Ein Blick über den Tellerrand verrät, wie es die Nachbarn in Sachen Fassade halten: Mit einer kleinen, aber feinen Auswahl von Fassadenbegrünungen wirbt der österreichische Verband für Bauwerksbegrünungen für mehr Grün in der Stadt. Paradebeispiel ist eine Wohnanlage im Kammelweg in Wien.
Die Anlage befindet sich im 21. Wiener Gemeindebezirk nahe der Prager Straße. Das umgebende Areal ist vor allem durch andere Wohngroßanlagen und deren Grünräume geprägt. Die am Kammelweg errichtete Wohnanlage trat 2007 in die Planungsphase. Der Bauträger des Projekts ist die EBG, eine Wiener Wohnbaugenossenschaft. Die fertige Anlage sollte den Zeitgeist „Nachhaltigkeit“ und „energieeffizientes Bauen“ aufgreifen und so auch einige nicht dem Durchschnitt entsprechende Techniken des modernen Wohnbaus in das Konstrukt einfließen lassen. Ziel des Bauträgers: ein Pilotprojekt zum Thema „energiehocheffizientes Bauen“ zu entwickeln. Es sollte ein ökologisch nachhaltiges Musterprojekt im Rahmen des geförderten Wohnbaus durch den Einsatz von innovativen Fassadendämmstoffen, selbstreinigenden Fassaden, baulichen Maßnahmen sowie entsprechender Bauwerksbegrünung umgesetzt werden.
Das Projekt am Kammelweg ging 2008 in die Bauphase und wurde im Mai 2010 fertiggestellt. Die Vorgaben des Architekten in Bezug auf die geplante Begrünung der Fassade waren nur durch die Form der Loggien und somit auch des Wandgrüns begrenzt. Die mit der Ausführung betraute Firma Mischek und deren Tochterunternehmen Bauxund begannen mit der Suche nach geeigneten Systemen und Unternehmen für die Fassade. Die Entscheidungen zur genauen Ausprägung der beiden Fassadenteile fiel im späten Bauverlauf. In Kooperationsarbeit mit der Universität für Bodenkultur und dem Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau (Arbeitsgruppe Vegetationstechnik) gelang es, einen effektiven und angepassten Lösungsansatz für die Fassadenbegrünung auszuarbeiten.
Ausgeklügelte Konstruktion und Bepflanzung
Deutlich zu erkennen ist die zwischen den Loggien befindliche Edelstahlkonstruktion mit den darin integrierten Pflanztrögen. In das turmförmige Gerüst eingehängt befinden sich die mit einem Überlauf und Zuleitungen für Wasser und Düngemittel ausgestatteten Substraträume für die Pflanzen. Diese sind mit mehreren Schichten ausgestattet. Auf die Dränageschicht aus Kies und ein Filtervlies folgt der Substrataufbau mit den darin eingebetteten Pflanzen. Abschließend an das Substrat wird ein Unkrautvlies angebracht und eine Kiesschicht aufgebracht. Die Überläufe sind an das im Querschnitt rohrförmige Stahlprofil der äußeren Turmkonstruktion angeschlossen. So wird überschüssiges Wasser sicher abgeleitet und gelangt nicht an die empfindliche Fassade. Zwischen den Kleingärten am Boden befinden sich eigens gegossene Betontröge. Diese sind ebenfalls nach dem Prinzip Dränagekies, Filtervlies und Substrat aufgebaut und unterstützen das Wandgrün mit zusätzlichen Pflanzen. Bedeckt wird die Oberfläche des Substrats von einem Unkrautvlies und einer Kiesdeckschicht. Der Betontrog verfügt über Entwässerungsschlitze und steht auf einem Streifenfundament, in dieses eingebettet liegt ein Dränagerohr. Je nach Lage werden verschieden viele Seile gespannt: An der Frontseite der Turmkonstruktion werden fünf Seile hochgezogen, seitlich drei. Die Querverspannung zum nächsten Turmelement wird mit sieben Seilen hergestellt. Diese werden in regelmäßigen Abständen zur Fassade mit Halterungen verankert. Die Materialwahl wurde sowohl von der Dauerhaftigkeit und Stabilität der Anlage als auch vom angestrebten optischen Erscheinungsbild beeinflusst. Für die Begrünung der Anlage sorgen ausschließlich Kletterpflanzen. Die Pflanzarbeiten am Kammelweg befinden sich derzeit in der Fertigstellungsphase. Die Fassaden am Kammelweg sollen nun für einige Jahre als Versuchsanlage zur Verfügung stehen und werden Gegenstand verschiedener Studien zum Thema Fassadenbegrünung sein.
ww.gruendach.at
Vera Enzi
Bild: So soll die Wohnanlage Kammelweg 8 in Wien einmal aussehen. Derzeit wird bepflanzt. (Vera Enzi)

