Interview mit dem wohnungswirtschaftlichen Unternehmensberater Rainer Mürköster

Entwicklung im Kabelmarkt ist nicht ganz abgeschlossen

Bewegungen im Kabelmarkt?Rainer Mürköster kommt aus der Wohnungswirtschaft und berät mit seinem Unternehmen IMC seit etwa 15 Jahren Wohnungsunternehmen in Sachen Medienversorgung. Das Modernisierungs-Magazin hat mit dem Multimedia-Fachmann über den Breitbandmarkt gesprochen.

Herr Mürköster, welche Bewegungen gibt es heute im Kabelmarkt?

In der Vergangenheit hat sich ja schon einiges verändert. Der Markt hat sich völlig neu geordnet. Aus der Privatisierung der ehemaligen Telekom-Kabelunternehmen heraus haben sich einige wenige Player herausgebildet: Kabel Baden-Württemberg, Kabel Deutschland, Unitymedia, aber auch Unternehmen wie die Tele-Columbus-Gruppe. Diese Entwicklung im Kabelmarkt ist sicherlich noch nicht ganz abgeschlossen, da wird sich noch der eine oder andere Wechsel von Beständen unter den Unternehmen ergeben. Vielleicht werden in ein bis zwei Jahren auch Käufe oder Verkäufe getätigt, die im Moment aus  wirtschaftlichen Gründen nicht infrage kommen. Aber man darf nicht nur den Kabelmarkt sehen, sondern den gesamten Markt für Telekommunikation und alles, was mit Multimedia zu tun hat.

In letzter Zeit war zu hören, dass die Telekom und andere Telekommunikations-(TK-)Unternehmen sich durch die Kabelnetzbetreiber (KNB), die hohe Bandbreiten zu sehr günstigen Preisen anbieten können, unter Druck sehen.

Das war auch einer der Gründe, warum die EU-Kommission einst die Privatisierung des Kabels wollte. Deshalb musste sich die Telekom von ihrer zweiten Datenautobahn trennen. Es ist zwar nicht so schnell passiert, wie man sich das vorgestellt hat, aber heute ist die Konkurrenz da. In zehn Jahren wird Triple Play Standard sein, und eine Wohnung ohne Multimedia-Anschluss wird genauso schwer zu vermieten sein wie heute eine Wohnung ohne Telefon oder Wasseranschluss. Breitbandige Kommunikationsmöglichkeiten werden immer wichtiger, wenn es darum geht, Mieter länger an eine Wohnung zu binden oder Serviceleistungen für ältere Menschen in den Wohnungen anbieten zu können. Gerade für ältere Mieter müssen Service-Angebote verfügbar sein, die finanzierbar sind. Das ist heute schon ein Problem.

Triple Play setzt natürlich viele Investitionen voraus. Die KNB sind in Händen von Finanzgesellschaften. Bekommen die Kabler in Zeiten der Finanzkrise das Geld für ihre Modernisierungen überhaupt zusammen?

Das sind ja in der Regel Investitionen, die über einen längeren Zeitraum refinanziert werden. Wir reden hier von 10 bis 20 Jahren, je nach Kalkulation und Preispolitik. Sicherlich wird die Finanzkrise auch Auswirkungen haben. Wo das Ganze hinläuft, wissen wir ja alle nicht. Ich glaube aber, das wird, wenn überhaupt, nur ein kurzfristiges Problem sein. Mit den Wohnungsunternehmen als Sicherheit sieht es für die KNB bei den Banken ganz anders aus als zum Beispiel in der Automobilindustrie. Wohnen ist ein Gut, das jeder haben muss, und es sieht nicht so aus, dass die Eigentumsquote plötzlich steigt. Es wird trotz abnehmender Gesellschaft mehr Menschen geben, die Kunden von Wohnungsunternehmen sind. Deshalb wird es für Wohnungsunternehmen wirtschaftlich sinnvoll sein, wieder vermehrt refinanzierte Eigeninvestitionen in die Netzinfrastruktur ihrer Häuser vorzunehmen.

Bisher war die sogenannte letzte Meile, der Hausanschluss, der Flaschenhals der Digitalisierung. Modernisieren die Wohnungsunternehmen oder betrachten sie es noch als „nice to have“?

Es ist teilweise noch ein Nice to have. Es kommt darauf an, wie stark unter Druck das Wohnungsunternehmen ist. Je höher die Gefahr steigender Leerstandsquoten, desto mehr beschäftigt sich das Unternehmen mit dem Thema Dienstleistung, und da ist Multimedia eines davon, ein Vermarktungsfaktor. Denen, die unter Druck sind, bleibt gar nichts anderes über. Was sicherlich noch nicht in allen Unternehmen angekommen ist, ist die Betrachtung der Entwicklung in den nächsten zehn Jahren. In der Vergangenheit war es so, dass alle fünf oder zehn Jahre die Verträge ausliefen und dann neue geschlossen wurden. Bisher waren die Konditionen über die gesamte Vertragslaufzeit fest, bestehend aus einem Hardware-Anteil und dem Content, also Inhalten. Diese Inhalte verändern sich nun. Und damit werden sich auch die Preise verändern. Deshalb ist es wichtig, dass das Unternehmen sich nicht zehn Jahre an einen Anbieter bindet, sondern dass das Wohnungsunternehmen seinen Mietern auch sich verändernde Angebote zu marktgerechten Preisen zur Verfügung stellen kann. Auch ein TK-Unternehmen hat in der Regel ein Interesse daran, die Preise so zu gestalten, dass sein Angebot wahrgenommen wird. Wenn aber das Wohnungsunternehmen sich durch zu langfristige Verträge nicht mehr bewegen kann, wirkt sich dies unter Umständen in den nächsten zehn Jahren negativ auf die Vermietung aus.

Also raten Sie von Vorfinanzierungen für die Modernisierung von Hausnetzen, wie sie mancher KNB für die Wohnungswirtschaft anbietet, ab?

In der Vergangenheit gab es nur zwei Geschäftsmodelle: Entweder das Wohnungsunternehmen investiert oder der KNB. Das ist zum Glück aufgeweicht worden. Es gibt heute Geschäftsmodelle, die auch innerhalb der Vertragslaufzeit einen Strategiewechsel ermöglichen, indem man die Möglichkeit des Rückkaufs vereinbart. Das sollte aber zu fest vereinbarten Konditionen passieren, die sich zum Beispiel an den Abschreibungen orientieren können. Wenn ich diese Möglichkeit habe, kann ich mich komplett neu positionieren. Entweder selbst zu investieren, selbst zu vermarkten oder den Vermarktungspartner zu wechseln. Wer die Verträge intelligent gestaltet, muss sich nicht langfristig an einen Partner binden. Das ist der wichtige Punkt, wo meine Beratung ansetzt, damit das Kerngeschäft der Wohnungsunternehmen, die Vermietung oder der Verkauf von Wohnungen, unterstützt wird. Es geht darum, flexibel zu sein, sich neu zu positionieren, Angebote und Preise jeweils anpassen zu können.

In den letzten Jahren gab es immer mal kleinere und größere Verwerfungen zwischen KNB und Wohnungswirtschaft. Wie ist dieses Verhältnis heute?

Diese Verwerfungen hat es deshalb gegeben, weil es starre Verträge gab, aus denen die Wohnungsunternehmen nicht herauskamen. Daraus sollte man lernen, keine solchen Verträge zu machen. Wenn die Machtpositionen gleich verteilt sind, wird es solche Verwerfungen nicht mehr geben. Wenn aber Wohnungsunternehmen weiter solche Verträge abschließen, wird es auch immer wieder zu Streit kommen, weil sie nicht die Möglichkeit haben, sich gegen steigende Preise zur Wehr zu setzen. Wichtig ist, dass man auf Augenhöhe verhandelt. Das war nicht immer der Fall, und sicherlich hat auch mancher internationale Kabel-Investor den deutschen Markt nicht richtig eingeschätzt. Denn die Trennung der Netzebenen 3 und 4 ist ein deutsches Spezifikum, das man woanders nicht kennt. Deshalb haben die KNB manchmal mit sehr rigiden Verträgen die Wohnungswirtschaft brüskiert. Es hieß dann: ok, wir haben ja einen langfristigen Vertrag, jetzt können wir auch – egal in welcher Größenordnung – die Preise erhöhen. Das passiert der Wohnungswirtschaft nicht mehr, dafür steht unsere Beratung.

Spielen Satellit oder das Internet-Fernsehen IP-TV in Zukunft eine Rolle, oder behält das Kabel seine beherrschende Stellung?

Die Formel heißt nicht: Wohnungswirtschaft ist gleich Kabel, sondern Wohnungswirtschaft ist gleich Telekommunikation. Und da wird die Zukunft neue technische Entwicklungen bringen. Aber diese Entwicklung wird alle Verbreitungswege betreffen, sowohl On-Air, wie Satellit, als auch das Kabel. Ohne technisch zu tief einzusteigen kann man jedoch sagen, dass die kabelgebundenen Möglichkeiten auch in Zukunft besser sein werden, zum Beispiel bei der Datenmenge und der Sicherheit. Es gibt natürlich Grenzen, die aber im Kabel weiter gesteckt sind als bei den anderen Übertragungswegen. Aber noch einmal sei klar gesagt: Multimedia ist kein reines Kabelthema, es ist ein Mix aus allem. Ein Wohnungsunternehmen, das eine Entscheidung über eine Versorgungsart trifft, muss dies ja auch nicht zwangsläufig für den gesamten Wohnungsbestand tun. Es wird immer mehr diversifiziert werden, je nach Zielgruppe, denn zusätzliche Leistungen müssen ja auch bezahlt werden. Deshalb werden die Unternehmen je nach Objekt sagen: Hier brauche ich eine Grundversorgung, und hier wollen viele Mieter Premium-Angebote. Insbesondere beim Content wird es große Unterschiede geben. Die Frage, ob man als Wohnungsunternehmen an diesem Kuchen Medienversorgung mitverdient oder nicht, wird in Zukunft übrigens nicht die entscheidende sein. Die entscheidende Frage ist: Kann ich meine Wohnungen vermarkten?
Sie haben bereits einen kleinen Blick in die Zukunft gemacht. Wagen Sie eine Prognose, wie der Markt in zehn Jahren aussieht?

Ich hab mir das vor zehn Jahren nicht zugetraut und hätte Ihnen damals dieselbe Antwort gegeben, wie ich sie Ihnen heute geben muss. Es wird ganz anders aussehen, als wir es uns jetzt vorstellen. Es wird neue Inhalte und Vermarktungswege geben. Sicher ist, dass es eine erhebliche Veränderung bei Technik und Inhalten geben wird. Darauf müssen sich die Wohnungsunternehmen einstellen. Und dann ist es egal, welche Technik sich durchsetzt. Wichtig ist nur, dass die Angebote in die Wohnungen kommen und damit die Vermarktungsmöglichkeiten stärken. Sie stellen bereits heute manchmal fest, dass Sie eine Wohnung, in der kein DSL verfügbar ist, schlechter vermarkten können. Das ist für manchen ein Kriterium, auf der anderen Straßenseite zu mieten, wo es zum Beispiel Triple Play per Kabel gibt.

Wenn ein Geschäftsführer oder Vorstand heute Entscheidungen zur Medienversorgung trifft, ist er gut beraten, dies mit fachlicher Hilfe zu tun, gerade weil er sich nicht tagtäglich mit diesem Thema beschäftigt. Früher gab es nur Standardverträge. Heute müssen Wohnungsunternehmen nicht unbedingt Angebote von der Stange annehmen. Mit vielen Wohneinheiten im Rücken kann man durchaus aktiv auf die Vertragsgestaltung Einfluss nehmen. Dafür ist aber ein fachlich versierter und vor allem unabhängiger Berater nötig, der nicht die Interessen eines einzelnen Multimedia-Unternehmens vertritt, sondern auf der Seite des Wohnungsunternehmens ist und neben der Multimedia-Kompetenz vor allem auch wohnungswirtschaftliche Kompetenz hat.

Interview: Oliver Mertens
Bild: Rainer Mürköster berät mit seinem Unternehmen IMC (www. imc-online.eu) seit 15 Jahren die Wohnungswirtschaft.