Erneuerbare Energien und Atomausstieg

ISE: Regeneratives Energiekonzept für Baden-Württemberg

Regeneratives Energiekonzept für Baden-WürttembergDie dreifache Katastrophe in Japan hat die Themen Energieversorgung und Atomausstieg wieder verstärkt in den Fokus von Öffentlichkeit und Politik gerückt. Alte Atommeiler, wie Neckarwestheim 1 oder Isar 1, sind als Reaktion auf die Ereignisse bereits vom Netz genommen. Ob die Politik mit diesem Schritt vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nur Ergebniskosmetik betrieben hat oder ernsthaft eine Wende in der Energieversorgung will, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Denn die Experten sind sich uneins, mit welchem Zeithorizont ein solcher Ausstieg machbar ist. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat derweil ein regeneratives Energiekonzept für Baden-Württemberg vorgestellt.

In einem Konzeptpapier für die Landesregierung haben wir einen Energieentwicklungspfad skizziert“, erklärt Eicke R. Weber, Leiter des Fraunhofer-ISE. „Dabei zeigt sich, dass ein starker Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg technisch möglich und wirtschaftlich durchführbar ist.“ Die zentrale Erkenntnis der Untersuchung ist, dass die vier Atomkraftwerke in Baden-Württemberg sukzessiv im Zeitrahmen der bisherigen Laufzeiten bis 2022 durch Erneuerbare Energien ersetzt werden können. Die positiven technologischen Entwicklungen und die hohe Geschwindigkeit bei der Neuinstallation von erneuerbaren Energien haben die Zielvorgabe im mittlerweile veralteten „Energiekonzept 2020“ der Landesregierung überholt. Dieses strebt noch einen Energiemix mit nur 20 Prozent erneuerbaren Energieträgern bis 2020 an. „Diese Rechnung bedarf dringend einer Korrektur. Das Energiekonzept 2020 des Landes sollte unter Berücksichtigung der technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten viel ambitionierter angepasst werden“, empfiehlt Weber. Denn Baden-Württemberg liegt damit deutlich hinter dem Ziel der Bundesregierung, die einen Anteil von 35 Prozent erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung bis 2020 anstrebt. Auch wurde der in dem veralteten Konzept für 2020 angestrebte Wert von 2,7 Terawattstunden für Fotovoltaikstrom pro Jahr bereits jetzt in Baden-Württemberg erreicht – also rund zehn Jahre früher als noch vor Kurzem geplant.

Energiesicherheit mit Erneuerbaren gewährleistet

Die Untersuchung des Fraunhofer-ISE berücksichtigt einen möglichst hohen Anteil an lokaler Stromerzeugung. Darüber hinaus soll die Energieversorgung sicher und finanzierbar bleiben – mit dem langfristigen Ziel einer kompletten Umstellung auf erneuerbare Energien sowie einer intensiven Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung bis spätestens 2050. Laut dem bisherigen Ausstiegsgesetz aus dem Jahr 2002 sollten die Atomkraftwerke in Baden-Württemberg wie folgt vom Netz genommen werden: Neckarwestheim 1 (2009/2010), Philippsburg 1 (2012), Philippsburg 2 (2017), Neckarwestheim 2 (2022). Neckarwestheim 1 hatte im Jahr 2010 aufgrund der geringen Reststrommenge nur noch wenig Strom produziert, und eine komplette Abschaltung wäre technisch möglich gewesen. Trotzdem wurde es mit neuen Brennstäben ausgerüstet und war wieder voll in Betrieb – bis zur Entscheidung der Landesregierung, den Meiler noch vor den Landtagswahlen am 27. März vom Netz zu nehmen.

Der starke Zuwachs der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg macht es laut Fraunhofer-ISE möglich, dass deren Anteil an der Stromerzeugung bereits 2015 den der Kernenergie übersteigt. Bis Mitte der 2020er-Jahre können Atomenergie und Steinkohle kontinuierlich heruntergefahren und durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Den größten Anteil daran wird die Fotovoltaik haben, da sie die höchsten Potenziale in Baden-Württemberg aufweist. Windenergie soll hauptsächlich durch Investitionen in Offshore-Windparks beigesteuert werden. „Unser Konzeptpapier legt dar, dass ein zügiger Ausstieg aus Kernenergie und Steinkohle technisch möglich und die Energiesicherheit durch erneuerbare Energien, Speicherung sowie Kraft-Wärme-Kopplung trotzdem gewährleistet ist“, erklärt Weber. Der Leiter des Fraunhofer-ISE fordert aber auch, dazu notwendige Analysen und Forschung weiter zu stärken: „Zunächst sollte es eine präzise Potenzialanalyse für den Ausbau erneuerbarer Energien in Baden-Württemberg geben.“ Nur so könne ein detaillierter Entwicklungspfad für die erneuerbaren Energien ausgearbeitet werden. Zudem bedarf es noch weiterer Forschungsanstrengungen in Bezug auf effizientere erneuerbare Technologien, Systemintegration und Speicherung, um die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie weiter zu stärken.
www.ise.fraunhofer.de

red