Mit Solar und Co. vollwertig heizen?

Regenerative Energien im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit

Regenerative Energien im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und WirtschaftlichkeitNachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehen bei einer Heizungsmodernisierung Hand in Hand. Längst nicht immer sind zwangsläufig Technologien auf Basis erneuerbarer Energien die am besten geeignete Lösung. Moderne Heizungen sind effiziente Systeme, die zum einen fossile Energieträger so sparsam wie möglich verwenden und zum anderen Technologien auf Basis erneuerbarer Energien einbinden. Gerade in der Wohnungswirtschaft lassen sich auf diese Weise deutliche Einsparungen erzielen. Im Gespräch mit dem Modernisierungs-Magazin erläutert Marc Andree Groos, Geschäftsführer Vaillant Deutschland, die Möglichkeiten von erneuerbaren Energien in der Wohnungswirtschaft und die damit verbundenen Chancen für Mieter und Vermieter.

Herr Groos, was bedeutet für Sie der Begriff der Nachhaltigkeit bei erneuerbaren Energieträgern für den Einsatz in der Wohnungswirtschaft?
Groos: Generell betrachten wir Nachhaltigkeit in mehreren Dimensionen: ökologisch, ökonomisch und sozial. Hier versuchen wir pragmatische Antworten zu finden. In der Wohnungswirtschaft reden wir über Bestands- und Werterhaltung über mehrere Jahre oder sogar Generationen hinweg. Die ausschließliche Versorgung von Mehrfamilienhäusern im Baubestand mit erneuerbaren Energieträgern ist beim derzeitigen Stand der Technik nur bei vollständig energetisch sanierten Gebäuden umsetzbar. Deshalb stellt in der Wohnungswirtschaft derzeit noch die Energieeffizienz und nicht die erneuerbaren Energieträger den größten Hebel zur Einsparung von Heizkosten und CO2-Emissionen dar. Wir alle kennen die Statistiken, dass die durchschnittliche deutsche Heizung rund 24 Jahre alt ist. Wenn Sie sich vorstellen, dass auf unseren Straßen nur 24 Jahre alte Autos fahren würden, haben Sie in etwa ein Bild davon, wie es in bundesdeutschen Heizkellern aussieht. Der größte Effekt in punkto Einsparung und Klimaschutz wird deswegen dadurch entstehen, dass wir diese Altanlagen gegen moderne Wärmeerzeuger in Kombination mit erneuerbaren Energieträgern tauschen. Darin sehe ich eine tragfähige, wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung für die Wärmeversorgung im Mehrfamilienhaus, die Heizkosten und CO2-Emissionen spürbar senkt.

Sie plädieren also auf jeden Fall für einen Energiemix zwischen fossilen und erneuerbaren Energieträgern?
Groos: Ja – mit der Priorität, die Grundversorgung über hocheffiziente Brennwerttechnik umzusetzen. Hiermit erziele ich mit Blick auf Verbrauchskosten und CO2-Ausstoß die größten Einsparungen. Diese höhere Energieeffizienz wird durch erneuerbare Energieträger noch einmal optimiert.

Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht denn generell für den Einsatz erneuerbarer Energieträger im Mehrfamilienhaus?
Groos: Erneuerbare Energieträger sind ein wichtiger Bestandteil in der künftigen Wärmeversorgung, sowohl im Neu- als auch im Bestandsbau. In Deutschland haben wir das größte Effizienzsteigerungspotenzial im Baubestand, da die Neubautätigkeit nur noch gering ist. 40 Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs wird in bundesdeutschen Privathaushalten verbraucht. Deswegen haben wir hier noch vor Industrie und Straßenverkehr den größten Hebel, um aktiv zu werden. Kurzfristig können erneuerbare Energieträger aber fossile Energieträger nicht ersetzen. Deswegen ist es wichtig, dass wir Gas und Öl so effizient wie nur eben möglich verwenden. Mit unseren aktuellen Gas- und Öl-Brennwertgeräten sind wir genau an dieser Schwelle angekommen. Eine weitere Effizienzsteigerung ist aufgrund der physikalischen Gesetze kaum noch machbar. Deswegen ist jetzt der Zeitpunkt gut, um in neue Heiztechnologie zu investieren.

Wann würden Sie denn den Einsatz von erneuerbaren Energieträgern im Mehrfamilienhaus generell ablehnen?
Groos: In keinem Haus lässt sich von vorneherein eine Teilversorgung mit erneuerbaren Energieträgern ausschließen. Für jede Immobilie gelten andere Rahmenbedingungen. Wichtig ist das dahinterstehende Gesamtkonzept und eine individuelle Planung sowie Analyse. Bestimmte Energiearten und Möglichkeiten der Wärmversorgung kann ich nur wirtschaftlich nutzen, wenn die Vorlauftemperatur deutlich gesenkt wird. Das heißt: Hier ist ein energetisches Gesamtkonzept im Baubestand gefragt, das auch die Gebäudedämmung, die Fenster und die Türen einschließt. Allerdings kann ich sofort und ohne Einschränkungen in jedem Gebäude, das sich baulich eignet und über eine zentrale Wärmeversorgung verfügt, Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung nutzen. Eine Herausforderung ist derzeit noch die Verbindung eines dezentralen Wärmeerzeugers auf der Etage mit erneuerbaren Energieträgern. Aber auch hier sind wir zuversichtlich, mittelfristig interessante Konzepte anbieten zu können.

Inwiefern eignet sich denn aus Ihrer Sicht die Fotovoltaik, um sie auf einem Mehrfamilienhaus zu nutzen?
Groos: Bei Fotovoltaik haben wir auf der einen Seite einen Markt, in dem durch ein sehr intelligentes Konzept der Einspeisevergütung eine erneuerbare Energiequelle gefördert wird. Auf der anderen Seite erzeugen derartige Markteingriffe immer Verzerrungen und irrationale Richtungsentscheidungen. Wir kennen genügend Fälle, bei denen auf Dächern unsanierter Bestandsbauten eine Fotovoltaikanlage installiert wurde und in den Kellern ein 30 Jahre alter Wärmeerzeuger arbeitet. Die daraus resultierende Senkung der CO2-Emissionen lag deutlich unter dem, was die Erneuerung des Heizsystems gebracht hätte. Wir müssen viel stärker darauf achten, welchen Mehrwert eine Technologie erbringt. Bei Gebäuden, die energetisch entsprechend saniert sind, ist eine Fotovoltaikanlage eine ideale Ergänzung – zum Beispiel um ökologisch einwandfrei produzierten Strom für eine Wärmepumpenanlage zu liefern. Ich glaube, dass zunächst moderne Brennwerttechnik in Kombination mit erneuerbaren Energieträgern einen deutlich höheren Beitrag zur Werterhaltung eines Gebäudes und zur Reduzierung der Energiekosten leistet.

Welche Priorität nimmt denn Ihrer Ansicht nach die gute energetische Klassifizierung eines Gebäudes ein – gerade im Hinblick auf Leerstandsquoten?
Groos: Wenn man heute aktuelle Prospekte von Neubauten sichtet, dann sticht das Thema Energieeffizienz weit hervor. Aber im Bestand existiert noch deutlicher Nachholbedarf in Bezug auf die Senkung der Nebenkosten. Es gibt genügend Beispiele dafür, wie sich durch den Einsatz von effizienter Technik in Kombination mit erneuerbaren Energieträgern die Nebenkosten drastisch senken ließen. Dies ist eine für den Mieter sehr plastische Darstellung des Engagements seitens des Vermieters, durch den sich letztendlich die Leerstandsquote sichtbar reduzieren lässt und der Wert der Immobilie steigt.

Wie ließe sich das Spannungsfeld bei erneuerbaren Energien denn aus Ihrer Sicht beschreiben?
Groos: Beim Einsatz erneuerbarer Energieträger sind die Investitionskosten häufig ein Knackpunkt. Im Rahmen einer Entscheidung für die energetische Sanierung und damit in der Regel auch für die Einbindung erneuerbarer Energieträger in die Wärme- und Energieversorgung eines Objekts muss der Vermieter in Vorleistung gehen. Im Anschluss sinken jedoch die Kosten für die Wärme- und Energieversorgung. Vordergründig profitiert davon allerdings der Mieter und nicht der Investor. Um dieses Dilemma zu lösen, werden wir um eine Änderung des Mietrechts nicht herumkommen. Die Investitionskosten müssen auch auf die Miete mit 20 oder 30 Prozent umgelegt werden können. Schließlich profitieren die Mieter von deutlich geringeren Energiekosten. Wie schnell sich diese Erstinvestition amortisiert, hängt damit nicht nur von der Entwicklung der Energiepreise für fossile Energieträger, sondern auch zum Beispiel von der Senkung der Leerstandsquote oder der Wertsteigerung der Immobilie ab.

Bieten Sie Konzepte an, mit denen sich die Startinvestitionen in die Wärme- und Energieversorgung eines Mehrfamilienhauses optimieren lassen?
Groos: Grundsätzlich bietet der Markt eine Vielzahl an intelligenten Konzepten und Modellen, wie Investitionen in moderne Heiztechnik sichergestellt werden können, ohne dass die Erstinvestition selbst geleistet werden muss. Gerade das Contracting hat hier eine sehr interessante Marktnische gefunden und ist zu einer soliden Basis geworden, um das finanzielle Engagement auf einen äußerst engen Rahmen zu begrenzen. Contracting ist nie zu einem Massenphänomen geworden, aber wo es sich entwickelt hat und lokale Konzepte mit lokalen Anbietern bestehen, wird Contracting künftig auch eine größere Rolle spielen.

Vaillant deckt heute bereits rund 98 Prozent aller Anforderungen und Möglichkeiten in der Wärme- und Energieversorgung von Mehrfamilienhäusern ab. Dazu bieten wir ein Netzwerk von Partnern, die bundesweit bei der Ausarbeitung intelligenter Konzepte und maßgeschneiderter Modelle unterstützen. Über dieses Netzwerk bieten wir vor Ort nicht nur Planung, sondern auch Betreibermodelle an, sodass für das Wohnungsunternehmen eine individuelle Lösung entsteht.

In den kommenden Jahren werden Blockheizkraftwerke steigende Bedeutung erlangen. Hierfür werden künftig neue Finanzierungswege entstehen, wenn der Markt das verlangt. Das Potenzial, den umweltfreundlich erzeugten Strom kostengünstig an die Mieter zu verkaufen, wird gerade in Zeiten des Smart Metering zu einem wichtigen Argument für kosten- und umweltbewusste Mieter werden. Insgesamt wird die Haustechnik hier in den kommenden Jahren weitere Möglichkeiten bieten, mit deren Hilfe die Leerstandsquoten reduziert werden können.

red
Bild: Marc Andree Groos, Geschäftsführer Vaillant Deutschland: „Der größte Hebel zur Einsparung von Heizkosten in der Wohnungswirtschaft ist die Energieeffizienz.“