Der städtebauliche Wandel betrifft nicht nur Städte, sondern auch den ländlichen Raum. Neben demografischen und strukturellen Veränderungen hat hier auch die Produktion von Agrarerzeugnissen einen dramatischen Umbruch erfahren. Viele Bauernhöfe sind nicht mehr rentabel, oder es findet sich kein Nachfolger, der den Hof bewirtschaftet. So auch in Bayern: Leer stehende Stadel, oft mit gewaltigen Speichervolumina, findet man dort in den ländlichen Regionen zuhauf. Oft sind die landwirtschaftlichen Nebengebäude dem Verfall preisgegeben. Doch es geht auch anders, wie der Architekt Robert Schwemmer zeigt.

Unter das alte Dach eines leer stehenden Stadels in Niederbayern wurde ein neues Wohnhaus mit einem Architekturbüro integriert. Die Südseite des eingestellten Hauses ist hinter die frühere Wandebene zurückgesetzt. Dadurch ist der konstruktive Holzschutz für die vorgefertigten Elemente der Fassade optimal. (Atelier Schwemmer, Reut)
Im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn hat Schwemmer eine neue Nutzung für einen etwa 80 Jahre alten Stadel gefunden: Er errichtete darin ein Wohnhaus für seine Familie und sein Architekturbüro. Bis auf das großzügige Dach und die Ständer wurde der Stadel vorher von alten Einbauten und der Holz-Verschalung befreit. Dadurch ergeben sich mehrere Vorteile: Das bestehende Ensemble des Vierseithofs konnte erhalten und gestärkt werden, die Baukosten wurden gesenkt. Nahezu sämtliche Baumaßnahmen konnten witterungsunabhängig unter dem schützenden Dach stattfinden. Für das Wohnhaus hat der Architekt einen vielschichtigen „Schutz“-Raum geschaffen. Das neue Haus ist aus vorgefertigten Elementen unter das alte Dach gestellt, das noch in vollem Umfang funktionstüchtig war.
Die Dachdeckung erfolgte bereits 1985 mit Frankfurter Pfannen Plus in Braun von Braas. Die Spannweite der Holzbalken im ehemaligen Stadel gibt die Breite des Gebäudes vor: Mit einer Tiefe von 5 Metern erstreckt sich das „Haus im Haus“ über die gesamte Gebäudelänge. Die 18 Meter lange Südseite wendet sich der Sonne zu, bleibt aber 1 Meter hinter der Fassade des Bestands zurück. Dadurch konnten die Anschlüsse der neuen Wände zum Bestand minimiert werden. Im so entstehenden Zwischenraum findet ein geschützter Balkon Platz. So ist das gesamte innere Haus konstruktiv vor Niederschlag, Wind, Wetter und Sonne geschützt. Das Wohnhaus weist ganzjährig ein angenehmes Raumklima auf. Im Sommer ist auch hier das Dach vorteilhaft. Es verschattet die lange Fassade des Holzhauses und die großzügigen Glasflächen. Das verglaste Tor im Süden kann im Sommer komplett aufgeschoben werden.
Dahinter erstreckt sich der zentrale Bereich des Hauses: die zweigeschossige Wohnküche, die gleichzeitig die vertikale Erschließung aufnimmt. Von hier aus erreicht der Besucher das Wohnzimmer im Westen. Ein herrlicher Blick auf die etwa 150-jährige Hof-Linde lädt hier wie auch im darüber liegenden Büro zum Verweilen ein. Von allen Räumen fällt bei Föhn ein großartiger Blick auf die österreichischen Alpen und den Watzmann. Gebaut wurde der neue Wohnstadel – wie auch der bestehende Stadel – aus regionalen Rohstoffen. Die Wände und Decken sind aus Holz, gedämmt mit Holzdämmstoffen. Im ganzen Haus sind die gekalkten Innenwände mit Lehm verputzt. Mit einer integrierten Wandheizung verbreiten sie eine angenehme Wärme. Die Energie wird regenerativ erzeugt – solar und aus Holz.
Die Umnutzung des Stadels ist beispielhaft für eine nachhaltige Entwicklung im ländlichen Raum – und hat auch die Jury des Wettbewerbs „Gut bedacht 2009“ überzeugt. Sie hat dem Objekt einen Sonderpreis vergeben. In der Begründung für diesen Schritt heißt es: „Der Stadel stellt ein gelungenes Beispiel einer Gebäudeumnutzung dar, die vor allem durch ihre angenehme architektonische Zurückhaltung auffällt. Dabei ist vor allem der Respekt des Architekten gegenüber den vorgefundenen Materialien und die Übernahme in die eigene Architektur hervorzuheben. In einer Zeit, in der der Erhalt von Bauwerken, mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ belegt, immer größere Bedeutung erlangt, erscheint es der Jury wichtig, diese Arbeit im Rahmen des Wettbewerbs hervorzuheben und mit einem Sonderpreis zu versehen.“
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red
