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Serie: Schimmel- und Feuchteschäden, Teil 7

Mykotoxine, Allergien: So gesundheitsschädlich ist Schimmel

Mykotoxine, Allergien: So gesundheitsschädlich ist SchimmelMögliche Gesundheitsgefahren durch Schimmelpilze werden gerne instrumentalisiert, wenn es für Sachverständige und Gutachter, Handwerker oder auch im Rahmen von Mietstreitigkeiten darum geht, einen Sachverhalt zu dramatisieren oder den Umfang einer Sanierung zu begründen. Dabei sind mögliche Gesundheitsgefahren deutlich komplexer zu sehen und zu bewerten und müssen ganzheitlich betrachtet werden. Dieser Beitrag unserer Schimmelserie zeigt auf, dass eine mögliche Gesundheitsgefahr nicht nur durch Schimmelpilzsporen und mikrobielle Partikel verursacht wird, sondern auch durch Giftstoffe, die Schimmelpilze ausstoßen, um sich zum Beispiel gegen natürliche Angriffe zu wehren. Des Weiteren muss die Gesundheitsbelastung durch Schimmelpilze auch mit den individuellen Reaktionen der Bewohner abgeglichen werden. Experten teilen diese in Risikogruppen ein: So reagieren gesunde Erwachsene zum Beispiel anders auf eine Schimmelpilzbelastung als beispielsweise Allergiker, Kleinkinder, Senioren oder Raucher. Und bisher völlig unterschätzt wird die Tatsache, dass durch viele unfachmännische Sanierungen mehr gesundheitliche Risiken verursacht werden, als durch den Schimmelpilz jemals bestanden haben.

Das gesundheitliche Risiko im Zusammenhang mit Schimmelpilzen wird oftmals mit allergischen und/oder toxischen Reaktionen sowie Infektionen beschrieben. Dies ist grundsätzlich auch richtig. Allerdings spielen in normal bewohnten Innenräumen Infektionen keine Rolle, die eher ein Thema zum Beispiel in Krankenhäusern sind. Auch toxische Reaktionen können kaum auftreten. Dafür müssten extrem hohe Konzentrationen über einen relativ langen Zeitraum eingeatmet werden (zum Beispiel in Kompostieranlagen). Deshalb reduzieren sich die meisten Innenraumbelastungen im Zusammenhang mit Schimmelpilzen auf Allergien. Diesen Zusammenhang herzustellen ist oftmals nicht einfach. Denn die Symptome können häufig auch durch andere Quellen verursacht werden. Deshalb ist eine differenzierte Innenraumdiagnostik ganz wesentlich, um die wirkliche(n) Ursache(n) festzustellen.

Saisonale und ganzjährige Belastungen

Komplett unterschätzt werden in dem Zusammenhang die gesundheitlichen Belastungen durch Bakterien. Weiterhin muss berücksichtigt werden, wann entsprechende Symptome auftreten, da zum Teil ein erheblicher Unterschied zwischen saisonalen und ganzjährigen Schimmelpilzen besteht. So gehören zu den saiso­-nalen Schimmelpilzen zum Beispiel Alternaria spp. und Cladosporium spp. Für die ganzjährige Belastung durch Schimmelpilze ist dagegen beispielsweise Aspergillus spp. und Penicillium spp., aber auch Candida albicans und Trichophyton spp. verantwortlich. Infolgedessen hält sich in der Praxis hartnäckig die Faustregel, dass bei ganzjährig auftretenden Beschwerden die Ursachen primär innerhalb der Gebäude oder Wohnungen zu suchen sind und bei saisonal bedingtem oder temporärem Auftreten die Ursachen hauptsächlich außerhalb der Gebäude liegen.

Auch kleine Mengen führen zu Gesundheitsschäden

In bisherigen Veröffentlichungen wurde häufig der Eindruck vermittelt, dass Erkrankungen nur bei intensivem Schimmelpilzbefall auftreten können und sich diese dann entweder in Allergien (Inhalation von Sporen) oder Infektionen (Nahrungsaufnahme) ausdrücken, die dann auch nur bei Personen mit geschwächtem Immunsystem auftreten. Richtig ist allerdings, dass bereits sehr geringe Mengen an Schimmelpilzsporen ausreichen können, um zum Beispiel allergene Reaktionen auszulösen. Weiterhin hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass auch oder gerade durch versteckten Befall eine große Gefahr ausgehen kann, sodass auch die Größe des Befalls kein Maß mehr für das gesundheitliche Risiko darstellt. Noch eher unbekannt ist die Tatsache, dass bestimmte Schimmelpilze sehr potente Giftstoffe (Mykotoxine) produzieren können. Diese sind in der Regel in den Sporen enthalten. Unter bestimmten Umgebungsbedingungen können diese leicht luftgängig werden und infolgedessen zu einer signifikanten Kontaminierung der Innenraumluft beitragen. Heute geht man davon aus, dass zirka 100 Schimmelpilzarten von klinischer oder umweltmedizinischer Bedeutung sind.

Schimmelpilze lösen häufig Allergien aus

Man geht auch davon aus, dass mehr oder weniger alle Schimmelpilze in der Lage sind, allergische Reaktionen auszulösen. Dies ist im Wesentlichen auch von der jeweiligen Konstitution und dem Immunsystem der Bewohner abhängig. Auslöser sind zumeist die Sporen der Schimmelpilze, die auf der Haut oder durch Inhalation in die Atemwege aufgenommen werden. Unter einer Allergie versteht man eine Abwehrreaktion des Immunsystems auf bestimmte und normalerweise für den Körper harmlose Umwelt­-stoffe, die auch als Allergene bezeichnet werden. Auf diese Eindringlinge reagiert der menschliche Organismus mit der Bildung von Antikörpern, den sogenannten Antigenen. Die Auswirkungen bei der Aufnahme über die Atemwege können sich entweder als Sofortreaktion (sogenannte Typ-I-Reaktion) oder als exogen allergische Alveolitis, eine Überempfindlichkeit der Typ-III-Reaktion, zeigen. Zu den Schimmelpilzarten, die häufig zu Sensibilisierungen und allergischen Reaktionen führen, gehören die Gattungen Cladosporium, Aspergillus, Penicillium, Mucor, Rhizopus und Botrytis.

Mykotoxine: Schimmelpilzgifte und ihre Folgen

Des Weiteren kann es durch die Aufnahme von sogennanten Mykotoxinen (Giftstoffe) zu reizenden oder so gar toxischen Wirkungen kommen, die als Mykotoxikose bezeichnet wird. Mykotoxine sind natürliche Stoffwechselprodukte einiger Schimmelpilzarten, die unter bestimmten Voraussetzungen gebildet werden. Von ihnen wurden bisher über 300 verschiedene Arten beschrieben. Auch in Bezug auf die Mykotoxine gilt wieder, dass ein starkes Schimmelpilzwachstum nicht automatisch oder gleichzeitig mit einer starken Toxinbildung gleichgesetzt werden darf. Dies bedeutet im umgekehrten Sinne, dass ein schwach ausgebildetes Wachstum dennoch eine starke Toxinbildung zur Folge haben kann. Mykotoxine befinden sich entweder auf dem Substrat (Untergrund) oder werden über Sporen in der Raumluft verteilt.

Mykotoxine können nicht nur toxisch (giftig) auf den Organismus, sondern auch mutagen (verändernd), dermatotoxisch (hautschädigend), neurotoxisch (nervenschädigend), karzinogen (krebserregend) und teragen (fehlbildend) wirken. Von den innenraumrelevanten Schimmelpilzen müssen die Toxine der Gattungen Aspergillus, Penicillium, Stachybotrys und Fusarium genannt werden, die noch einmal innerhalb ihrer Gattungen erhebliche Unterschiede in den Spezies aufweisen. Hierbei sollen die Arten Aspergillus flavus, Aspergillus fumigatus und Aspergillus niger besonders hervorgehoben werden. Sie wirken nicht nur hoch toxisch, sondern auch mutagen, karzinogen, teratogen und nephrotoxisch (Nieren schädigend) und können darüber hinaus epilepsieartige Symptome und sogar Systemmykosen der Lunge verursachen. In Einzelfällen wurde sogar schon nachgewiesen, dass sie in Blutgefäße einbrechen und Blutungen verursachen (hämorrhagisch) oder sich in andere Organe zerstreuen. Sie stellen generelle Giftstoffe für das Zellsystem dar. Man geht heute davon aus, dass die größte Gefährlichkeit unter den Mykotoxinen vom Aflatoxin ausgeht, da es ein extrem hohes kanzerogenes Potenzial aufweist. Nachfolgende Übersicht zeigt die wichtigsten Mykotoxine und ihre verschiedene Wirkung auf den Organismus.

Schimmelpilze lösen meist allergische Reaktionen aus.

Mykotoxine können direkt oder indirekt Teile des Immunsystems manipulieren und Teilfunktionen der Immunabwehr ausschalten. Trichothecene zum Beispiel wirken direkt zelltötend und können beispielsweise die DNA-Synthese beeinflussen. Außerdem können sie die Funktion der Lymphozyten hemmen, sodass die körpereigene Immunabwehr von exponierten Personen nach entsprechender Einwirkung geschwächt wird und Infektionen mit Viren, Bakterien und Pilzen freien Zugang zum Organismus bekommen. Im Gegensatz zu den Toxinen der Bakterien führen Mykotoxine aufgrund ihres niedrigen Molekulargewichts zu keiner Antikörperbildung. Das Immunsystem ist infolgedessen in der Regel nicht in der Lage, die Mykotoxine zu erkennen. Dies ist deshalb besonders gefährlich, da somit ein aktiver Schutz durch die Bildung von Antikörpern ausbleibt.
Allein die Anwesenheit von toxinbildenden Schimmelpilzarten bedeutet allerdings nicht automatisch, dass diese auch tatsächlich gebildet werden. Es ist ein Indikator und sollte entsprechend ernst genommen werden – nicht mehr und nicht weniger. Zudem wurden reizende und/oder toxische Wirkungen aufgrund von mikrobiellem Befall in Wohnungen nur in absoluten Ausnahmen bisher nachgewiesen.

Gesundheitsschäden durch falsche Sanierung

Mieter und Vermieter sollten auch darauf achten, welche „Mittelchen“ bei der Schimmelpilzsanierung eingesetzt werden. Denn einige Präparate verfügen über eine sehr giftige Zusammensetzung. Entsprechende Zulassungen und Nachweise über die Eignung in Innenräumen sollten genauso gefordert werden wie alternative Sanierungen ohne Biozide. Hiermit sind allerdings nicht der Einsatz hoch alkalischer Kalkputze oder Silikatfarben gemeint. Diese wirken temporär schimmelpilzhemmend, dienen aber nicht zur Sanierung eines mikrobiellen Befalls. Außerdem muss bei der Sanierung darauf geachtet werden, dass Durchzug und unnötige Verwirbelungen vermieden werden, da hierdurch Sporen aufgewirbelt werden und die Betroffenen ebenfalls mikrobiell belasten. Gleiches gilt für die Abschottung des befallenen Bereichs gegenüber den „sauberen“ Bereichen. Nicht nur die Sporen in der Ecke oder an der Fensterlaibung, sondern auch der bedingungslose Einsatz von Desinfektionsmitteln oder das unnötige Freisetzen von mikrobiellen Stäuben sind also kritisch zu sehen.

Frank Frössel, Sachverständiger für Bautenschutz und Bausanierung sowie Schimmel- und Feuchteschäden
Bild: Schimmelpilze lösen meist allergische Reaktionen aus. Manche Arten sondern dagegen auch Giftstoffe ab, die für den Menschen sehr bedrohlich sind. (Fotolia, K. Steffgen)