und dennoch weiterhin Niederschlagswasser anfallen, so wird der Speicherüberlauf in einen Regenwasserteich abgeleitet. Dort verdunstet ein Teil, der Rest versickert. Der Teich wurde als Landschaftselement biotopartig angelegt.

Europa holt auf

Deutschland ist mit 60.000 bis 65.000 neuen Regenspeichern pro Jahr absoluter Marktführer in Europa. Nur langsam holen die Nachbarn laut Studie auf: Frankreich bringt es auf rund 20.000 neue Anlagen im Jahr 2009 („Tendenz für 2010 steigend“), Großbritannien auf 6000 Zisternen („Tendenz stark steigend“). Die Schweiz kommt auf knapp 1000 Zisternen und Österreich auf etwa 2500 Zisternen (beide mit „Tendenz leicht steigend“). Und die Zahlen könnten weiter steigen, dank der EU-Kommission in Brüssel: Die Europäische Union setzt auf Wasserschutz im Allgemeinen und auf aktive Regenbewirtschaftung im Besonderen. Derzeit entwerfe die EU den Erlass einer mehrteiligen Wasserrichtlinie. Sie ebne damit den Weg für die Einführung eines Wasserausweises für Gebäude. „Das bringt zusätzliche Marktimpulse“, prognostiziert König. Er hofft auf die Einführung der Richtlinie zur Wassereffizienz von Häusern, mit der nach dem Vorbild des Energiepasses die Einführung eines Wasserausweises für Gebäude verbunden sein könnte. Derzeit sei allerdings noch völlig unklar, wie die Vorgaben aus Brüssel genau aussehen werden. „Die Umsetzung der geplanten Richtlinien werden die einzelnen Länder vornehmen müssen“, betont der FBR-Vizepräsident. In diesem Zusammenhang fordert er eine staatliche Verpflichtung für Neubauten, ein zweites Leitungssystem einzubauen. Seiner Meinung nach muss sich Europa zu einem Wasser-Recycling bei Regen- und Grauwasser durchringen, um nennenswerte Einsparungen bei der Ressource Wasser zu erzielen.
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red
Grafik: Weiches Regenwasser eignet sich besonders gut für Waschmaschine, Toilettenspülung und zur Gartenbewässerung. (Mall)