Nach den Atomunfällen in Tschernobyl 1986, in Harrisburg 1974 und in Sellafield 1959 erleben wir jetzt in Fukushima die nächste große Atomkatastrophe. Das ganze Ausmaß ist noch gar nicht absehbar. Ein zweiter Super- Gau wie in Tschernobyl ist noch immer möglich. Die Bundeskanzlerin sagt: „Japan hat alles verändert.“ Deutschland ist auf der Suche nach der Energiewende. Das heißt: Das Land soll in wenigen Jahrzehnten zu 100 Prozent erneuerbar werden. Was aber heißt das für den Bereich, wo am meisten Energie verbraucht wird, nämlich in unseren Häusern? Wie viel Energie können wir einsparen? Wie können wir Energie effizienter nutzen? Und wie lange brauchen wir, bis wir den Rest zu 100 Prozent regenerativ erzeugen können? Darüber denkt Franz Alt in 15 Folgen in den nächsten Ausgaben des Modernisierungs-Magazins nach.
Ein Atomkraftwerk, das nicht mehr zu kontrollieren ist, gleicht einer Atombombe. In Japan wurden 1945 die ersten beiden Atombomben in der Menschheitsgeschichte abgeworfen – am 6. August auf Hiroshima und drei Tage später auf Nagasaki. In Hiroshima verglühten 140.000 Menschen in wenigen Tagen und in Nagasaki 80.000. Die Bürgermeister beider Städte luden mich vor einigen Jahren zu Vorträgen ein. Mein Thema: „Vom Atomzeitalter zum Solarzeitalter.“ Nach meinem Vortrag in Nagasaki erklärte mir der Bürgermeister, dass über 60 Jahre nach dem Bombenabwurf noch jedes Jahr 3000 Menschen an den Folgen der Verstrahlung sterben – auch Kinder, die die Folgen der Verstrahlung von ihren Eltern geerbt haben. So lange also wütet die atomare Pest und noch viele weitere Jahre. Inzwischen haben die Bomben beinahe einer halben Million Menschen das Leben gekostet. Wie viele Menschen 2011 und in den kommenden Jahrzehnten an den Folgen der nuklearen Verstrahlung durch die Fukushima-Katastrophe sterben müssen, weiß niemand. Ein Super-Gau, der größte anzunehmende Unfall, könnte erneut den Tod von Tausenden bedeuten. Ähnlich wäre die Lage bei einem Super-Gau im dicht besiedelten Deutschland.
Atomare Selbstzertörung
Das Thema atomares Restrisiko haben viel zu viele Leute viel zu lange verdrängt. Aber jetzt zeigt sich, dass alles, was technisch passieren kann, auch irgendwann einmal passiert. Atomares Restrisiko ist jenes Risiko, das uns jeden Tag den „Rest“ geben kann. Das einzig wirklich sichere an einem Atomkraftwerk (AKW) ist das Risiko! Die Bundesregierung hat recht, wenn sie jetzt in wenigen Jahren das letzte deutsche AKW schließen will. Wenn die Energiewende in Deutschland gelingt, werden uns andere folgen. Schon heute sind deutsche Ingenieure und Techniker Weltspitze bei der Solartechnologie, bei der Windtechnologie und beim Bau von Biogasanlagen. In diesen Branchen können in den nächsten 15 Jahren eine Million neue Arbeitsplätze entstehen. Wir werden weltweit endlich lernen müssen, dass es keine „friedliche Nutzung“ der Kernenergie gibt. In Japan erlebten gleich vier Reaktoren zeitgleich eine Kernschmelze. Die Atompolitik hat sich endgültig als kollektiver Irrweg erwiesen. Die Frage ist nun: Schaffen wir jetzt eine erneuerbare Energiepolitik, oder verstricken wir uns weiter in der atomaren Selbstzerstörung? In Deutschland bestreitet niemand mehr, dass der 100-prozentige Umstieg auf erneuerbare Energie nötig und möglich ist. Gestritten wird aber in diesen Tagen und Wochen über das Tempo des Umstiegs vom Atom- und Öl- ins Solarzeitalter. Bayern ist bereits heute Solarweltmeister und gewinnt schon 26 Prozent seines Stroms erneuerbar. Wie aber könnte die solare Energiewende in ganz Deutschland konkret und praktisch aussehen?
Die Wende steht bevor
Zurzeit werden in Deutschland 17 Prozent des Stroms erneuerbar produziert. Der 100-prozentige Umstieg in vielleicht 20 oder 30 Jahren bedeutet: 20-mal so viel Solaranlagen wie heute, dreimal so viel Windräder, eine Verdoppelung der Bioenergie, eine Reaktivierung einiger tausend kleiner Wasserkrafträder, wie wir sie schon vor 100 Jahren hatten, und eine rasche Mobilisierung der Erdwärme-Potenziale. Die Installation einer Solaranlage dauert drei Tage, die eines Windrads drei Wochen, und eine Biogasanlage ist in drei Monaten errichtet. Die Technologien sind inzwischen hunderttausendfach erprobt. Neue Leitungen und Speicher für eine dezentrale Energieversorgung könnten nach den bisherigen Erfahrungen in fünf bis zehn Jahren organisiert sein. Schon heute arbeiten 370.000 Menschen in den Branchen der Ökoenergien. Beim Atomausstieg liegen also nicht nur Probleme, sondern auch riesige Zukunftschancen für eine moderne Gesellschaft. Die Alternative heißt: „Erneuerbar statt atomar!“ Genauso wichtig wie der Umstieg auf erneuerbare Energien ist jedoch das Einsparen von Energie und deren effizientere Nutzung. Vor allem in unseren Altbauten können wir durch besseres Dämmen, durch neue Türen, neue Fenster, neue Dächer bis zu 80 Prozent der Heizenergie einsparen. Worauf warten wir eigentlich noch?
Eine lohnende Alternative
Und was kostet der Umstieg? Im Durchschnitt hat sich durch besseres Dämmen eine Investition nach 12 bis 15 Jahren amortisiert – zumal es staatliche Zuschüsse und zinsgünstige Kredite gibt. Da erneuerbare Energien keine Folgekosten nach sich ziehen, ist die rasche Umstellung preiswerter als eine verzögerte. Zum Glück haben wir auf der ganzen Welt erneuerbare Energiequellen, die ungefährlich sind, ewig vorhanden, keinen Treibhauseffekt bewirken und um die man keine Kriege führen muss. Langfristig sind Sonne und Wind weit preiswerter als die alten Energieträger, weil Sonne und Wind keine Rechnung schicken. Sie sind Geschenke des Himmels im wahrsten Sinn des Worts. Und sie verursachen keine Milliarden-Folgeschäden wie Atom, Kohle, Gas oder Uran. Die Energiewende ist möglich. In Deutschland haben bereits über 100 Regionen und Kommunen beschlossen, bis 2030 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzusteigen. Es geht auch ohne längere Laufzeiten der Atomkraftwerke und ohne neue Kohlekraftwerke. Kohle und Atomkraft sind keine Brücken zu den erneuerbaren Energien, sondern Barrieren.
Mehr als genug Energie
Allein die Sonne schickt uns jede Sekunde 15.000-mal mehr Energie als alle Menschen verbrauchen. Es gibt kein Energieproblem – es gibt nur eine falsche Energiepolitik. Was bisher fehlte, war ausschließlich der politische Wille. Schon heute gewinnt Ostfriesland über 100 Prozent seines Stroms erneuerbar. Ostfriesland muss überall werden. Die Stadtwerke München, Nürnberg und Kassel bieten schon heute ihren Privatkunden ausschließlich Ökostrom. Man sieht, es geht, wenn es gewünscht ist. Das Bundesland Sachsen-Anhalt gewinnt 2011 bereits 52 Prozent seines Stroms über Windkraft, Baden-Württemberg und Bayern gerade mal knapp 1 Prozent. Das Problem war bisher nicht fehlender Wind oder fehlende Sonne, sondern fehlender politischer Wille. Aber jetzt soll sich ja vieles ändern. „Bürger, zur Sonne, zur Freiheit. Erneuerbar statt atomar!“
www.franzalt.de
Franz Alt, Freier Journalist
Kurzbiografie Franz Alt
Franz Alt, geboren 1938, promovierter Philosoph, ist Journalist, Fernsehmoderator und Buchautor. Von 1972 bis 1992 war er Leiter und Moderator des politischen Magazins „Report“. Von 1992 bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion „Zeitsprung“ im Südwestrundfunk, seit 1997 das Magazin „Querdenker“ und seit 2000 das Magazin „Grenzenlos“ bei 3Sat.
Preise und Auszeichnungen: Adolf-Grimme-Preis, Goldene Kamera, Bambi, Deutscher und Europä-ischer Solarpreis, Umweltpreis der deutschen Wirtschaft, Innovationspreis
Franz Alt hält heute weltweit 200 Vorträge pro Jahr und schreibt Gastkommentare sowie Hintergrundberichte für über 40 Zeitungen und Magazine. Für sein Engagement erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Seine Bücher sind in zwölf Sprachen übersetzt und erreichen eine Auflage von über zwei Millionen Exemplaren. Auf seiner Web-Seite „Sonnenseite“ findet man aktuelle, kommentierte News rund um die Solarenergie, Umweltschutz, Wirtschaft und aktuelle Weltpolitik.
Jeden Sonntag gibt es einen kostenlosen Newsletter.

