Arbeiten und entspannen auf dem Gründach

Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof: Nutzbare Dachlandschaft

Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof: Nutzbare DachlandschaftAuf dem Gelände des Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof in Berlin befindet sich seit 2009 der neue Firmensitz der Solartechnikfirma Solon SE, der Produktion und Verwaltung vereint. Damit die 3000 Quadratmeter große Dachfläche für Mitarbeiter und Besucher nutzbar wird, hat man kein Solardach – wie eigentlich naheliegend – gewählt, sondern ein Gründach. Das Ergebnis: arbeiten und entspannen auf die schräge Art.

Das Architekturbüro Heinrich Schulte-Frohlinde aus Berlin zeichnet für das Gesamtprojekt verantwortlich. Das Landschaftsarchitekturbüro Hoch C aus Berlin plante die anspruchsvolle Gestaltung der Dachfläche. Ein rechtwinkliges Wegenetz durchzieht die weitläufigen Rasenflächen. Holzterrassen aus heimischer, unbehandelter Eiche entlang den Treppenhaustürmen bieten Platz für bequeme Sitzelemente. Die mit über 15 Metern am höchsten gelegene Partie des Dachs ist zugleich auch der am wenigsten geneigte Bereich. Hier wurden punktuell Kleinbäume wie schirmförmige Felsenbirnen gepflanzt, es gibt Liegestühle und einen kleinen Sandstrand mit Wasserbecken. Im Bereich der Aufzüge können an einem Platz um eine Bar Veranstaltungen und Empfänge im Freien stattfinden.

Bautechnisch Lösung für das Gestaltungskonzept
Der Dachbegrünungssystem-Hersteller Zinco, Unterensingen, lieferte die passende Lösung für die Begrünung des im Schnitt 12 Grad geneigten Dachs, um das Planungskonzept mit seinen vielfältigen Gestaltungen zu realisieren. Der erfahrene Dachgärtner-Fachbetrieb Fairplants System übernahm die fachgerechte Ausführung. Die 40 Zentimeter dicke Dachdecke war aus wasserundurchlässigem Beton monolithisch gegossen und weist daher keinerlei Dehnfugen auf. Auf dieser wurzelfesten Grundlage folgte eine 16 Zentimeter dicke Umkehrdämmung aus extrudiertem Polystyrol. Wesentlich für die Begrünung des Umkehrdachs war nun, dass der Systemaufbau das Ausdiffundieren von Wasserdampf aus dem Dämmstoff ermöglicht. So folgte zunächst ein wasserabweisendes, aber dampfdurchlässiges Trennvlies und darauf das Dränelement Floraset FS 75 von Zinco als Kernelement im Begrünungsaufbau. Floraset FS 75 wurde mit den Noppen nach oben verlegt, um später eine bestmögliche Verzahnung mit dem Substrat zu erzielen. Die Öffnungen in den Elementen leiten überschüssiges Wasser zu den Dachabläufen ab und gewährleisten die erforderliche Diffusionsoffenheit des Umkehrdachs. Bevor diese Dränageschicht aber verlegt werden konnte, waren Maßnahmen zur Schubsicherung erforderlich.

Im Abstand von etwa 6 bis 10 Metern je nach Dachneigung wurden Schubschwellen zur Abrutschsicherung verankert. Dazu kamen Sonderprofile aus Stahlblech und Aluminium zum Einsatz, die von Zinco objektgerecht angefertigt wurden. Diese Profile waren zwischen 160 und 225 Millimeter hoch und fungierten neben der Schubkräfteaufnahme auch zur gleichmäßigen Verteilung des Dachwassers: Deshalb wurden Profile mit und ohne Entwässerungsöffnungen verwendet.

Arbeiten und entspannen auf dem Gründach

Die Schubschwellen wurden auf der vollflächig verlegten Dachdämmung mit Stahlbolzen im WU-Beton verankert. Um dessen Dichtigkeit zu gewährleisten, durften die Bolzen nach statischer Berechnung maximal 5 Zentimeter tief in die Betondecke eindringen. Neben den mehr als 2850 Befestigungsbolzen für die Schubsicherung waren auf dem Dach viele weitere Verankerungen notwendig, um die Geländerpfosten und Stahlkonstruktionen für die Holzpodeste und Holzstege zu befestigen. Die beschriebene Bauweise mit WU-Beton ist kostenaufwendig, macht andererseits aber arbeitsintensive Eindichtungen von Durchdringungen überflüssig und ermöglicht es dem Bauherrn, auch nachträglich neue Aufbauten flexibel zu realisieren, wie zum Beispiel die Installation einer Lautsprecheranlage.

Logistik auf das Dach: Leichtes und Schweres
Auf dem gesamten Dach folgte nach den Schubschwellen die vollflächige Verlegung der erwähnten Dränelemente Floraset FS 75. Es war ein Leichtes, diese 1 mal 1 Meter großen Platten aus 100 Prozent Recycling-Hartschaum auf das Dach zu bringen. Aufwendiger dagegen dann die Aufgabe, an die 1000 Tonnen Schüttgut auf die Dachfläche zu befördern: Eingesetzt wurden 16 Zentimeter Dachbegrünungssubstrat für die Rasenflächen sowie Kies als Unterbau für sämtliche Holzstege beziehungsweise für die Kiesstreifen am Dachrand zur Wasserführung. Mithilfe von Silofahrzeugen konnte das Substrat effizient aufgeblasen und auf dem Dach verteilt werden. Für den Transport des Fertigrasens auf das Dach war ein mobiler Baustellenkran mit einer Reichweite von 42 Metern im Einsatz und beförderte die Paletten mit der Rollenware problemlos in die luftigen Höhen. Der Zeitaufwand für die Realisierung sämtlicher Dachbegrünungsarbeiten inklusive Bepflanzung be-lief sich auf rund zehn Arbeitswochen, in denen durchschnittlich vier bis sechs Mitarbeiter im Einsatz waren. Wesentlich für den reibungslosen Ablauf war die enge Abstimmung mit der Bauleitung, die wegen des strengen Zeitplans parallel laufende Gewerke mit höchster Termingenauigkeit koordinierte.

Wachstumsbedingungen und Windlasten im Blick
Mit diesem Begrünungsaufbau sind auch auf dem Extremstandort Dach geeignete Wachstumsbedingungen für die Rasenflächen geschaffen. Rasen gehört zur Kategorie der Intensivbegrünung und erfordert auch nach der Anwachsphase eine regelmäßige Bewässerung sowie Pflegemaßnahmen wie Schnitt und Düngung. Daher wurde eine Tröpfchenbewässerung vorgesehen, die auch in Trockenzeiten ausreichend Feuchtigkeit für das grüne Dach spendet. Für die im Terrassenbereich vorgesehenen etwa 5 Meter hohen Großsträucher wurde die Substratschicht auf etwa 50 Zentimeter angehäuft, um ausreichenden Wurzelraum zur Verfügung zu stellen. Die Wurzelballen wurden mithilfe von Baustahlgittern speziell verankert. Dies gewährleistet die notwendige Windfestigkeit in der Anwachsphase der Gehölze.

Die Grünfläche des Dachs hält etwa 70 Prozent des Niederschlagswassers zurück und dient zudem der Gebäudekühlung. Überschusswasser wird in einem Zisternensystem gesammelt und für die erwähnte Tröpfchenbewässerung des Gründachs verwendet. Auch die großzügigen Wasserbecken rings um das Verwaltungsgebäude werden mit Grauwasser gespeist, das für Toiletten und Gartenbewässerung weiter genutzt wird. Im Außenraum entsteht eine großzügige Parkanlage mit höhengestaffelten Sickerkaskaden. Auf diese Weise wird die ökologisch sinnvolle Regenwasserversickerung zu einem wesentlichen Gestaltungselement der Parkanlage.

Nachhaltig planen und bauen heißt ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen und ebenso den sozialen Aspekt zu berücksichtigen. Dieser bezieht sich auf den Nutzer und damit auf die Wahrnehmung durch den Menschen. Der Neubau des Firmensitzes der Solon SE wird allen Ansprüchen in höchstem Maße gerecht. Es entstand eine Dachlandschaft, die dem Menschen zugänglich und als Freiraum nutzbar ist. Mitarbeiter und Besucher haben Gelegenheit für erholsame Arbeitspausen ebenso wie für inspirierende Besprechungen im Freien. Die Dachterrasse bietet auch für Events und Empfänge einen ganz besonderen Rahmen. Dank Laptop und WLAN lässt sich auch der Arbeitsplatz auf das Dach verlegen. Das ist Teil des flexiblen Arbeitsplatzkonzepts des Berliner Unternehmens – ein ganzheitlicher Ansatz mit Wohlfühlgarantie für die Menschen.
www.zinco.de

Roland Appl
Technischer Leiter Zinco

Bild oben: Das geneigte Dach des Verwaltungsgebäudes Solon SE in Berlin-Adlershof bietet auf 3000 Quadratmetern nutzbare Grünflächen und Terrassen für die Mitarbeiter.
Bild unten: Ein sonniges Plätzchen zum Wohlfühlen findet auch in der Tierwelt schnell Zuspruch. Die Sträucher ragen durch ein Podest, da hier eine höhere Substratschüttung erforderlich ist. (ZINCO HOCH C/MARCUS BREDT)