Solarthermie für Mehrfamilienhäuser

Von Energieeffizienz keine Rede

Solarthermie für Mehrfamilienhäuser: Von Energieeffizienz keine RedeSeit Jahren tritt die Solarthermie für Mehrfamilienhäuser auf der Stelle. Was für Ein- und Zweifamilienhäuser funktioniert, scheitert oft größeren Maßstabs. Da stellt sich die Frage nach dem Warum. Der Wissenschaftsjournalist Klaus Oberzig beleuchtet kritisch eine Branche mit hausgemachten Problemen.

Der Frust über das seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrende Auf und Ab in der Förderpolitik für Solarwärmeanlagen ist ihm deutlich anzumerken. „Die Aussetzung der Förderung solarthermischer Anlagen nach dem Marktanreizprogramm MAP im Frühsommer 2010 war für uns absolut kontraproduktiv“, kritisiert Stefan Söhnle vom Solarenergie-Kompetenzzentrum Solid in Fürth. Solid betreut eines von drei Kompetenzzentren, die im Rahmen der Kampagne „Solar – so heizt man heute“ seit Jahresbeginn eingerichtet wurden und die den Bau großer solarthermischer Anlagen, kurz Grosol, in Deutschland voranbringen sollen.

Mit der Kurzformel Grosol sind Solarwärmeanlagen für Mietshäuser mit drei bis zwölf Wohneinheiten gemeint, die zumeist von Kleinanbietern und Privatleuten betrieben werden. Sie machen in Deutschland die Masse der Mehrfamilienhäuser aus und beherbergen immerhin 80 Prozent aller Mietwohnungen. Die Kompetenzzentren sollen Hilfestellung für Investoren und Schulungen für Handwerker, Energieberater und Planer bereitstellen, sowie entsprechende Informationen im Internet anbieten.

Kampagne „Solar – so heizt man heute“

Während die solare Wärme bei Ein- und Zweifamilienhäusern weit verbreitet ist, gibt es noch zu wenige Anlagen, die Gebäude mit mehr als zwei Wohneinheiten versorgen. Da in diesem Marktsegment die Beratung und vielfach auch die Kaufentscheidung über ein gewachsenes Verhältnis eines Hausbesitzers zu seinem Installationsbetrieb läuft, zielte die erste Phase der breit angelegten Kampagne auf die Information der Handwerksbetriebe und die zweite, die nun nach den Querelen um das MAP im Frühjahr 2011 starten soll, auf die Vermieter. Finanziert wird dies zu jeweils 50 Prozent vom Bundesumweltministerium (BMU) und den beiden Verbänden Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH) und Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) beziehungsweise deren Mitgliedsfirmen. Die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit von Solar – so heizt man heute liegt bei der Firma Sunbeam aus Berlin. Auch eine Reihe anderer durch das BMU geförderter Aktivitäten sollen der Marktbelebung dienen. Dazu zählen Ausarbeitungen zu den Themen Technik und Recht. Deren Ergebnisse finden Eingang in die Web-Seite www.solarwaerme-info.de. Zentral ist daneben die Informationsbroschüre „Solarwärme – Informationen für Vermieter“.

Betrachtet man die Erfahrungen der Kampagne nach einem knappen Jahr, so bietet sich ein durchwachsenes Bild. Als positiv bewertet Vera Neuhäuser von Sun­-
beam die Resonanz in der Fachpresse sowie den Tages- und Wochenmedien. Das Thema Grosol sei dort zum ersten Mal breit erschienen. Auch Stefen Söhnle meint, das sei für seine Veranstaltungen und Workshops hilfreich, allerdings ließe sich schwer quantifizieren, wie viele der Interessenten nun direkt durch die Kampagne motiviert wurden. Bei der Berliner Energieagentur GmbH (BEA), die das Kompetenzzentrum Region Ost betreut, berichtet Susanne Berger, dass über 250 Handwerker sich das Informationsmaterial bestellt hätten. Auch die Broschüre komme gut an, „es gab ja bisher nichts“.

Hauseigentümer schlecht informiert

Darüber hinaus seien die Handwerker aber noch sehr zurückhaltend, hört man aus allen Kompetenzzentren. Besser sei die Erfahrung bei Planern und Energieberatern. Die Veranstaltungen, Workshops und Exkursionen – in Berlin sind fünf bis sechs pro Jahr im Angebot – würden von diesen gut angenommen. Schwierig sei es allerdings, von der Großstadt in die Fläche zu kommen, so Bergers Erfahrung. Auch falle auf, dass es zwar regelmäßig Anrufe bei der eigens eingerichteten Hotline gäbe, selten aber konkrete Fragen gestellt würden. Insgesamt sei es wohl so, dass vor allem die Hauseigentümer wenig bis schlecht über solare Wärme informiert seien. Interesse sei zwar vorhanden, aber das Thema brauche wohl eine lange Vorlaufzeit, meint sie. Für die zweite Stufe der Kampagne ab diesem Frühjahr lässt Söhnle Skepsis durchscheinen, es werde wohl „ein Neuanfang mit unsicherem Ergebnis“.

Sicher hat das zeitweilige Einfrieren der Förderung aus dem MAP der Kampagne ebenso geschadet wie der gesamten Branche, die mit bis zu 25 Prozent Umsatzeinbußen gegenüber dem Vorjahr rechnet. Dass die Kampagne nicht unbedingt zum Renner geworden ist, liegt aber beileibe nicht daran, es hat vielmehr tiefere Gründe. Untersucht man das Konzept und die Argumentationslinien der Kampagne, entsteht der Eindruck, dass es sich in etwa um den kleinsten gemeinsamen Nenner handelt, auf den sich die beteiligten Geldgeber einigen konnten. So wird auf die Tatsache, dass große Solaranlagen kein allzu gutes Image haben und auf Skepsis bis Ablehnung bei den Zielgruppen stoßen, nicht eingegangen. Ein offensives Angehen der Frage „wo stehen wir heute“ wird vermieden. Es wird vielmehr so getan, als ob sich große Solarwärmeanlagen per se rechnen. Folglich wird auch nicht versucht, Antworten auf die Frage zu geben, ob die früheren Probleme der ersten Grosol-Anlagengeneration inzwischen gelöst und aktuelle Angebote nicht mehr mit diesen Problemen behaftet seien.

Hersteller haben Probleme unterschätzt

Dazu lohnt ein kurzer Blick zurück. Die Entwicklung großer Solarwärmeanlagen hat später eingesetzt als der Anlagenbau für Einfamilienhäuser. Damals glaubten viele Hersteller, ihre im Ein- und Zweifamilienhaus bewährten Standardanlagen nach oben skalieren zu können, hatten aber die damit einhergehenden Probleme unterschätzt. Eine konventionelle Solaranlage wurde in der Regel als Vorwärmanlage konzipiert und indirekt über Pufferspeicher an die vorhandene Haustechnik angeschlossen. Diese Auslegung und eine fehlende übergeordnete Steuerung führten vielfach dazu, dass die Kessel über lange Perioden zum Nachheizen gezwungen wurden, was zu unwirtschaftlichen Heizintervallen führt und den Jahresnutzungsgrad verschlechtert. Der Imageschaden hatte also durchaus seinen Hintergrund. Auf der Web-Seite www.solarwaerme-info.de findet man dazu lediglich den unauffälligen Hinweise auf „Nebeneffekte der Rücklaufanhebung“ und dazu den Satz: „Die Anhebung der Rücklauftemperatur kann bei bestimmten Wärmeerzeugern zu unerwünschten Nebeneffekten führen.“

Studiert man das Informationsmaterial von Solarwärme – so heizt man heute, so entsteht der Eindruck, hier wird zwar eine Imagebildung in guter Absicht gefördert, allerdings wohlwissend, dass nicht alle Anlagen den Anforderungen genügen, aber das sollte besser nicht thematisiert werden. Schaut man in die Liste der geldgebenden Unternehmen, die über ihre Verbände beteiligt sind, wird schnell klar, warum. Die Kampagne soll keinen der Wettbewerber – es handelt sich schließlich um die Creme de la creme der Solarwärmebranche – in ein schlechtes Licht rücken. Das ist verständlich und nachvollziehbar, ist aber zugleich eine der Schwächen der Kampagne, die ihr Offenheit und Überzeugungskraft kostet.

Hausbesitzer verlassen die Seite fluchtartig

Deutlich wird das bei den „technischen Informationen“, die auf der Web-Seite www.solarwaerme-info.de angeboten werden. Da man schlecht erklären kann, die Anlage A von Anbieter B ist besser als die von C, wird hilfsweise mit fünf scheinbar objektiven Funktionsprinzipien jeweils für Warmwasser beziehungsweise Warmwasser mit Heizungsunterstützung gearbeitet. Und das schön übersichtlich in Tabellenform. Der Interessent soll sich also die für ihn richtige Anlage aussuchen können. Doch was ist für ihn die Beste? So werden neben die Stichworte „Bezeichnung“, „Einsatzgebiet“, „Checkpunkt Gebäude“ und „Checkpunkt Technik“ kurze Charakterisierungen gestellt, die in ihrem Informationsgehalt derart unklar oder nichtssagend sind, dass sie den Betrachter ratlos lassen. Was hilft es einem Hauseigentümer, wenn er in der Zeile Checkpunkt Technik Antworten wie „Zapfprofil, sommerliche Nachheizung“ oder „Zapfprofil, Auslegung der Trinkwasserstation“ liest. Die danebenstehenden Bildchen machen die Sache nicht besser, im Gegenteil, manch interessierter Hausbesitzer oder auch Installateur dürfte die Seite fluchtartig verlassen.

Als Konsequenz wird denn auch das Zusammenspiel von solarer und fossiler Komponente bei der Gesamtanlage, also die Frage der Gesamteffizienz eines solaren Hybridsystems, nicht thematisiert. Bei genauer Analyse würde man nämlich schnell feststellen, dass es sehr wohl technisch-konzeptionelle Unterschiede bei den auf dem Markt angebotenen Anlagen sind, die zu deutlich unterschiedlichen wirtschaftlichen Ergebnissen führen. So wird kein Blick auf die Frage geworfen, welche Rolle der Heizkessel, also der konventionelle Anlagenteile, spielt, und mit welchem Wirkungsgrad er arbeitet. Denn letztlich ist er es, der den entscheidenden Anteil an der Energieeffizienz des Gesamtsystems ausmacht. Erst eine Anlagentechnik, die mit einer übergeordneten Steuerung in der Lage ist, das Zusammenwirken von Kessel, Kollektor und Speicher zu optimieren, spielt die Stärken der Solarwärme aus.

Deutsche Bauernregel „viel hilft viel“

Dass dies keineswegs ein zufälliger Fehler im Informationsmaterial ist, erschließt sich bei der Betrachtung der wirtschaftlichen Aspekte. Unter der Rubrik „Förderung, Finanzierung, Wirtschaftlichkeit“ fällt auf, dass sehr allgemein argumentiert wird, große Solaranlagen sparten mehr Energiekosten, als sie Kapitalkosten verursachen. Das ist eine Zeitraum-Betrachtung, welche die Überprüfung einer fernen Zukunft überlässt. Dabei wird so getan, als ob der Kollektorertrag die Einsparung sei. Das, und nicht die Energieeffizienz der Gesamtanlage, mache eine gute Anlage aus, so die Botschaft der gesamten Imagekampagne. Je mehr Kollektorfläche auf dem Dach installiert werden, desto besser, dies erhöht nämlich den Kapitalwert der Immobilie, und angeblich nützt es auch dem Klima. Das erinnert sehr an die alte deutsche Bauernregel „viel hilft viel“. Deutlich wird dabei nicht, dass die Höhe der Investitionen, also auch die Größe der Kollektorfläche, sich an der Höhe der daraus folgenden Modernisierungsumlage zu richten hat und darin beziehungsweise in der Mietobergrenze eines Mietspiegels ihre Begrenzung findet. Nicht jeder Eigentümer eines Mehrfamilienhauses kann schließlich die Investition in eine Solarwärmeanlage aus eigener Tasche bezahlen, er muss sie per Umlage aus den Einnahmen aus der Nettokaltmiete refinanzieren. Genau darin besteht ja der Unterschied zum Einfamilienhaus.

konkrete Nachweis der kaufmännischen Refinanzierung einer großen SolaranlageDabei fällt auf, dass die Möglichkeit der Modernisierungsumlage zwar rechtlich korrekt dargelegt, aber immer wieder heruntergespielt wird, so als ob man sie gar nicht wirklich propagieren wollte. Das wird im übrigen auch von Mitarbeitern aus den Kompetenzzentren bestätigt. Das Thema Modernisierungsumlage solle man kleinhalten. Der Grund dafür ist einfach. Eine Modernisierungsumlage erfordert den Nachweis der tatsächlichen Einsparung, also der Energieeffizienz. Das würde, im Gegensatz zur Zeitraum-Betrachtung eine Zeitpunkt-Betrachtung erfordern, also die Frage aufwerfen, was spart der einzelne Mieter konkret pro Monat. Zugespitzt würde dies seinen Ausdruck in einer veränderten monatlichen Heizkostenpauschale finden. Genau dies würde aber wieder zur Frage zurückführen, welche Anlage die beste, sprich die wirtschaftlichste ist.

Konkreter Nachweis der Refinanzierung

Stattdessen bietet sich eine Argumentation, die das Thema „welche Energieeffizienz bekomme ich für meine Investition“ ausklammert. In der Realität wird eine Investition nach kaufmännischen Gesichtspunkten getätigt, auch bei Amateurvermietern, mögen sie noch so wohlhabend und klimafreundlich sein. Es hilft wenig, darauf hinzuweisen, dass die Investitionskosten im Verlauf von 20 Jahren schon wieder reinkämen, per Umlage natürlich. Entscheidend für eine Kaufentscheidung sollte doch sein, dass die Refinanzierung kaufmännisch konkret nachgewiesen werden kann und dem Investor einsichtig wird, dass er vom Einbau einer großen Solaranlage profitiert. Und zwar nicht nur bei der Steigerung seines Kapitalwerts, sondern bei seiner jährlichen Renditerechnung. Der Verweis auf den Kapitalwert bleibt letztlich abstrakt und materialisiert sich eh nur bei der Veräußerung einer Immobilie. Konkret geht es um die Erhöhung der Nettokaltmiete, die, wenn die Anlage amortisiert ist, als Surplus in der Tasche bleibt. Und das möglichst ohne übermäßige Belastung mit der Mieterschaft. Das mag banal oder auch utopisch klingen oder für manchen unschicklich sein. Aber auch Solarwärmeanlagen werden letztlich nur verkauft, wenn sie profitabel sind, und wenn dies konfliktfrei mit der Mieterschaft realisiert werden kann.

So bleibt als Fazit, dass die ökonomischen, klimapolitischen und sozialen Vorteile einer solaren Modernisierung in der Kampagne nicht deutlich herausgearbeitet werden. Der grundsätzliche Unterschied zwischen einem schlichten Kesselersatz und der Investition in große Solaranlagen – das eine kostet Geld, und das andere kann zu einer langfristigen Erhöhung der Nettokaltmieten bei gleichzeitigen Vorteilen für die Mieterschaft führen – wird nicht deutlich. Der Paradigmenwechsel, den große Solarwärmeanlagen bringen können, so sie denn laufen und zu einer nachweisbaren Steigerung der Gesamtenergieeffizienz und darüber zur Rentabilität führen, wird nicht postuliert. Die Kampagne Solar – so heizt man heute hat diese Chance verpasst.

Klaus Oberzig
Der Autor: Klaus Oberzig ist Wissenschaftsjournalist in Berlin und befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Solare Wärme und Solare Modernisierung. Er betreibt das Medienbüro Scienzz Communication. Neben Fachartikeln, Broschüren und Büchern bietet er Fachvorträge und Beratung zu Fragen der Rentabilität großer Solaranlagen. E-Mail: oberzig@scienzz.com

Bild oben: Gute Frage: Warum scheitert Solarthermie im größeren Maßstab oft, während sie für Ein- und Zweifamilienhäuser funktioniert?
Bild unten: Entscheidend für eine Kaufentscheidung ist der konkrete Nachweis der kaufmännischen Refinanzierung einer großen Solaranlage. Diesen Nachweis blieb die Branche bisher schuldig.


Fünf Kriterien für eine Auswahl großer Solaranlagen

  • Solarwärmeanlagen sind Hybridsysteme, die man für die Heizung und die Warmwasserversorgung einsetzen sollte; reine WW-Anlagen sind nicht wirtschaftlich genug
  • Eine Anlage sollte mit allen anderen Energieträgern, also Öl, Gas, KWK-Fernwärme, Pellets und Erdwärme, kombinierbar sein, um jederzeit wechseln zu können
  • Das technische Prinzip der Vorwärmanlagen ist überholt, eine direkte Belieferung der Verbraucher (Warmwasser und Heizung) mit der geernteten Sonnenwärme ist wirtschaftlicher
  • Wärmemengenzähler und Online-Monitoring sind Stand der Technik und sollten als Teil der Anlage angesehen werden
  • Mit Systemanbieter, Installateur und/oder Planer sollten eindeutige und überprüfbare Werte bezüglich der Einsparziele und der Gesamteffizienz auf Basis einer Rentabilitätsberechnung vereinbart werden