FBB-Präsident Dr. Gunter Mann im Gespräch mit dem Special von Dach + Grün

„Dachbegrünungen sollten eigentlich überall eine Selbstverständlichkeit sein ...“

FBB-Präsident Dr. Gunter Mann im Gespräch mit dem Special von Dach + GrünBereits die zweite Ausgabe eines Special-Hefts von Dach + Grün – die Redaktion hat von Dr. Gunter Mann, Präsident der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB), wissen wollen, welche neuen Trends es gibt, wie man das „Leben auf dem Dach“ gestalten kann, wie die Politik in Sachen Gründach aufgestellt ist und viele andere Dinge mehr. Gunter Mann hat der Redaktion Rede und Antwort gestanden.

Herr Dr. Mann, was fällt Ihnen spontan ein zu dem viel verwendeten Argument „Leben auf dem Dach“?
Einerseits die Flora und vor allem Fauna, und andererseits natürlich auch wie Menschen. Klein- und „Groß“-Lebenwesen können das Dach nutzen, wenn es ihren Bedürfnissen nach entsprechend gestaltet wird. Bei den Tieren, und das betrifft vorrangig Wildbienen, Schmetterlinge und kleinere Bodentiere, sind das einfachere bis aufwendigere Extensivbegrünungen, bei der Nutzung durch den Menschen sind das Dachgärten, jedoch auch Verkehrsflächen auf Tiefgaragen.

Haben Sie zu den angeführten Bereichen, Tiere und Menschen, Beispieldächer vor Augen?
Ja, nicht nur eins. Ich habe im letzten und dieses Jahr viele Dächer besichtigt und fotografiert. Ein tolles Objekt für die Fauna ist beispielsweise die Landesmesse Stuttgart mit einigen tausend Quadratmeter Naturdach in Form einer Sedum-Gras-Kraut-Vegetation, die sehr viele Insekten anlockt. In Berlin habe ich den Patientendachgarten der Wiegandklinik erleben dürfen – mit ansprechender Bepflanzung verschiedenster Arten, einschließlich einem kleinen Gartenbereich mit Himbeeren, zahlreichen Sitzgelegenheiten, Wasserbecken und Bachlauf. In Rotterdam sah ich eine Tiefgaragenbegrünung („Grote Prins“), die alle Facetten zeigte, die in einer engen Stadtbebauung machbar sind: unter der befahrbaren Decke Parkplätze, oben auf der Decke ebenso Stellplätze und vor den angrenzenden Wohnungen Staudenpflanzungen. Oder denken Sie an die vielen gekürten FBB-Gründächer des Jahres.

Wie hoch ist denn der Anteil im Jahr an begrünter Dachfläche an Extensiv- und Intensivbegrünungen?
Verlässliche Zahlen gibt es leider nicht, wir gehen davon aus, dass jährlich etwa 10 bis 14 Millionen Quadratmeter Dachfläche neu begrünt werden und es sich dabei wiederum um etwa 80 Prozent Extensiv- und 20 Prozent Intensivbegrünungen handelt. Wie groß der Anteil begrünter beziehungsweise anderweitig genutzter Tiefgaragen ist, ist unklar.

Ist das Thema „Leben auf dem Dach“ aus Ihrer Sicht schon ausgereizt?
Nein, ganz und gar nicht. Angefangen von den begrünten oder befahrenen Tiefgaragen, deren Anzahl sicher jetzt schon hoch ist und noch viel höher sein kann, über die Vision, dass alle Flachdächer von Gewerbegebiete zwingend extensiv begrünt sein müssten, bis zu dem großen Potenzial an möglichen „Zweitnutzungen“ von Dachflächen im innerstädtischen Bereich. Damit meine ich alle Flachdächer in dicht besiedelten Städten. Die Grundstücke sind schon bezahlt, und das Dach bietet als zusätzliches „kostenloses“ Grundstück bei vorausschauender Planung (fast) die gleichen Möglichkeiten wie der ebenerdige Boden. Wenn wir da an Grundstückspreise von 500 Euro pro Quadratmeter denken, da ist ein nutzbarer Dachgarten wesentlich günstiger. Viele Krankenhäuser, Pflegeheime, aber auch Kaufhäuser liefern jetzt schon schöne Beispiele für begrünte und genutzte Dächer in der Stadt.

Welche weiteren Argumente „pro Gründach“ führen Sie in Ihren zahlreichen Diskussionen mit Bauherren, Planern und Politikern auf?
Eines der wichtigsten Argumente ist der mögliche Regenwasserrückhalt durch Dachbegrünungen. Schon eine einfache Extensivbegrünung speichert etwa 50 Prozent des Jahresniederschlags – das heißt die Hälfte des Regens gelangt nicht in die Kanalisation und muss nicht bewirtschaftet werden, sondern verdunstet und sorgt damit nicht nur für die Entlastung der Kanalisation, sondern trägt durch die Verdunstungskühlung und Luftbefeuchtung für ein angenehmes Kleinklima. Zudem schützt der Gründachaufbau nachhaltig die Dachabdichtung vor Extremtemperaturen und Witterungseinflüssen wie Hagel und Sturm – und verdoppelt deren Lebensdauer.

Welche Bitten hätten Sie zum Abschluss noch an Städtevertreter und Politiker?
Die positiven Wirkungen und vielfältigen Möglichkeiten begrünter Dächer sind unbestritten, sodass Dachbegrünungen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Sie helfen auch den Gemeinden, Geld zu sparen, sodass Bauauflagen, Ökokonten und gesplittete Abwassergebühren Dachbegrünungen zwingend berücksichtigen sollten. Weiterhin sollten private Bauherren, jedoch auch die Industrie mit direkten Förderungen in Form von Zuschüssen animiert werden, ihre Dächer zu begrünen. Versicherungen (beispielsweise Gebäudehaftpflicht, Brandversicherung) sollten begrünte Dächer beitragsmindernd berücksichtigen.

Interview: Florian Peter
Bild: Dr. Gunter Mann, Präsident der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung, steht dem Special von Dach + Grün Rede und Antwort – wie auch kürzlich dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) bei Filmaufnahmen zur einem Dachbegrünungsbeitrag. (privat)