Das im Jahre 1888 errichtete denkmalgeschützte Gründerzeithaus Schönerlinderstraße 6 in Berlin hat sich in einem völlig maroden Zustand befunden und ist unbewohnbar gewesen. Putz und Stuck bröckelten von der Fassade ab. Sämtliche Holzkonstruktionen waren massiv vom Hausschwamm befallen. Durch eine fachgerechte Sanierung wurde das alte Gebäude zum Null-Heizkosten-Haus, ausgezeichnet mit dem Gütesiegel Effizienzhaus von der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Die heutigen Mieter des Hauses müssen keine Kosten für die Raumheizung bezahlen.
Vor einigen Jahren begann der Berliner Architekt Holger Hensel mit der energetischen Sanierung von Altbauten. Grundgedanke war, durch die Modernisierung alter Bausubstanz Niedrigenergiehäuser mit historischem Charakter und besonderer Wohnqualität zu schaffen. Viele schätzen die unvergleichlichen Vorzüge des Wohnens in einem Altbau mit Stuckfassaden, großzügigen hohen Räumen, Parkettböden, viel Fensterfläche und gründerzeit-typischen Grundrissaufteilungen. Altbauten eilt der Ruf voraus, Energieschleudern zu sein. Unbegründet, wie die erfolgreiche Sanierung des Projekts Schönerlinderstraße 6 zeigt. Das Bauvorhaben ist ein Modellprojekt im Rahmen der Aktion „Niedrigenergiehäuser im Bestand“ der Dena. Ziel des Modellvorhabens war zu zeigen, dass die energetische Sanierung im Gebäudebereich ökologisch sinnvoll, ökonomisch und auch technisch umsetzbar ist. Modellprojekte sind bestehende Gebäude, die energetisch hocheffizient auf das Niveau „Neubau minus 50 Prozent“ nach Energieeinsparverordnung (EnEV) oder besser saniert werden. Tatsächlich beträgt der Energieverbrauch nach der Sanierung maximal die Hälfte des Energieverbrauchs eines vergleichbaren Neubaus.

Die Außenfassade vor der Sanierung
Nach den bisherigen Erfahrungswerten aus ähnlichen Projekten wurde berechnet, dass die Kosten für die Raumheizung voraussichtlich etwa 0,15 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche und Monat betragen werden. Das ergibt für das gesamte Haus zirka 1400 Euro jährlich. Der durch Solarzellen auf dem Dach des Gebäudes erzeugte Strom wird in das öffentliche Netz eingespeist. Dafür zahlt der Stromversorger jährlich eine Vergütung von ebenfalls etwa 1400 Euro. Somit sind die Raumheizkosten abgedeckt, und das Haus wurde als Null-Heizkosten-Haus vermietet. Das Konzept ist nur mit einem sehr hohen energieeffizienten Standard möglich. Um diesen Standard zu erreichen, ist zum einen eine starke und lückenlose Wärmedämmung der gesamten Gebäudehülle notwendig, zum anderen der Einbau modernster Heiz- und Lüftungstechnik.
Wärmedämmung
Aus denkmalpflegerischen Gründen durfte die Höhe des Dachs nicht verändert werden. Als Wärmedämmung der Dächer und der obersten Decken wurde eine mindestens 30 Zentimeter beziehungsweise bis zu 45 Zentimeter starke Einblasdämmung aus Zellulosefasern verwendet. Die Volldämmung erfolgte zwischen den Sparren. Die historische Stuckfassade musste erhalten und repariert werden. Deshalb kam für die straßenseitigen Außenwände nur eine innenliegende Wärmedämmung infrage. Eine 14 Zentimeter starke Vorsatzschale mit einer Einblasdämmung aus Zellulosefasern in Kombination mit Mineralschaumdämmplatten zur Vermeidung von Wärmebrücken an den einbindenden Decken und Innenwänden wurde realisiert. Die Brüstungsnischen unter den Fenstern und die Segmentbögen über den Fenstern wurden nach altem Vorbild wiederhergestellt, sodass die historischen Formen der Räume trotz Innendämmung gewahrt wurden.

Die Fassade nach der Sanierung
Ursprünglich waren die Hoffassaden mit einem einfachen Glattputz ohne Stuck versehen. Nach Absprache mit der Denkmalschutzbehörde kam von außen ein Wärmedämm-Verbundsystem in 20 Zentimetern Stärke zum Einsatz. Bedingung war, dass nach historischem Vorbild wieder ein Glattputz auf die Wärmedämmung aufgebracht werden musste. Die neuen Fenster wurden in der Dämmebene nach außen versetzt eingebaut, sodass die Fensterlaibungen nach historischem Vorbild wieder 15 Zentimeter Tiefe haben. Den sanierten Hoffassaden sieht man die vorgesetzte Dämmung nicht an.
Fenster dreifach verglast
Gerade bei der Altbausanierung spielen die Fenster eine große Rolle – zum einen in punkto Wärmedämmung, zum anderen sollten sie vom Erscheinungsbild so nah wie möglich an den ursprünglichen Fenstern der originalen Fassade liegen. Die vorhandenen Einfachfenster stammten noch aus dem Jahr 1888 und waren in einem sehr schlechten Zustand. Gemäß den Auflagen der Denkmalschutzbehörde kamen an der Straßenseite neue Fenster aus Holz zum Einsatz, vierflügelig mit Stulp, profilierten Kämpfern, Schlagleisten und Wetterschenkeln. Die Fenster wurden mit den ursprünglichen Profil-Ansichtsbreiten hergestellt. Die nach historischem Vorbild gefertigten Fenster unterscheiden sich äußerlich kaum von den Originalen. Statt der einfachen Verglasung bietet nun eine Drei-Scheiben-Wärmeschutzisolierverglasung hervorragende Wärmedämmwerte. Der Glas-U-Wert liegt bei 0,6 W/m2K. Bei einer optimal gedämmten Gebäudehülle müssen zudem Wärmebrücken weitestgehend vermieden werden, und die Hülle muss luftdicht sein. Für alle betreffenden Detailpunkte wurde mithilfe einer speziellen Software der Wärmedurchfluss simuliert und eventuelle Schwachstellen sichtbar gemacht. Dadurch konnten das gesamte Gebäude optimiert und Wärmebrücken auf ein Minimum reduziert werden (Wärmebrückenkorrekturwert 0,013).
Wärmerückgewinnung und Heizung
Zur 90-prozentigen Rückgewinnung der Wärme aus der Abluft besitzt jede Wohnung eine Lüftungsanlage. Dadurch werden Wärmeverluste vermieden, die bei einer konventionellen Lüftung über die Fenster entstehen. Raumheizung und Brauchwasserbereitung erfolgen zu 80 Prozent durch kostenfreie regenerative Energie mittels einer Luft-Wasser-Wärmepumpe. Sie nutzt die Umgebungsluft als Energiequelle. Die der Luft entzogene Wärme wird von einem niedrigeren zu einem höheren Temperaturniveau gepumpt. Angaben zu einem rentablen Außentemperaturbereich schwanken bei den verschiedenen Anbietern. In der Regel wird ein Bereich von minus 20 bis 30 Grad angegeben. Besonders interessant für die Altbausanierung ist der variable Stellplatz. Die Wärmepumpe kann sowohl innen als auch außen installiert werden. Beim Objekt Schönerlinderstraße 6 wurde sie außerhalb des Gebäudes in einer ungenutzten Ecke des Hofgartens aufgestellt.

Der Innenhof, hier steht auch die Wärmepumpe
Während 80 Prozent der benötigten Energie zur Heizung und Brauchwasserbereitung von der Außenluft abgedeckt werden, bestehen die restlichen 20 Prozent aus der Elektroenergie, die zum Antrieb der Wärmepumpe und auch zum Antrieb der Pumpe des Zubringerkreislaufs benötigt wird. Die Wärmepumpe ist über eine Fernwärmeleitung mit drei 500-Liter-Speichern verbunden. Diese Speicher befinden sich im Keller und halten die erzeugte Wärme auf Anforderung bereit.
Solarstromerzeugung
Bedingung für die Genehmigung der Solarstromanlage auf dem straßenseitigen Dach des Vorderhauses durch die Denkmalschutzbehörde war eine harmonische Anordnung innerhalb der Dachfläche sowie ein flächiger Einbau der Module. Beste Vorraussetzungen für eine optimale Energieausbeute boten die vorhandene Dachneigung von 30 Grad und die Ausrichtung nach Süden. Die Solarstrommodule haben insgesamt eine Fläche von 31,00 Quadratmetern und 3,78 Kilowattpeak Leistung.
Die energetische Sanierung unter Einhaltung sämtlicher denkmalschutzbehördlicher Vorschriften des Objekts erforderte große planerische Sorgfalt. Unter der Leitung des Berliner Architekten Holger Hensel wurde das Projekt zum Erfolg. Das ehemals unbewohnbare marode Gebäude bietet heute eine besondere Wohnqualität mit Raumheizkosten zum Nulltarif.
Claudia Närdemann
Bild Oben: Aus dieser Bauruine ist ein Null-Heizkosten-Haus entstanden (Dena)

