METRONA Wärmemesser Union GmbH


Serie: Schimmel- und Feuchteschäden, Teil 3

Schimmel: Ursachen mit List und Tücke

Schimmel: Ursachen mit List und TückeNachdem im ersten Teil unserer neuen Fachthemenserie die Grundlagen und Wachstumsbedingungen beschrieben und im zweiten Teil die verschiedenen Erscheinungsbilder vorgestellt wurden, geht es im dritten Teil um die Ursachen. Doch bei Schimmelpilzen in Wohnungen stellt sich häufig das Problem, dass es mehr als eine Ursache gibt – und diese sich überlagern sowie im Extremfall sogar andere Ursachen vortäuschen. Ohne genaue Kenntnis über die tatsächlichen Ursachen sowie deren Beseitigung kann es keine nachhaltige Schimmelpilzbeseitigung geben. Und auch die Prävention wäre nur von kurzer Dauer.

Feuchtigkeit ist der alles entscheidende Faktor für das Wachstum von Schimmelpilzen. Hierbei sind sich Experten einig, dass diese nicht nur in flüssiger Form, sondern auch gasförmig vorliegen kann. Des Weiteren sind sich Experten einig, dass Schimmelpilze nicht nur bei hoher Feuchtigkeit wachsen: Die ursprüngliche Pauschalisierung von 80 oder 85 Prozent und mehr relativer Luftfeuchte gilt bereits als überholt. Außerdem wird in zunehmendem Maß die Wasseraktivität herangezogen – also der Feuchtegehalt unmittelbar über dem Untergrund (Substrat) – und nicht mehr nur die relative Luftfeuchte irgendwo im Raum.

Feuchtigkeit als Katalysator

Die Sporenbildung und -keimung sowie das Myzelwachstum der Schimmelpilze werden sehr stark und in unterschiedlichem Maß von der Feuchtigkeit des Substrats beeinflusst. Allerdings ist hierfür nicht die Gesamtfeuchte des Materials entscheidend, sondern nur das für die Schimmelpilze „frei“ zur Verfügung stehende Wasser. Hierbei handelt es sich um den Wassergehalt in den Poren an der Bauteiloberfläche, der nicht durch lösliche Substanzen wie zum Beispiel Salze, Eiweißstoffe oder Kohlenhydrate gebunden ist. Für diesen frei verfügbaren Anteil des Wassers wurde die Kenngröße der Wasseraktivität, der sogenannte aw-Wert, eingeführt. Dieser ist definiert als der Quotient des Wasserdampfdrucks im beziehungsweise auf dem Nährmedium (pD) und des Sättigungsdrucks des Wasserdampfs (ps) bei der gleichen Temperatur:
aw  = pD / ps

Die Wasseraktivität kann im Gleichgewichtszustand auch als relative Luftfeuchtigkeit ausgedrückt werden. Im Unterschied zur relativen Luftfeuchtigkeit, die in Prozent angegeben wird, bezieht sich der aw-Wert auf den Sättigungswert 1. So entspricht zum Beispiel ein aw-Wert von 0,8 einer Ausgleichsfeuchte von 80 Prozent, wobei der aw-Wert nur ein Maß für die Ausbildung eines Feuchtigkeitsfilms auf oder unmittelbar über der Bauteiloberfläche ist. Heute gilt einerseits als gesichert, dass die meisten Schimmelpilze Untergründe mit einem aw-Wert von 0,80 bis 0,85 bevorzugen.

Auf der anderen Seite ist von den sogenannten xerophilen Schimmelpilzen bekannt, dass sie auch auf „trockneren“ Substraten mit einem aw-Wert von ≥ 0,7 wachsen können. Besonders xerophile Schimmelpilze wie der Wallemia sebi begnügen sich sogar mit Untergründen mit einem aw-Wert von nur 0,65. Das Wachstum von Schimmelpilzen auf solch trockenen Untergründen setzt allerdings voraus, dass sich auf dem Substrat (Untergrund) bereits ein hydrophiler Biofilm gebildet hat, der Feuchtigkeit bindet und damit die Sporen des Schimmelpilz ausreichend versorgt. Diese Voraussetzung muss beim Penicillium chrysogenum, Aspergillus glaucus und Aspergillus restrictus nicht vorliegen. Hydrophile Schimmelpilze wachsen bevorzugt auf Untergründen mit einer hohen Wasseraktivität von ≥ 0,90 bis 0,95. Hierzu gehören zum Beispiel Aspergillus fumigatus, Stachybotrys, Fusarium, Trichoderma, Chaetomium und Ulocladium.

Schimmelpilze, die auf Untergründen mit einer Wasseraktivität zwischen 0,85 und 0,90 wachsen, werden als mesophil bezeichnet. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Aspergillus versicolor. Aus der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Feuchtigkeitsansprüche wird deutlich, dass Schimmelpilze nicht pauschal betrachtet werden dürfen, sondern jede einzelne Spezies ihr eigenes, für Sporenbildung und Wachstum charakteristisches arttypisches Feuchtespektrum beziehungsweise aw-Wert-Spektrum besitzt. Die vegetative oder sexuelle Sporenbildung erfordert höhere aw-Werte als das Myzelwachstum oder die Sporenkeimung. Relativ unbekannt ist, dass die Toxinbildung bei den toxinogenen Schimmelpilzen erst bei höheren aw-Werten einsetzt. Dementsprechend nimmt man den Schimmelpilzen mit dem Entzug der Feuchtigkeit nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern vor allem auch ihre schädigenden und gesundheitsgefährlichen Eigenschaften.

Direkte und indirekte Feuchtigkeitsursachen

Die Frage nach der Herkunft kann in einigen Fällen sehr schnell und einfach beantwortet werden: zum Beispiel, wenn aufgrund von Leckagen oder Undichtigkeiten Wasser in das Bauwerk eindringen kann. Experten sprechen dann von der direkten Durchfeuchtung. Hierzu gehören die fehlende oder nicht funktionstüchtige Bauwerksabdichtung im Keller- und/oder Dachbereich, undichte Anschlüsse an Rohrverbindungen, Fugen und Abflüsse sowie Durchfeuchtungen der Fassade. Hinzu kommen Feuchtigkeitsschäden im Mauerwerk aufgrund kapillar aufsteigender Feuchtigkeit oder durch Salze. Auch unwetterartige Niederschläge, Überschwemmungen und sogenannte Havarieschäden wie geplatzte Wasserschläuche, Heizungs- oder sonstige Wasserrohre zählen dazu. Diese Durchfeuchtung kann über Monate oder Jahre stattfinden oder auch nur temporär sein.

Neben den direkten Durchfeuchtungen eines Bauwerks, die mehr oder weniger schnell und deutlich zu erkennen sind, gibt es auch die indirekten Mechanismen, die eine Durchfeuchtung der Wandoberfläche verursachen können. Hierzu gehören die bauphysikalisch oder hygrothermisch bedingten Schäden, bei denen es entweder unmittelbar auf der Bau­-teil­oberfläche oder im -querschnitt zur Kondensation kommt. Die Ursache liegt in einer unzureichenden Wärmedämmung und/oder in Wärmebrücken. In beiden Fällen kommt es – in Abhängigkeit zu den klimatischen Bedingungen in der Wohnung – zu Tauwasserausfall auf der Wandoberfläche. Deshalb muss bei diesen bauwerksbedingten Ursachen immer auch die Klimasituation im Innenraum beachtet werden. Raumluftfeuchtigkeit und -temperatur sowie die Oberflächentemperatur der Bauteile müssen in einem Gleichgewicht stehen. Infolgedessen werden diese bauwerksbedingten Ursachen ganz wesentlich durch das Lüftungs- und Heizverhalten der Bewohner (positiv oder negativ) beeinflusst.

Wärmebrücken erhöhen das Schimmelrisiko

Geringe Oberflächentemperaturen entstehen meistens dort, wo Wärme nach außen abfließen kann. Dies kann großflächig bei einer unzureichenden Wärmedämmung der Fall sein oder auch punktuell oder auf kleine Flächen beschränkt bleiben wie bei Wärmebrücken. Experten unterscheiden insgesamt zwischen stoffbedingten, geometrischen und konvektiven Wärmebrücken, wobei diese auch in Kombination auftreten können. Zu den typischen Wärmebrücken werden zwei- und dreidimensionale Außenecken, Fensterlaibungen und -stürze, Fenster- und Türkonstruktionen, Balkone, Rollladenkästen, ungedämmte Stahlbetonbauteile, Heizkörpernischen und -befestigungen im Mauerwerk sowie Geschossdecken und Deckenanschlüsse gezählt. Aber auch nicht gedämmte Sockelbereiche (herausragende Keller), Außen- und Zimmertüren zu nicht beheizten Räumen, nicht gedämmte Attika bei Flachdächern oder die Sparrenauflager (Längsbalken des Dachstuhls) können eine Wärmebrücke darstellen. Bei einer raumseitigen Wärmedämmung (Innendämmung) kommt es vor allem im Eckbereich der Außenwand zur Decke zu einer Wärmebrücke.

Dies bedeutet, dass sich bauphysikalische und/oder konstruktive Mängel in der Wärmedämmung der Gebäudehülle durch mangelnde Lüftung kumulieren und infolgedessen deutlich früher und stärker auftreten. Im Umkehrschluss heißt das: Durch regelmäßiges Lüften sowie Heizen wird die erhöhte Luftfeuchtigkeit abgeführt beziehungsweise reduziert. Damit können die bauphysikalischen und/oder konstruktiven Mängel etwas kaschiert werden. Aber: Hat ein Gebäude grundsätzlich ein unzureichendes oder mangelhaftes Wärmeschutzkonzept, kann das Lüften und Heizen die Probleme nicht lösen. Zumal das Innenraumklima ohnehin keinen stabilen Zustand garantiert und durch relativ viele und bereits kleinere Veränderungen zum Teil gravierende Auswirkungen haben kann. Deshalb müssen bei der Bewertung von Temperatur und Feuchtigkeit in Wohnungen immer bauwerks- und nutzungsbedingte Ursachen und vor allem Zusammenhänge und Abhängigkeiten berücksichtigt werden.

Auf einen wichtigen Punkt soll noch hingewiesen werden: Auch wenn der Mieter die Raumklimabedingungen durch sein Wohnverhalten (Heizen und Lüften sowie Möblierung) ganz wesentlich beeinflussen kann und diese Rahmenbedingungen für „schimmelpilzfreie Wohnungen“ in der DIN 4108 Teil 2 (2003-07) oder abgeleitet in der DIN EN ISO 13788 (2001-11) definiert werden – für den Bewohner gelten nicht das Baurecht und technische Regelwerke wie DIN oder VDI-Richtlinien, sondern das Mietrecht. Und in diesem werden bauphysikalische Zusammenhänge nicht geregelt, das Lüftungsverhalten nicht vorgegeben und auch keine verbindlichen Vorgaben gemacht, wie der Bewohner seine Möbel zu stellen hat und mit welchem Abstand welcher Gegenstand an welche Wand gestellt werden darf. Dies ist auch nicht möglich, da hierzu jede Wohnung ihre eigenen „Gesetzmäßigkeiten“ in Bezug auf Wohnfläche und Rauminhalt, Anzahl der Bewohner, natürliche und zusätzliche Feuchtigkeitsproduktion sowie Art und Zustand der Gebäudehülle und -konstruktion aufweist. Die Konsequent daraus: Jeder Schimmelpilzbefall muss immer als Einzelfall betrachtet und bauphysikalisch sowie  klimatechnisch bewertet werden.

Frank Frössel,
Sachverständiger für Bautenschutz und Bausanierung sowie Schimmel- und Feuchteschäden
Bild: Eine direkte Durchfeuchtung, zum Beispiel durch einen Wasserschaden, ist die deutlichste Ursache für Schimmel. Doch die meisten Ursachen sind nicht so offensichtlich. (Frössel)