Im ersten Teil unserer neuen Fachthemenserie über Schimmel- und Feuchteschäden hat der Schadensexperte Frank Frössel mit Wachstum und Ursachen von Schimmel die Grundlagen erklärt. Im zweiten Teil geht es nun um die Erscheinungsbilder des Schimmelpilzbefalls. Und die sind nicht immer leicht zu erkennen.
Schimmelpilz in Wohnungen zu erkennen ist eine knifflige Sache: Denn es gibt sichtbaren und nichtsichtbaren sowie versteckten Befall. Hier spielen auch die verschiedenen Untergründe und Räumlichkeiten eine Rolle.
Sichtbarer Befall
Feuchtigkeit und Temperatur sind die beiden wesentlichen Wachstumsparameter für Schimmelpilze. Besonders beliebt sind feucht-warme Standorte wie zum Beispiel Saunen, Schwimmbäder, Bäder und Waschküchen, Klimaanlagen und Luftbefeuchter. Sie wachsen auf dauerelastischen Fugen in Duschen sowie auf feuchten Duschvorhängen. Natürlich müssen auch Abflüsse erwähnt werden. Auch Wasch- und Spülmaschinen sind geeignete Standorte für Schimmelpilze, wenn Restwasser über lange Zeit in den Abflüssen steht. Infolgedessen zählen auch Abwasserrohre zu den beliebten Orten der behaarten Spezies. Schimmelpilze lauern darüber hinaus unter dem Toilettenrand und in WC-Garnituren. Aber auch andere Substrate, an denen sich Feuchtigkeit über längere Zeit stauen kann, sind für Schimmelpilzbefall gefährdet. Hierzu zählen zum Beispiel Matratzen und/oder Kopfkissen und Bettbezug im Schlaf- und Kinderzimmer, wenn nicht regelmäßig und ausreichend gelüftet wird. Im Matratzenstaub werden vor allem die sogenannten xerophilen (die Trockenheit liebenden) Schimmelpilz-Spezies nachgewiesen. Feuchtigkeit kann sich genauso aber auch in Kinderwagen sowie Schlafsäcken nach deren Benutzung ansammeln. Allgemein unterschätzt wird die Feuchtigkeitsbelastung in alten Polstermöbeln und Teppichen sowie Stofftieren, aber auch in Staubsaugern und Heizlüftern.
Schimmelpilze wachsen darüber hinaus in feuchten Kellern und auf alten Gemäuern, auf staubigen Bildern und Büchern, feuchten Zeitungen und Aktenordnern. Besonders beliebt bei Schimmelpilzen sind abgeschlossene Taschen mit benutzter, verschwitzter Sportkleidung. Ein weiterer Platz, an dem sich Schimmelpilze wohlfühlen sind feucht-muffige Schränke. Dies können Kleiderschränke mit feuchter Wäsche, aber auch Schuhschränke sein. Auch Schuhe selbst können ein „ideales Feuchtbiotop“ darstellen: Sie besitzen nach dem Tragen die notwendige Feuchtigkeit und Temperatur.
Häufig befallene Untergründe
Schimmelpilze können bereits innerhalb von 48 Stunden auf feuchten Untergründen anwachsen. Ihre Anpassungsfähigkeit, nahezu alle Substrate besiedeln zu können, befähigt sie, auf den meisten Untergründen die notwendigen Nährstoffe zu finden und/oder zu verstoffwechseln. Schimmelpilze besitzen eine Vielzahl potenter Enzyme, mit denen unter anderem feuchte Wände, Tapeten und Holz als Nährstoffquelle verwendet werden können. Da sie zudem in einem sehr breiten Temperaturbereich wachsen können, finden die meisten Schimmelpilze in feuchten Innenräumen fast immer geeignete Lebensbedingungen vor. Es gilt heute als sicher, dass auf feuchten Untergründen Schimmelpilzkolonien wachsen können, wenn die notwendigen Nährstoffe sowie Temperaturen und Feuchtigkeitsgehalte vorliegen. Besonders schnell und ausgeprägt ist das Wachstum auf zellulosehaltigen Untergründen. Denn sie verfügen über Lignin und Glukoseverbindungen. Ein idealer Untergrund für das Wachstum von Schimmelpilzen ist eine feuchte Raufasertapete: Ihr Gehalt an Zucker, Eiweiß und Lignin ist relativ hoch. Hält eine trockene Raufasertapete diese Nährstoffe noch zurück, wird bei einer durchfeuchteten Tapete eine Nährlösung aus Wasser einerseits und dem Zucker, Eiweiß und Lignin auf der anderen Seite gebildet. Zusätzlich bieten Dispersionsfarben oder auch Leimfarben, mit denen die Raufasertapeten gestrichen werden, ausreichend Nahrungsgrundlage. Der Grund sind die in der Regel zugesetzten Verdickungsmittel. Andere zellulosehaltigen Materialien sind Tapetenkleber, Gipskartonplatten oder auch Holzspanplatten.
Darüber hinaus zählen auch Kunstharzputze oder Mineralputze, die zur Verbesserung der Untergrundhaftung und/oder zur Geschmeidigkeit einen Zusatz von Polyvinylacetat enthalten, zu den Nährgründen. Das Polyvinylacetat wird im alkalischen Putz in Polyvinylalkohol und Acetat gespalten. Das Acetat dient den Schimmelpilzen dann als Kohlenstoffquelle. Durch den Anteil an Polyvinylacetat wird zudem der pH-Wert schneller in den für Schimmelpilze geeigneten Bereich abgesenkt. Neben diesen beiden Beschichtungen sind weitere organische Materialien wie Holz (zum Beispiel Decken, Dachkonstruktionen, Möbel, Böden), Teppiche, Leder, Stroh, Leinen, Baumwolle, Glaswolle, Dispersions- und Leimfarben sowie Kunst- und Dichtstoffe gute Nährböden für Schimmel. Damit sind alle relevanten Untergründe aufgezählt, auf denen primär in Wohnungen Schimmelpilze anzutreffen sind. Aber auch auf nichtorganischen Untergründen können Schimmelpilze unter bestimmten Voraussetzungen wachsen: So sind sie auch auf Metall, Glas und Faserzement sowie Natursteinen nachweisbar. In der Regel sind dann Staubablagerungen die Nahrungsquelle und Kondensation (Tauwasseranfall) die Ursache für einen sogenannten Biofilm, der die Voraussetzungen für ein Wachstum sicherstellt.
Neben der Eigenschaft, in einem relativ großen Temperaturspektrum wachsen zu können, besitzen Schimmelpilze auch noch die Fähigkeit, sich extremen pH-Werten anpassen zu können. So können Schimmelpilze auf einem pH-Wert von 2 bis 8 wachsen. Ein pH-Wert im sauren Bereich begünstigt das Schimmelpilzwachstum, ein pH-Wert von 5 bis 7 ist optimal. Hinzu kommt, dass viele Schimmelpilze durch Ausscheidung von Stoffwechselprodukten den pH-Wert des Substrats zu ihren Gunsten verändern beziehungsweise den pH-Wert der Oberfläche „puffern“ können. Damit besitzen sie einmal mehr die Fähigkeit, sich auch ungünstigen Bedingungen anpassen zu können.
Schlafzimmer: Hort für Schimmel
Bei der Aus- und Bewertung von Schimmelpilzbefall in Wohnungen fällt immer wieder auf, dass bestimmte Räume besonders stark betroffen sind:
Schlafzimmer:
40 bis 45 Prozent
Kinderzimmer:
15 bis 25 Prozent
Wohnzimmer:
10 bis 15 Prozent
Bad:
10 bis 15 Prozent
Küche:
5 bis 10 Prozent
Sonstige Räume:
unter 5 Prozent
Der besonders hohe Anteil an mikrobiellem Befall in Schlafzimmern kann mit dem erhöhten Feuchtigkeitsanfall (durch Atmung) und den in der Regel niedrigeren Temperaturen begründet werden. Außerdem werden diese Räume sonst tagsüber nicht genutzt und in der Regel selten gelüftet. Die über Nacht angestaute Feuchtigkeit wurde größtenteils von den Oberflächen der Wände adsorbiert, sodass der kurze Luftaustausch (Lüften) nicht ausreicht, um den erhöhten Feuchtigkeitsgehalt wieder zu reduzieren. Hinzu kommt ein relativ hoher Staubanteil in Schlafzimmern und zum Teil hohe Belastung an Milben in Matratzen und Bettwäsche.
Diese wiederum besitzen auch in Kinderzimmern eine nicht zu unterschätzende Bedeutung: Der hohe Anteil an Schimmelpilzen ist auch hier auf eine zu geringe Lüftungsrate zurückzuführen, die durch permanenten Aufenthalt mitverursacht wird. Das größte Problem in Kinderzimmern besteht darin, dass sich Kinder fast den gesamten Tag in ihnen aufhalten, nachts dort schlafen, kaum bis wenig lüften und aufgrund von Stoff- und Plüschtieren sowie zum Teil mangelhafter Hygiene (feuchte Wäsche) ideale Wachstumsvoraussetzungen für Schimmelpilze bieten.
Der im Vergleich zu anderen Räumen doch eher geringe Anteil an Schimmelpilzen in sogenannten Feuchträumen erscheint auf den ersten Blick unlogisch, da zunächst ideale Bedingungen für das Wachstum gegeben sind. So steht Feuchtigkeit über einen längeren Zeitraum zur Verfügung und auch in entsprechend großen Mengen („Pfützenbildung“). Allerdings werden Bäder und Toiletten sowie Küchen zum einen öfters gereinigt und desinfiziert und zum anderen deutlich häufiger am Tag gelüftet. Nach dem Duschen, Baden oder Wäschewaschen überzeugt allein schon das Beschlagen der Fenster oder Duschtür sowie der erhöhte Wasserdampf im Bad die Bewohner davon, mit weit geöffneten Fenstern zu lüften. Bäder sind statistisch gesehen daher die am meisten und am besten gelüfteten Innenräume in Wohnungen.
Anders verhält es sich bei innenliegenden Bädern mit Zwangsbelüftung: In diesen Feuchträumen liegt in der Regel ein erhöhtes Schimmelpilzrisiko vor. Gerade in nicht sanierten Altbauten wird immer wieder festgestellt, dass die Leistung der Zwangsbelüftung unzureichend ist und die Gebläse entweder gar nicht oder zu kurz nachlaufen. Die durch Duschen oder Baden anfallende Feuchtigkeit befindet sich nicht nur in der Raumluft, sondern wird auch von den Oberflächen der Wände adsorbiert. Meist befindet sich nach dem Abstellen des Gebläses noch ein leichter Wasserfilm auf den Fliesen, Glasscheiben oder der Decke. Um dieses subjektiv empfundene Gefühl, dass „der Raum noch feucht ist“, entgegenzutreten, wird das innenliegende Bad dann häufig über andere Räume „mitbelüftet“. Dies ist besonders dann kritisch, wenn diese Entlüftung über Räume mit kalten oder kälteren Oberflächen stattfindet. Dann werden diese zur Kondensation neigenden Räume noch zusätzlich durch erhöhte Luftfeuchtigkeit belastet.
Nicht sichtbarer Befall
Neben dem sichtbaren Schimmelpilzbefall, der sich unterschiedlich stark, groß und in verschiedenen Farben und Räumen sowie auf verschiedenen Bauteilen und/oder Untergründen (Substraten) zeigt, gibt es auch einen versteckten und einen nicht sichtbaren Befall von Mikroorganismen. Dieser wird immer noch von Sachverständigen und Fachleuten unterschätzt, obwohl Experten seit Jahren darauf hinweisen. Ein weiterer Irrglaube: Versteckter und nicht sichtbarer Befall werden oft gleichgesetzt und häufig nur mit Verkleidungen in Verbindung gebracht.
Versteckt und nicht sichtbar
Dabei gibt es zwischen dem versteckten und dem nicht sichtbaren Befall deutliche Unterschiede, die klar abzugrenzen sind: Der Baubiologe und Schimmelpilzexperte spricht vom versteckten Befall, wenn der mikrobielle Schimmelpilzbefall hinter einer Wand- oder Deckenverkleidung, einer Putzschicht, einer Tapete oder sonstigen Wandbeschichtung, einem Schrank oder auch in einer Fußboden- oder Deckenkonstruktion vorliegt und erst durch Entfernen dieser sichtbar wird. Der versteckte Befall ist also ebenfalls nicht sichtbar, weshalb beide Begriffe oft gleichgesetzt werden.
Der Baubiologe und Schimmelpilzexperte definiert den nicht sichtbaren Befall, wenn der mikrobielle Befall deshalb optisch nicht wahrgenommen werden kann, weil er mit dem bloßen Auge und ohne Hilfsmittel nicht sichtbar ist. Im Gegensatz zum versteckten Befall sind die Mikroorganismen also nicht verdeckt, sondern auf der Oberfläche nur noch nicht sichtbar. Dies kann verschiedene Ursachen haben: Hyphen, Pilzfäden oder auch das Myzel von Schimmelpilzen haben eine Größe zwischen mindestens 1 bis 2 und maximal 10 µm. Daher sind sie ohne optische Hilfsmittel nicht zu erkennen. Erst wenn die Menge oder Dichte und Struktur der Mikroorganismen zunimmt, wird der mikrobielle Befall für das Auge sichtbar. Der Zeitpunkt, wann dieser sichtbare Befall wahrgenommen wird, hängt wesentlich von Art und Farbe des Untergrunds (Substrat) und dem Farbton der Schimmelpilzspezies ab: Helle Spezies werden auf einem weißen oder pastellfarbigen Untergrund deutlich später wahrgenommen als schwarze oder graue Schimmelpilze.
Unsichtbarer Befall am häufigsten
Durch viele Fachleute wird die Meinung vertreten, dass hauptsächlich sichtbarer Befall am häufigsten vorkommt und der versteckte und nicht sichtbare Schimmelpilzbefall eher zu vernachlässigen ist. Experten gehen dagegen davon aus, dass der sichtbare Befall nur 10 bis 20 Prozent (!) der tatsächlichen Belastung durch Schimmelpilze in Innenräumen ausmacht. Hierfür gibt es eine logische und nachvollziehbare Erklärung: Schimmelpilze benötigen vor allem ausreichend Feuchtigkeit, die auf gut belüfteten Oberflächen deutlich seltener vorliegt als hinter Verkleidungen, Beschichtungen sowie in Ritzen, Hohlräumen und mehrschaligen Konstruktionen. Dort herrschen nach einer entsprechenden Durchfeuchtung ideale Bedingungen für das mikrobielle Wachstum, und die Abtrocknung findet kaum oder nur sehr langsam statt. Die größte Belastung und Gefahr durch Schimmelpilze und andere Mikroorganismen in Wohnungen geht demnach vom versteckten und nicht sichtbaren Befall aus. Die „unsichtbare Gefahr“ bekommt ihre sprichwörtliche Bedeutung und sollte ernst genommen werden.
Infolgedessen wird der versteckte und der nicht sichtbare Befall bei ersten Ortsbesichtigungen nicht erkannt. Dies hat zur Folge, dass eine Einschätzung der Innenraumbelastung durch Mikroorganismen bereits in der Anfangsphase mikrobieller Untersuchungen in den meisten Fällen unzureichend ausfällt und tatsächlich eine höhere Belastung vorliegt. Es ist deshalb immer Vorsicht geboten, wenn selbsternannte Schimmelpilzexperten eine Wohnung nur auf sichtbaren Befall hin untersuchen. Die Fehleinschätzung dieser vermeintlichen Experten kann in der weiteren Folge erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner haben. Denn mit der Zeit nehmen Geruchsbelästigung und Beschwerden der Betroffenen zu.
Das größte Problem bei nicht sichtbarem und/oder verstecktem Befall ist, dass der Schimmelpilzbefall ohne zusätzliche Hilfsmittel nicht erkannt werden kann, obwohl die Mikroorganismen beziehungswiese ihre Auswirkungen „wahrgenommen“ werden. Hier wird zwischen direkter und indirekter Wahrnehmung unterschieden: Bei der direkten Wahrnehmung wird entweder ein typischer Geruch aufgenommen und/oder eine Zunahme von gesundheitlichen Problemen empfunden. Bei der indirekten Wahrnehmung achtet man auf typische Anzeichen, die auf das Vorhandensein von Schimmelpilzen oder anderen Mikroorganismen hinweisen. Dies kann zum Beispiel das verstärkte Auftreten von Insekten und sonstigen Kleinstlebewesen sein, die in der Gegenwart von Schimmelpilzen anzutreffen sind und/oder die als Feuchte-Indikatoren gelten können. Häufig werden sie auch nur als Lästlinge bezeichnet, da in der Regel von ihnen kein Schaden ausgeht.
Frank Frössel, Sachverständiger für Bautenschutz und Bausanierung sowie Schimmel- und Feuchteschäden
Bild: Weit weniger bekannt, dafür aber umso gefährlicher ist versteckter Schimmel, zum Beispiel unter Tapeten. (Frössel)

