In der Praxis schafft die Gebäudeautomation (GA) immer wieder Probleme, vor allem wenn erweitert, ersetzt oder umgebaut werden muss. Ein ehrgeiziges Projekt namens Peace of Mind will jetzt Abhilfe schaffen und herstellerunabhängig Transparenz in den Markt bringen. Der Immobilienverwalter hat mit Patrick Lützel von Saia-Burgess darüber gesprochen.
Herr Lützel, wie genau funktioniert Peace of Mind?
Peace of Mind gibt es seit rund anderthalb Jahren. Unsere Erfahrung damit ist, dass die Initialzündung für nachhaltige Anlagenplanung in der Regel vom Endanwender selbst kommt. Die verantwortlichen Ausführenden würden am liebsten alles so machen wie bisher, sich von einem Hersteller die Zuarbeiten machen lassen und darauf vertrauen, dass dies schon die richtige Lösung für ihren Anwendungsfall ist. Dabei liegt der Fokus bisher nur darauf, dass die Anlage bei der Abnahme und Übergabe funktionieren muss. Was die nächsten 20 Jahre während der Betriebsphase passiert, interessiert sie dabei nicht. Das ist in der Regel ja auch eine andere Kostenstelle. Sie müssen daher schauen, dass sie die Anlagen möglichst günstig mit dem knappen Budget realisieren. Alle optimieren genau nach diesem Anschaffungspreis. Und hier greift das Peace of Mind ein. Wir definieren mit herstellerneutralen Texten (Leistungsbeschreibungen) eine Technologieplattform und zeigen, welcher Nutzen für den Betreiber durch die Web- oder IT-Technologie, durch offene Kommunikation und das industrielle Design entsteht. Damit wird systematisch Stress, Ärger und Mühsal in der Betriebsphase durch aktuell gültigen Stand der Technik reduziert. Deshalb greifen wir quasi von oben bei den Entscheidern ein, um ihnen die Idee und den resultierenden Nutzen, gerade auch für die zukünftigen Herausforderungen – sei es CO2-Einsparung oder der demografische Wandel – darzustellen. Somit können sie diese Texte einfach ihrem Planer geben und sagen: „Das ist die Technologie, die ich haben möchte, das ist meine zukünftige Plattform. Kümmere dich bitte darum, egal, wen du als Hersteller nimmst.“ Momentan ist die Marke Peace of Mind aus rechtlichen Gründen an uns gebunden. Das nährt den Verdacht, dass der Standard mit Saia zusammenhängt. Unsere Intention ist jedoch, dass wir die Marke abgeben, sobald sich eine herstellerneutrale Organisation findet, die geeignet ist, sie zu übernehmen.
Wie kommt ein Hersteller von GA-Komponenten und -Systemen dazu, sich gegen eine proprietäre Strategie zu entscheiden und für offene, transparente Systeme zu werben?
Wir haben den Markt analysiert und ermittelt, wo der Bedarf am größten ist. Dabei haben wir festgestellt, dass sich der Kunde oft transparente Systeme wünscht, die er im Lebenszyklus der Anlage einfach erweitern kann, bei denen er die Daten einfach erfassen und mit einfachen Mitteln bedienen kann. Wir haben seit 2001 unsere Plattform sukzessive dahingehend entwickelt, dass sie den ermittelten Kundenwünschen der Betreiber und Investoren entspricht. Bei unserem Geschäftsmodell arbeiten wir ausschließlich über Systemintegratoren, sind also reiner Hersteller der Hardware-Plattform und der Engineering-Tools. Weil wir keine Integration machen, keine Anlagen einbauen und betreiben, sind wir nicht direkt am Endkunden. Um unseren Systemintegratoren mehr Marktpotenzial zu erschließen, versuchen wir, den Peace-of-Mind-Gedanken bei Endkunden und Betreibern zu platzieren, damit sie sich Gedanken über die Nachhaltigkeit ihrer Systeme machen. Momentan gibt es auf dem Markt kaum ein weiteres Produkt, das die Gebäudeautomation so nachhaltig betrachtet wie Peace of Mind (POM).
Ist die Umsetzung nicht auch eine Frage der Investitionssicherheit für den Auftraggeber?
Ja, das ist theoretisch auch eine Sicherheit für den Endkunden. Momentan läuft es jedoch oft so: Der Verantwortliche ruft seinen Hersteller an und lässt sich von ihm bestätigen, dass seine Komponenten die Anforderungskriterien von Peace of Mind erfüllen – aber es gibt keinen Menschen, der die Richtigkeit der Angaben kontrolliert. Plötzlich können ganz viele Hersteller fast alles. Der Verantwortliche kann es nicht beurteilen, weil er meistens technisch nicht dazu in der Lage ist, und der Endkunde schon gar nicht. Deswegen haben wir mit dem TÜV Süd ein Prüfverfahren entwickelt, das gerade gestartet ist. Die standardisierte Prüfung lehnt sich an die Ausschreibungstexte an. Da wird relativ schnell und einfach geprüft, was für eine Hardware-Plattform eingebaut worden ist. Das soll auch Hersteller davon abschrecken, in den Anforderungsbögen überall „ja“ anzukreuzen. Somit kann nämlich der Verantwortliche zu seinem Kunden gehen und ihm drei Angebote zur Auswahl vorstellen und gleichzeitig sagen, wie weit die Anforderungen des Kunden in jedem Angebot erfüllt sind. Jeder Kunde kann selbst entscheiden, was er haben möchte und wie wichtig ihm Folgekosten sind. So werden im Angebotsverfahren nicht mehr Äpfel mit Birnen verglichen.
Gilt das auch für den Bestand?
Das gilt gleichermaßen für den Neubau sowie auch für die Sanierung von Bestandsanlagen. Sinnvoll ist eine Prüfung nur, wenn die Anlage im Vorfeld mit einem Peace-of-Mind-Anspruch geplant wurde.
Der nächste logische Schritt wäre dann, dass man die Menschen, die die Systeme implementieren und zusammenbringen, zertifiziert, oder?
Beim nächsten Schritt geht es auch darum. Dann kann ein Systemintegrator, der bereits einige Anlagen im Goldstandard realisiert hat, eine Zertifizierung erhalten. Wir gehen aber auch so weit, für unsere OEM-Kunden, die also nur unsere Produkte kaufen, bereits ihre Systeme zu zertifizieren. Der Kunde bekommt also eine Primär- oder eine Lüftungsanlage, auf der dann das goldene POM-Siegel prangt. Dann muss diese Automationsstation, wenn sie bereits eingebaut ist, nicht mehr durch den TÜV abgenommen werden.
Uns scheint, in der handwerklichen Ausführung liegt eine Sollbruchstelle?
Der TÜV prüft zum einen, ob die Komponenten für die Anforderungen geeignet sind, und zum anderen, wie die Anlage integriert ist. Wenn Web/IT zwar möglich, aber keine Homepage hinterlegt ist, dann ist das System an dieser Stelle schon mal durchgefallen. Es gibt immer wieder absurde Geschichten, zum Beispiel beim Batterietausch. Bei manchen Geräten kann man die Batterie nicht selber tauschen, weil dann die Garantie erlischt. Da muss dann erst ein Servicetechniker kommen, das Gerät unter Umständen ausbauen, einschicken und wieder einbauen. Ein weiteres Problem tritt immer wieder auch bei modularen Anlagen auf: Wie kann man ein Modul tauschen? Bei manchen Anlagen, besonders solchen in Scheibenbauweise, ist dieser Vorgang sehr aufwendig und fehleranfällig. Nach dem Peace-of-Mind-Gedanken funktioniert das System zum Beispiel wie ein Legobaukasten. Da wird das alte Modul abgezogen, das neue aufgesteckt – und fertig. Das sind alles nur Kleinigkeiten, aber wenn es so weit ist, entwickeln die sich schnell zu einem unnötigen Kostenfaktor. Wir haben auch nicht den Anspruch, dass Liegenschaften komplett mit Saia-Produkten ausgestattet werden. Die Verantwortlichen sollen Saia da nehmen, wo es Sinn macht, wo sie eigenen Nutzen davon haben. Und wenn es ein anderes Fabrikat gibt, das zum Beispiel für Beleuchtungssteuerung besser geeignet ist, sollen sie das nehmen. Wichtig ist, dass sie dafür sorgen, dass die Module sich verstehen können, dass sie offen sind, dass sie damit hinterher keine Probleme haben, dass die Energiedaten erfasst werden können, und so weiter. Bestes Beispiel ist ein weltbekanntes Kernforschungszentrum. Das betreibt mehr als 140 Liegenschaften. Über Jahre hinweg sind dort nur Komponenten eines Herstellers verbaut worden. Das System ist aber so wenig transparent und flexibel, dass die Betreiber noch nicht einmal wissen, wo sie welche Energieverbräuche haben. Und selbst wenn sie es mit viel Geld bezahlen könnten, könnte der Hersteller das nicht entsprechend nachrüsten. Wie wir es drehen und wenden, gelangen wir immer wieder zum Lifecycle-Management.
Wie wird Ihr Konzept am Markt angenommen?
Ich habe sehr viele Gespräche geführt. Viele größere Gebäude mit komplexen Anlagen haben das gleiche Problem. Deshalb rennen wir da offene Türen ein. Die herstellerneutralen Peace-of-Mind-Texte werden schon in vielen Bereichen und Ländern eingesetzt. Es gibt sie auf Italienisch, auf Englisch, auf Holländisch. Die Betreiber versuchen, das Konzept umzusetzen, doch bislang ändert sich nichts. Denn plötzlich können alle Hersteller alles. Da werden die Abfragen in der Regel alle mit „ja“ angekreuzt, und keiner kontrolliert das. Damit ist natürlich niemandem geholfen. Viel schlimmer noch: Der Endkunde glaubt jetzt, eine Peace-of-Mind-Anlage zu haben. Aber das böse Erwachen kommt ja nicht zum Zeitpunkt der Übergabe, es kommt erst nach ein paar Jahren, wenn es die ersten Erweiterungen oder Umbauten gibt. Unsere Antwort darauf ist ein einfaches, standardisiertes Audit durch den TÜV Süd.
www.pom.systemintegrator.org
Interview: Jörg Bleyhl
Oliver Mertens
Bild: Patrick Lützel im Gespräch mit dem Immobilienverwalter (Pressecompany)
