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Interview mit Michael Harjes zur Lüftung im Wohnungsbau

Lüften der Wohnung und die Energieeinsparverordnung (EnEv)

Michael Harjes ist Energieberater aus Leidenschaft und mit Humor. Das Steckenpferd des Sachverständigen und ehemaligen Bundesvorsitzenden des Energieberaterverbands GIH sind Lüftungsanlagen im Wohnungsbestand. Dieses Thema wird zurzeit immer wieder heiß diskutiert. Der Immobilienverwalter hat nachgefragt.

Herr Harjes, ist das Lüften per Fenster ein Auslaufmodell?

Lüftung im Wohnungsbau und die EnergieeinsparverordnungHarjes: Ich würde das pauschal so nicht sagen. Wenn wir bei heißen Tagen wie jetzt im Sommer die Nachtkühle nutzen wollen, ist es natürlich absolut sinnvoll, wenn man nach wie vor noch lüften kann. Für diesen Fall gesprochen ist die Fensterlüftung definitiv kein Auslaufmodell. Außerdem gibt es Menschen, die sich eingesperrt fühlen, wenn sie keine Fenster öffnen können. Von Wohnungsnutzern kommt auch immer wieder die Aussage, ich will doch wenigstens die Vögel hören. Das sind alles Argumente, gegen die man nichts sagen kann, das ist in Ordnung.

Hauptargument für Lüftungsanlagen

Jetzt kommt die andere Seite der Medaille. Wenn wir im Sommer innen und außen annähernd gleiche Temperaturen ohne Windbewegung haben, dann kann man 24 Stunden am Tag die Fenster aufreißen, wird aber immer noch keinen Luftaustausch haben. Das ist natürlich auch ein Hauptargument für Lüftungsanlagen. Weitere Argumente für Lüftungsanlagen sind auch in diesem Zusammenhang die Reduktion des CO2-Gehalts in der Luft und der Abtrag der Schadstoffe, die sich in der Raumluft durch Emissionen zwangsläufig immer wieder bilden. Mit einer Lüftungsanlage kann man kontrolliert lüften, weil hierbei über Ventilatoren und motorischen Antrieb eine Luftbewegung generiert wird.

Das Thema kontrollierte Wohnungslüftung wird zurzeit sehr stark diskutiert. Je nach Lesart der Energieeinsparverordnung (EnEv) 2009 sagen die einen, man muss, und die anderen, man muss nicht im Bestand nachrüsten. Was ist Ihre Meinung dazu?

Harjes: Grundsätzlich versucht der Gesetzgeber, nichts vorzuschreiben. Die Lesart allerdings ist durchaus so: Wenn ich bestimmte Ziele erreichen will und das Thema Lüften übergehe, muss ich tatsächlich sehr stark in anderen Bereichen aufrüsten, um diesen sogenannten Hauptargument für Lüftungsanlagenzu kompensieren.

Anforderungen der Energieeinsparverordnung

Je mehr die Anforderungen im Bereich der Energieeinsparverordnung steigen, umso schwieriger wird es, diese Ziele wirklich noch zu erreichen, wenn ich die Lüftung ausklammere. Natürlich kommen noch viele andere Aspekte hier dazu. Die konkrete Antwort auf Ihre Frage ist ganz einfach: Nein, es gibt keine verbindlichen Zwang dazu. Er ergibt sich, wie gesagt, unter Umständen aus den Rahmenbedingungen, wenn ich bestimmte Ziele erreichen will oder muss.

Bleiben wir beim Bestand. Wenn ein Gebäude gedämmt wird, die Fenster gemacht werden und die Hülle dicht gemacht wird, empfehlen Sie dann grundsätzlich eine Wohnraumlüftung?

Harjes: Sagen wir es mal so: Die gängige Rechtsprechung sieht zu sehr großen Teilen so aus, dass es für den Planer oder Umsetzer ganz schwierig wird, hier wirklich sicheres Eis zu betreten. Soll heißen der Architekt, der die Sache begleitet, oder auch der Handwerker, der neue Fenster einbaut, teilt heute den Wohnungsnutzern häufig lapidar mit: „Sie müssen lüften.“ Das wird in Zukunft definitiv nicht mehr ausreichen.

Wie oft Lüften?

Die Frage, die sich zwischenzeitlich aus vielen Urteilen ergibt, ist: „Reicht dreimaliges Lüften am Tag tatsächlich aus?“ Oder müssten es – wie wir Fachleute sagen – eigentlich schon fünf- bis sechsmal sein? Das Problem, das wir logischerweise mit dieser Frequenz haben, ist, dass die Wohnungsnutzer nicht in den Urlaub fahren dürfen. Auch dürften sie dann auf keinen Fall beide arbeiten gehen. Da wird es dann einfach schwierig.

Das kann ja in diesem Fall auch keiner kontrollieren, und wenn man sich auf Recht und Gesetz beruft, kann jeder vor Gericht etwas anderes behaupten …

Harjes: Das ist definitiv so! Aber stellen Sie sich Folgendes vor: Sie stehen auf einer Berganhöhe bei minus 15 Grad Celsius und eisigem Wind. Sie sind eingemummelt wie ein Raumfahrer, haben Moonboots, eine dicke Hose, Jacke, Strümpfe, Mütze und einen Schaal an, alles ist geschützt. Keiner von Ihnen würde doch auf die Idee kommen, in so einer Situation die Jacke aufzumachen. Wenn Sie jetzt im Gebäudebestand versuchen, dämmtechnisch das Optimum herauszuholen, ist es natürlich absolut notwendig, dass diese technisch unnötigen Luftleckagen auch berücksichtigt werden, also: Fenster dichtmachen.

Neue Fenster

Die Gebäude werden tatsächlich auch real immer dichter. Dazu gehören nicht nur neue Fenster, die innen luftdicht sind, sondern auch sämtliche Anschlussarbeiten, die den Einbau begleiten. Wenn das so ist, müssen wir dem einfach Rechnung tragen. Sämtliche Materialen, die wir ins Haus einbauen, geben zumindest im gleichen Maße Ausdünstungen in die Raumluft ab, so wie sie es bis jetzt immer schon gemacht haben. Das können zum Beispiel bei preiswerten Kleidungsstücken oder in Teppichen Mottenschutzmittel sein, es können Ausdünstungen von Farben sein, Bestandteile aus Spanplatten, die in unsere Raumluft gelangen. Solange wir immer noch Ritzen und Fugen hatten, durch die ein natürlicher Luftwechsel stattfand, war das alles nicht ganz so dramatisch. Da wurde die Menge der Schadstoffe aufgrund des Luftwechsels sehr verdünnt.

Je dichter eine Gebäudehülle jedoch wird, desto höher die Konzentration von Schadstoffen in der Raumluft, wenn nicht ausreichend gelüftet wird. Deswegen ist es mehr und mehr parallel zu den immer besseren Luftdichtigkeitswerten von Gebäuden aus energetischer und gesundheitlicher Sicht zwingend notwendig, dass das Thema Lüftung in die Planung miteinbezogen wird.

Welche unterschiedlichen Lüftungskonzepte sind am Markt, welche Vor- und Nachteile haben sie?

Harjes: Es gibt natürlich diverse Lüftungskonzepte, die sich in zentrale und dezentrale Lüftungsanlagen untergliedern. Diese wiederum gibt es mit Wärmerückgewinnung und es gibt welche, die nur den Luftaustausch bewerkstelligen. Ich selbst favorisiere grundsätzlich eine Wärmerückgewinnung, weil das aus meiner Sicht am meisten Sinn macht. Die Problematik, die sich hier stellt, ist eine völlig andere. Das haben aber – wie wir so schön Neudeutsch sagen - viele noch gar nicht auf dem Schirm. Wir wissen ja, dass warme Luft mehr Feuchtigkeit trägt als kalte. Was zwingend bedeutet, dass wir uns im Winter, bei einem kontinuierlichen Betrieb von Lüftungsanlagen, ständig extrem trockene Luft in das Haus holen. Dabei führen wir die kostbare Luftfeuchtigkeit, die wir Menschen im Hause haben und brauchen, kontinuierlich mit der abgesaugten verbrauchten Luft nach draußen ab. Vom Standpunkt des Wohnungsvermieters aus gesehen ist das ein idealer Schutz gegen Schimmelpilze, aber gut für den Menschen ist das nicht unbedingt.

Feuchtigkeit in der Wohnung

Wo kein Kläger, da kein Richter, wo keine Feuchtigkeit, da auch kein Feuchtigkeitsaustrag. Wenn in einer Wohnung die relative Luftfeuchte unter 25 Prozent liegt, kann kaum noch etwas passieren. Da muss die Bauteiloberflächentemperatur schon fast bis an den Gefrierpunkt gehen, bis sich Tauwasserfeuchtigkeit bildet, und dann tatsächlich Schimmelpilz.

Im Baubiologiestudium lernen wir, den Menschen als einen Teil der Natur zu verstehen. Das Problem sind statische Aufladungen. Der menschliche Organismus muss im Idealfall relative Luftfeuchten um 50 Prozent haben, um diese Aufladungen, die er den Tag über aufnimmt, wieder abgeben zu können. Wer in einer extrem trockenen Wohnung mit Nylonstrümpfen über sein Laminat läuft und sich abends den Nylonpulli über den Kopf zieht, kann das Licht im Schlafzimmer auslassen – es knistert. Das ist nichts anderes als ein Ausgleich, Überspannung wird abgegeben. Das ist für den Menschen jedoch ungesund.

Lüftungsanlagen und Schadstoffgehalt

Wenn wir nun ausschließlich auf diese Lüftungsanlagen setzen, ist das energetisch absolut in Ordnung, in Bezug auf den CO2- und Schadstoffgehalt für den Bewohner sinnvoll und gut. Aber wir dürfen den Teufel nicht mit dem Belzebub austreiben. Das heißt wir gehen das Risiko ein, auf Dauer in viel zu trockenen Wohnungen zu wohnen, und dem muss man Rechnung tragen.

In letzter Zeit hört man immer wieder von Schimmel in den Filtern aufgrund von Kondenswasser. Was ist da dran und wie hoch ist der Wartungsaufwand bei einer solchen Lüftungsanlage?

Es gibt Hersteller von Lüftungsanlagen, die versuchen, mit ihrem System die vor dem Luftaustausch vorhandene Feuchtigkeit dem Raum wieder zuzuführen. Hier gibt es natürlich in der Tat ein gewisses Restrisiko, denn die Luft, die von außen kommt, ist gerade im Winter sehr kalt. Trifft die Feuchtigkeit der Raumluft mit dieser kalten Luft zusammen, führt dies zu Tauwasserbildung. Hier kann es unter Umständen, wenn das Gerät nicht sach- und fachgerecht montiert und betrieben sowie regelmäßig gewartet wird, zu einem Problem mit Schimmelbildung kommen.

Schimmel in der Raumluft

Bei anderen Anlagen, die zum Beispiel einen Kreuzgegenstromwärmetauscher haben, berühren sich die zu- und die abgeführte Luft an keiner Stelle. Das heißt man saugt immer frische Luft von außen an. Das Problem des Verschimmelns von irgendwelchen Filtern kann so eigentlich gar nicht auftreten. Wenn ich warme, feuchte Luft absauge und nach draußen blase, dann ist sie weg. In diesem Strang, wo sich tatsächlich etwas bilden könnte, herrscht immer ein Unterdruck, dort wird die Luft immer nach außen geblasen. Man kann zwar nicht grundsätzlich sagen, dass hier nie etwas passieren könnte, aber die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch Schimmel in die Raumluft gelangt, ist praktisch gleich null. Das Einzige, was man im Auge haben muss, ist, woher die angesaugte Luft kommt und dass die Filter regelmäßig gereinigt werden.

Wie hoch ist der finanzielle Aufwand für das Nachrüsten, und wann amortisiert sich so eine Lüftungsanlage?

Da könnte ich salopp gegenfragen: Was kostet ein rotes Auto? Sie können von einer Investition zwischen 3000 und 7000 Euro ausgehen. Natürlich ist das eine in den Raum gestellte, vage Zahl. Die Kosten hängen von vielen Faktoren ab, wie Ausführungsart, Größe, Kühlmöglichkeit, Nutzung, Gebäudehülle und so weiter.

Frischluft für Alt- und Neubauten

Ein Altbau, der zugig und schlecht gedämmt ist, braucht genauso viel Frischluft wie ein gut gedämmtes Haus. Wenn wir in beide Gebäude Wärme einbringen, ist der prozentuale Anteil des Wärmeverlusts bei dem besser gedämmten Haus über die Fensterlüftung immens höher als bei dem schlecht gedämmten. Deshalb ist auf dem Weg zum energieeffizienten Bauen und Wohnen aus meiner Sicht eine Lüftungsanlage unverzichtbar. Wenn wir die zu erwartenden weiter verschärften Vorgaben der EnEV erreichen wollen, werden wir uns mit dem Thema auseinandersetzen müssen: rechtlich, hygienisch und von der Effizienz her.

Interview:
Jörg Bleyhl, Oliver Mertens

Bild: Michael Harjes: „Je dichter eine Gebäudehülle jedoch wird, desto höher die Konzentration von Schadstoffen in der Raumluft, wenn nicht ausreichend gelüftet wird.“