"Leben auf dem Dach" ist das Motto dieser Spezialausgabe von Dach + Grün – ein besonders attraktives Beispiel kommt aus Österreich. Beim Wohnprojekt Sargfabrik sind hier intensive und extensive Gründachflächen realisiert worden. Es gibt überdies Bereiche, in denen richtiger Gartenbau betrieben werden kann, Liegewiesen zum Sonnenbaden, eine Grillstation, eine Ruheecke und Platz zum Spielen – also Grünflächen für die unterschiedlichsten Anforderungen und Bedürfnisse. Die Verbundenheit mit dem Dachgarten und Nutzung durch die Bewohner ist ungebrochen.
Das Partizipationsprojekt Wohnheim Sargfabrik wurde in den Jahren 1989 bis 1996 von BKK-2 geplant und realisiert. Das dabei entwickelte Programm sieht eine komplexe Verknüpfung von Funktion, Architektur und Soziologie vor. Konzipiert als „Stadt der kurzen Wege“, wurden zusätzlich zum Wohnen viele gemeinschaftlich Flächen errichtet wie etwa das Kulturzentrum, ein Restaurant, Seminarräume, das Badehaus, der Kindergarten, Werkstätten und Büros.
Die Bewohner der Sargfabrik wollten von Anfang an ein ökologisches und nachhaltiges Projekt gestalten, und die Freibereiche waren daher immer ein besonderes Anliegen. Wegen der direkten Erfahrbarkeit von Natur in der Stadt und dem Defizit an tatsächlich naturnahen Flächen im standardisierten Wohnbau hat sich die Projektgruppe entschlossen, trotz der angespannten Kostensituation einen begrünten Dachaufbau zu realisieren.
In der konzeptionellen Phase waren die Vor- und Nachteile eines extensiven oder intensiven Aufbaus abzuwägen. Sodann wurde entschieden, dass eine zirka 1000 Quadratmeter große, zusammenhängende Fläche intensiv begrünt wird und die anderen Flachdachbereiche extensiv. Ein eigenständiger Bauteil wurde nur mit Schotter abgedeckt und die Fläche zur solaren Brauchwassererwärmung genutzt. Die Bewohner wünschten sich Bereiche, in denen richtiger Gartenbau betrieben werden kann, sowie vielfältige Freizeitangebote mit unterschiedlichen Aktivitätspegeln. Die Palette reichte dabei vom Sonnenbad über die Grillstation zur Ruheecke und schlussendlich zu einer Spiel- und Liegewiese. Zu dieser Zeit gab es noch keine finanzielle Förderung für Gründächer – die Sargfabrik mutierte zum Vorreiter für diese Form der Dachnutzung.
Die Umsetzungsphase
Die Umsetzungsphase war geprägt von einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Gartenplaner, der die speziellen Pflanzen auswählte. Es mussten Arten sein, die den harten Klimabedingungen eines Dachgartens gewachsen sind. Extreme Hitze, gepaart mit vielleicht wenig Wasser, kalte Winter, in denen die schützende Schneedecke durch die darunterliegende Deckenabwärme abtaut, und nicht zuletzt der geringe Erdkörper lassen nur bestimmte Pflanzen zu. Wegen der Windlast wurden zwergwüchsige Bäume mit breiten und flachen Wurzelballen ausgewählt, die sich mit dem umgebenden Substrat zu einem stabilen Geflecht verbinden.
Der Aufbau des Gründachs ist als Umkehrdach konzipiert. Es wurden also zuerst zwei Bitumenlagen aufgebracht, die mit einer weiteren Wurzelschutzbahn aus Kupfer abgedeckt wurden. Danach kommt eine 20 Zentimeter dicke Dämmung aus Styrodur. Diese dient erstens der Dämmung, aber auch dem Schutz der Abdichtung: Beim enthusiastischen Gärtnern kann es schon vorkommen, dass die Gabel einmal zu tief sticht. Mit der dicken Dämmung wird eine Verletzung der Dichtebene ausgeschlossen. Darauf folgt der eigentliche Erdkörper mit zirka 30 Zentimetern Substrat. Zu den Rändern reduziert sich die Dicke auf etwa 10 Zentimeter und geht in ein Schotterbett über. Das gesamte Substrat wurde mit speziellen Maschinen auf das Dach geblasen.
In den Erdkörper wurde noch eine automatische Bewässerungsanlage eingebaut. Diese ist für eine billige Bewirtschaftung und ein üppiges Grün unerlässlich. Zum Abschluss wurde dann der Rollrasen gepflanzt, und innerhalb eins Tages herrschte perfektes Grün auf dem Dach vor. Ein Tag der Freude für die 100 Bewohner der Anlage.
Die Nutzungsphase
Im ersten Jahr wurde ein System der Bewirtschaftung entwickelt, das langfristig tragfähig sein sollte. Der sonst übliche Fehler, die Pflege durch einen Hausmeister zu veranlassen, wurde von vornherein vermieden. Es wurde ein System der abgestuften Verantwortlichkeit durch die Bewohner eingerichtet. Eine freiwillige Gartengruppe definiert in einer Art Supervision die Regeln und anstehende Arbeiten. Zweimal im Jahr kommt der Gärtner (Herbst und Frühjahr), um die schlimmsten Auswüchse der Pflanzen in geordnete Bahne zu lenken. Er untersucht auch die Pflanzen auf Schädlingsbefall und gibt Tipps zur weiteren Pflege. Drei- bis viermal im Jahr wird von der Gartengruppe zum freiwilligen Unkrautjäten aufgerufen. Dass dieses System funktioniert. hat auch damit zu tun, dass zirka 20 Beete auf dem Dach an Hobbygärtner vergeben wurden. Diese sind auch bei den eigenen Beeten mit diesem natürlichen Phänomen konfrontiert und haben daher Verständnis dafür.
Der Dachgarten ist nur für Bewohner mit einem Schlüssel zugänglich – Vandalismus entsteht erst gar nicht. Im Laufe der Jahre mussten einige Bäume gestutzt werden, da sie bereits Höhen von etwa 7 Metern erreicht hatten. Bei heftigen Stürmen wäre die Sicherheit nicht mehr gegeben gewesen.
Die Soziologie
Die Sargfabrik hat eine hohe Dichte (GFZ zirka 2.00), und die wichtigste Outdoor-Naherholungsfläche ist definitiv der Dachgarten. Am Wochenende befinden sich in der Regel fünf bis zehn Personen gleichzeitig auf dem Dach. Da die Ansprüche zwischen Ruhebedürfnis und Spielfläche schwanken, kommt einer bereichsweisen Gestaltung besondere Bedeutung zu. Der labyrinthische Grundriss unterstützt diese Tendenz noch.
Vor allem die Beetbereiche haben sich im Laufe der Jahre zu wahren Kommunikationsflächen entwickelt. Ein Beet bedeutet viel Arbeit. Beginnend beim täglichen Gießen bis zum Jäten und Ernten. Es verwundert nicht, dass die Beetgemeinde viel Zeit auf dem Dach verbringt und immer wieder nebenbei ins Gespräch kommt. Schon allein die Begutachtung der gärtnerischen Ergebnisse bietet Stoff für stundenlange Diskussionen. Ein weiterer gut genutzter Bereich ist die Spielwiese. Da der gesamte Dachgarten abgeschlossen ist, können die Kinder leicht beaufsichtigt werden. Sie bedienen sich natürlich auch bei den vielen Früchten, Beeren und Obstbäumen, die für diesen Zweck gepflanzt wurden, und entdecken die Flora und Fauna aus ihrer ganz eigenen Perspektive.
Kommunikation sollte eigentlich das Grundthema im Wohnbau sein. Nur wer sich kennt, wird auch selbstverständlich Hilfe anbieten. Für ein Mehrgenerationen-Wohnmodell ist es das entscheidende Schmiermittel, damit ein solches Modell abseits der familiären Bande funktionieren kann. Der Dachgarten jedenfalls ist ein ganz wichtiges Modul im Kommunikationssystem Sargfabrik, und genau so wie sich im Laufe der Jahre die Pflanzen entfaltet haben, wurden auch die Nutzerbindungen intensiver und vielfältiger. Und das ist wahrscheinlich der schönste Erfolg des Dachgartens.
Franz Sumnitsch, Bewohner
Bild: VFB
