Maßnahmen zur energetischen Modernisierung von Geschossbauten stehen bei den Wohnungsunternehmen nicht erst seit der Energiewende ganz oben auf der Agenda. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Dämmung der Gebäudehülle. Unser Gesprächspartner, Roland Gräbel, Leiter des Bauzentrums München, berichtet von seinen langjährigen Erfahrungen.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit energetischen Modernisierungen im Geschosswohnungsbau?
Gräbel: Ich kenne unterschiedlichste Erfahrungen mit energetischen Modernisierungen. Einerseits von gut beratenen Akteuren auf beiden Seiten, die mit Freude eine Sanierung angegangen sind, gemeinschaftlich Vereinbarungen über die Umlage auf die Mieter getroffen haben und jetzt zufrieden in einem Haus mit geringen Nebenkosten wohnen und oft noch gute Erträge von Solaranlagen und Blockheizkraftwerken genießen. In anderen Fällen streiten sich die Fachleute und Entscheidungsträger bis kurz vor Auftragsvergabe, die schlecht eingebundenen Mieter bekämpfen die Maßnahme bis zum Schluss, die Materialien werden spät geliefert, alle Beteiligten streiten sich wegen erheblicher Verlängerungen der Bauzeiten und Kostenerhöhungen, die mangelhafte Ausführung sorgt für dauerhafte Auseinandersetzungen und früh erkennbare Bauschäden, die errechneten Energieeinspareffekte werden nicht erreicht. Schließlich leiden alle Beteiligten unter einem längerfristig gestörten Vertrauensverhältnis.
Welche Langzeiterfahrungen haben Sie mit Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS)?
Gräbel: Wenn eine Maßnahme gut geplant und zulassungskonform nach den Regeln der Technik ausgeführt wurde, sind beste Voraussetzungen für eine Beschwerde freie Nutzung gegeben. Leider wird aber häufig an Details und Putzstärken gespart. Seltenst wird an die fortlaufende Wartung und Pflege gedacht, besonders bezüglich der Behandlung vereinzelter Putzschäden oder regelmäßiger Neuanstriche. Es gibt jedoch für jeden Geschmack und jeden auch stark belasteten Bereich Optionen an Materialien und Oberflächen. Insofern spricht alles dafür, dass man beim WDVS grundsätzlich von einem guten und nützlichen System ausgehen kann. Ich erwarte aber von den Herstellern deutlich verstärkte Hinweise auf die teilweise notwendigen (teureren) Detaillösungen und auf die werterhaltenden Wartungsmaßnahmen.
Wie sinnvoll sind energiesparende Maßnahmen wie WDVS angesichts des enormen Einsparpotenzials über die Anlagentechnik?
Gräbel: Ihre Frage nach dem Sinn der WDVS zielt sicher auf die Frage der angemessenen Kosten oder einer nachgewiesenen Wirtschaftlichkeit einer Sanierungsmaßnahme. Diese Frage sollte man grundsätzlich infrage stellen. Wer garantiert uns denn, dass wir über die rechnerische Abschreibung des Baus eines Gebäudes oder eines Kesselaustauschs überhaupt noch Öl oder Gas kaufen können, selbst wenn wir bereit wären, Phantasiepreise zu zahlen? So verrückt ist die Annahme gar nicht mehr, dass der Ölpreis künftig etwa um 10 Prozent pro Jahr steigt. In etwa zehn Jahren wären das dann 2,50 Euro pro Liter! Spätestens mit dieser „Preis-Vision“ kann die Frage nach dem Sinn von Modernisierungen völlig anders interpretiert werden. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob und welche einzelne, Maßnahmen durchgeführt werden. Dann stellt sich die Frage, wie wir möglichst alle Gebäude von einer solchen potenziellen Entwicklung unabhängig machen können. Jeder Eigentümer ist gut beraten, sein Gebäude mit einem bestmöglichen energetischen Standard zu versehen. Es stellt sich also nicht die Frage, ob Dämmung oder moderne Heiztechnik, sondern die Frage des Wie: Auf der Basis eines Sanierungskonzepts empfiehlt sich kostenoptimal und im optimalen zeitlichen Ablauf der Einsatz der jeweils bestmöglichen Standards. Mir ist es sogar lieber, wenn nicht überstürzt billigere Einzelmaßnahmen durchgeführt werden. Ein paar Jahre des Wartens sind erlaubt, wenn die Zeit für die erfolgreiche Suche nach einem guten Gesamtkonzept genutzt wird.
Manche Architekten lehnen WDVS ab, weil dadurch die Kubatur verändert wird und die Gebäude deformiert würden. Wie stehen Sie dazu?
Gräbel: Über Schönheit kann man sich trefflich streiten. Nach meiner Einschätzung ist die Funktionalität und gute Wartungsmöglichkeit der Gebäude wesentlich wichtiger als die Ästhetik. Kommt denn jeder Architekt, der eine Dämmung an einem Gebäude ablehnt, in Zukunft für höhere Heizkosten persönlich auf? Wer Diskussionen entscheidend mitprägt, sollte immer auch die Konsequenzen tragen müssen.
red
Bild: Roland Gräbel, Leiter des Bauzentrums München

