Lutz Freitag stand zehn Jahre lang an der Spitze des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, war Mitbegründer derBundesvereinigung Spitzenverbände er Immobilienwirtschaft (BSI ) und hat nun den Staffelstab weitergegeben: Zum 1. Februar hat Axel Gedaschko seine Nachfolge angetreten. Grund genug für das Modernisierungs-Magazin sich mit dem ehemaligen GdW-Präsidenten über seine Amtszeit und die Politik des Gdw zu unterhalten.
Was waren die persönlichen Highlights Ihrer zehnjährigen Amtszeit als GdW-Präsident?
Lutz Freitag: „Für mich sind es immer die menschlichen Begegnungen. Daher war es ein ausgesprochenes Highlight meiner zehnjährigen Amtszeit, mit der großen Zahl von Unternehmerinnen und Unternehmern der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zusammenzuarbeiten, die ihr Geschäft langfristig ausrichten und nachhaltig betreiben sowie mit großer Professionalität wirtschaftlich erfolgreich und zugleich sozial engagiert sind. Unternehmerinnen und Unternehmer, die Wertschöpfung betreiben und dabei aber immer auch die gesellschaftlichen Werte im Auge haben und die über den betriebswirtschaftlichen Ertrag hinaus eine erhebliche Stadtrendite erwirtschaften oder Public Value schaffen. Ich habe auf diese Weise eine Wirtschaftsethik und Unternehmensführung kennengelernt, die in der heutigen gesellschaftlichen und politischen Debatte häufig gefordert und nach der großen globalen Krise und mit den daraus folgenden Unsicherheiten als Stabilitätsanker gesucht wird. Diese Art zu Wirtschaften und zu bewirtschaften wirkt für die Ökonomie und Gesellschaft tatsächlich stabilisierend und ist zugleich Basis für sehr innovative Entwicklungen. Das kennzeichnet die im GdW bundesweit zusammengeschlossenen 3000 Wohnungsunternehmen. Deren Interessen zu vertreten, sie zu begleiten, ihnen Plattformen zum Erfahrungsaustausch und zur Wissenstransformation zu geben, war eine wundervolle Aufgabe.“
Was waren Ihre größten Herausforderungen?
Freitag: „Die größte Herausforderung war sicherlich der zunehmende Stadtumbau. Insbesondere aufgrund der Erkenntnis, dass Städte und Gesellschaften nicht immer nur wachsen, sondern auch schrumpfen – und dass dieser Schrumpfungsprozess einer aktiven Gestaltung bedarf. Daher ist natürlich insbesondere der Stadtumbau Ost zu nennen: Teilweise flächendeckende Leerstände zu beseitigen und Gebäude vom Markt zu nehmen, ohne die Wohnungsunternehmen zu überfordern und den sozialen Frieden zu gefährden, war eine sozial-ökonomische Gratwanderung. Natürlich barg und birgt auch der Stadtumbau West große Herausforderungen. Auch die Politik musste verstehen und akzeptieren, dass Städte nicht unentwegt wachsen und dass deren Schrumpfung vernünftig gestaltet werden muss, damit die Städte in ihrer Vielfalt und Schönheit erhalten und weiter entwickelt werden können.“
Ein kleiner Rückblick auf die vergangenen Jahre in der Wohnungspolitik,. Wie lautet hier Ihr Fazit?
Freitag: „Die Wohnungspolitik hat leider weder die öffentliche Aufmerksamkeit noch die Priorität in der Politik, die ihr eigentlich zukommen müsste. Das hängt natürlich damit zusammen, dass der Wohnungsmarkt in Deutschland im Durchschnitt verhältnismäßig ausgeglichen ist. Aber der Durchschnitt ist bekanntlich das Leichentuch der Statistik. Es verdeckt die Unterschiede. Wir erleben eine Gleichzeitigkeit völlig ungleicher Prozesse. Auf der einen Seite großer Leerstand, auf der anderen Seite extremer Wohnungsbedarf der gerade im Bereich der geringeren Kaufkraft kaum befriedigt werden kann. Dies wird von der Politik nicht in der gebotenen Weise wahrgenommen. Es herrscht weitgehend politischer Stillstand - nach dem Motto: „es läuft ja alles“. Es wird nicht die richtige Politik gemacht. Gerade in Baden-Württemberg tut die Politik viel zu wenig. Der bekannte Werbespruch für die Region müsste eigentlich heißen: „Wir können alles…außer Wohnungspolitik“. Gerade in einem wirtschaftlich so dynamischen Land müsste eine viel engagiertere und aktivere Wohnungspolitik betrieben werden. Der Bedarf ist da, und die finanziellen Bedingungen müssten eigentlich zu schaffen sein. Die Entscheidung der Föderalismusreform II, die soziale Wohnraumförderung in die Kompetenz der Länder zu verlagern, wurde vom GdW in der Hoffnung mitgetragen, dass die größere Nähe zum Problem auch zu besseren Lösungen führt. Das können wir heute allerdings nicht feststellen: Die Lage ist nicht besser geworden, es gibt nur andere Zuständigkeiten. Zum Teil ist das Geld, das vom Bund zur Verfügung gestellt wird – immerhin 518,2 Millionen Euro jedes Jahr - nicht den wohnungspolitischen Erfordernissen entsprechend verwendet worden: Es floss nicht in die Wohnraumversorgung, sondern wurde für die Nachfinanzierung alter Wohnraumprogramme, also zur Haushaltssanierung, verwendet.“

Lutz Freitag (rechts) im Gespräch mit Verleger Dieter A. Kuberski: „Die Wohnungswirtschaft ist heute noch eine der am meisten unterschätzten Branchen.“
Der Energieausweis hat bei seiner Einführung Wellen geschlagen, heute sind die Bestände der Wohnungsunternehmen fast flächendeckend mit einem Energieverbrauchsausweis ausgestattet. War die Aufregung damals zu groß? Oder anders herum: Wie sinnvoll ist der Energieausweis Ihrer Meinung nach?
Freitag: „Die Energieeffizienz und der Klimaschutz sind zentrale politische Ziele und gleichermaßen bedeutungsvolle gesellschaftliche Herausforderungen, die von den Unternehmen, die ich vertrete, voll getragen und akzeptiert werden. Das Problem ist, dass nicht jedes Instrument, das von der Politik entwickelt und eingesetzt wird, auch geeignet ist, um die erklärten Ziele zu erreichen. Der Energieausweis ist das sprichwörtliche Schwein, das immer neu durchs Dorf getrieben wird. Man erhoffte sich, durch die Einführung des Energieausweises u. a. ein größeres Bewusstsein für den Energieverbrauch in Häusern und Wohnungen herbeizuführen. Effektiv wurde dafür aber überhaupt nichts erreicht. Denn: Unsere Unternehmen haben zwar heute zu über 90 Prozent Energieausweise für ihre gesamten Bestände, nachgefragt wird er regelmäßig aber nur von etwa 1 Prozent der potenziellen Mieter. Das zeigt: Der Energieausweis ist in dieser Hinsicht ein Flop und als Grundlage für Entschiedungen über energetische Modernisierungsmaßnahmen völlig unzureichend. Die Politik hat das nur noch nicht realisiert.“
Man könnte aber doch annehmen, dass gerade der neue Berufsweg des Energieberaters in eine Lücke stößt, um den Hausbesitzern oder den Wohnbaugesellschaften energetisch Tipps oder Ratschläge zu geben.
Freitag: „Wir sehen - gerade vor dem Hintergrund des Energiekonzepts der Bundesregierung - einen sehr großen Bedarf an qualifizierten Energieberatern. Wir benötigen aber auch geschulte und qualifizierte Handwerker, die die Konzepte realisieren. In der Bauwirtschaft muss sich noch viel ändern. Mir berichten Unternehmen immer wieder, dass es bei Häusern, die auf der Grundlage eines bestimmten Energieeffizienzwertes geplant wurden, Schwierigkeiten gibt, diesen Energieeffizienzwert nach Fertigstellung auch nachzuweisen. Es muss nicht nur eine Energieeffizienzoffensive geben, sondern auch eine Qualifizierungsoffensive, damit wir überhaupt in der Lage sind, das personell abzudecken, was als Effizienzsteigerung mit zum Teil traumhaften Zielen angestrebt wird. Bis 2020 werden wir die Anforderungen des Energiekonzeptes erfüllen.
Aber danach und bis 2050 eine Steigerung der Energieproduktivität um 80 Prozent im Bestand zu erreichen, wird nur möglich sein, wenn man völlig neue Strategien entwickelt. So müssen beispielsweise auch die Architekten ganz anders an ihre Aufgabe herantreten. Städte und Quartiere müssen ganz anders geplant, umgebaut und entwickelt werden, wie zum Beispiel das großartige Projekt Märkisches Viertel in Berlin zeigt. Ein ganzes Quartier wird umfassend energetisch effizient und wohnwertsteigernd modernisiert. Es ist wichtig, einen Mix aus erneuerbaren Energien, Nahversorgung, Fernversorgung, architektonischen Veränderungen, der Beeinflussung des Verbraucherverhaltens und weiteren Wirkungsfaktoren in ein schlüssiges Gesamtkonzept zu integrieren. Energetischer „Häuserkampf“ und allein Dichten und Dämmen bringen nicht genug!
Rückblickend über Ihre Amtszeit betrachtet: Wenn Sie die Politik der jeweiligen Bundesregierungen beurteilen, welche schneidet am besten ab?
Freitag: „Bei der Politik gibt es im Wesentlichen zwei märchenhafte Strategien: Das Wachküssen ist die eine Variante, der Knüppel aus dem Sack die andere. Die verschiedenen Regierungen der letzten zehn Jahre bewegten sich zwischen diesen Polen. Die einen ein bisschen mehr hier, die anderen ein bisschen mehr dort. Interessanterweise hat sich keines der beiden Extreme durchgesetzt. Die, die den Knüppel aus dem Sack bevorzugen, haben sehr schnell gemerkt, dass man mit Ordnungsrecht allein auf Dauer nicht gegen das Wirtschaftlichkeitsprinzip ankämpfen werden kann. Erst recht nicht, weil 75 Prozent der deutschen Wohnungen in Privatbesitz von Einzeleigentümern sind. Und auch von denen, die versprochen haben, uns vor allem wach zu küssen - wie die derzeit amtierende Bundesregierung - haben wir bisher wenig gespürt: Sie küssen den eigenen Handrücken und schmatzen dabei laut, aber bei uns kommt nichts an. Anfangs war ich von der Koalitionsvereinbarung der jetzigen Bundesregierung begeistert, da sie die wichtigen Punkte aufgreift und gleichzeitig Perspektiven zur Lösung der Probleme aufzeigt. Allerdings habe ich auch noch keine Bundesregierung erlebt, die sich so schnell von ihren richtigen Zielen in der politischen Alltagsarbeit verabschiedet hat. Zwischen dem, was uns im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt wurde und dem, was an tatsächlichem Handeln festzustellen war, klaffte eine riesige Lücke. Dadurch hat die Glaubwürdigkeit der Politik in unseren Bereichen sehr gelitten.“
Jede Bundesregierung hat in der Vergangenheit darauf eingestimmt, den Gürtel enger schnallen zu müssen. Auch unter Kohl gab es harte Einschnitte für die Wohnungswirtschaft. Ist der jetzige Protest von immobilien- und bauwirtschaftlichen Verbänden, von Städtetag und Kommunen da nur Klagen auf hohem Niveau oder reiner Lobbyismus?
Freitag: „Wir haben gegen die konkrete Entscheidung, den Haushalt für die Städtebauförderung, der für 2011 in einer Höhe von 610 Millionen Euro geplant war, auf 305 Millionen, also um die Hälfte zu kürzen, als einer der ersten der Spitzenverbände massiv protestiert. Denn: Diese 610 Millionen Euro sind 0,2 Prozent des Bundeshaushaltes. Dort die Hälfte zu kürzen, wo der Bedarf nach Feststellung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bei eigentlich 700 Millionen Euro liegt, ist eine völlig falsche Politik. Wir haben zwar erreicht, dass die Kürzung dann zur Hälfte wieder zurückgenommen wurde, aber das ändert nichts daran, dass es jetzt nur noch 455 Millionen Euro und damit viel zu wenig sind. Was sich dabei besonders so verheerend auswirkt, ist das faktische Aus für das Programm „Soziale Stadt“. Das Programm ist ein wesentliches Element der sozial-räumlichen Integration, für das der Bedarf gerade jetzt immer weiter steigt. Denn: Die soziale Polarisierung schreitet voran, und die Frage der Integration gewinnt gerade jetzt an Bedeutung. Im sozial-räumlichen Bereich muss häufig das an mangelnder Integration aufgefangen werden, was beiBildung und Arbeit versäumt wurde. Und das keineswegs bei unzureichender Integration auf der ethnischen Ebene, sondern auch in sozialer Hinsicht: Es sind überwiegend Deutsche, die in den überforderten Quartieren leben und die von Transfereinkommen abhängig sind. Das heißt, es herrscht ein Problem fortschreitender sozialer Segregation. Wenn man seitens der Politik ein derart intelligentes Programm wie das der Sozialen Stadt streicht, macht man damit eigentlich nur deutlich, dass man es nicht verstanden und die gesellschaftliche Bedeutung nicht erkannt hat.“
Sind die aktuellen Haushaltsbeschlüsse zu den Förderprogrammen Energetische Sanierung und Stadtbau wirklich zielführend für die Sanierung des Staatshaushaltes?
Freitag: „Nein. Das Problem bei solchen Haushaltsoperationen ist, dass lediglich eine Einsparsumme vorgegeben und nicht gleichzeitig verlangt wird, die damit zwangsläufig verbundenen Mindereinnahmen oder Mehrausgaben in anderen Bereichen zu erfassen. Bei energetischen Modernisierungen ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ein Multiplikatoreffekt von neun erreichbar: Aus zwei Milliarden Euro Bundesmitteln resultieren zum Beispiel 2009 18 Milliarden Euro an Wertschöpfung. Dadurch wurden in diesem Jahr zusätzlich etwa 226.000 Arbeitsplätzen geschaffen oder gesichert. Wenn dieser Posten auf ein Viertel zurückgeschraubt wird, muss natürlich in die Rechnung einbezogen werden, dass auch die dadurch ausgelöste Wertschöpfung auf mindestens ein Viertel zurückgeht und sich die Zahl der Beschäftigten vermindert. Die Folgen für die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer, die Auswirkungen auf Sozialversicherungsbeiträge, sind auch nicht berechnet worden. Diese Maßnahmen sind ökonomisch und finanzwirtschaftlich t falsch und kontraproduktiv. Zudem werden auch die großen Ziele Klimaschutz und Energieeffizienz so nicht erreicht.“
Neben den jüngsten Kürzungen hat die Bundesregierung auch einige, für die Wohnungswirtschaft positive Änderungen auf den Weg gebracht. Wie lautet Ihr Fazit?
Freitag: „Wir sind sehr glücklich darüber, dass mit dem Jahressteuergesetz 2011 der Paragraph 13 Abs. 3 Satz 2 ff. des Körperschaftssteuergesetzes und mit ihm vor allem der Satz 10 endgültig beseitigt worden sind. Das war die letzte noch im Zusammenhang mit der Abschaffung der Gemeinnützigkeit in der Wohnungswirtschaft eingeführte belastende steuerrechtliche Sonderregelung für die ehemals gemeinnützigen Wohnungsunternehmen. Die Aufhebung des Paragraph 13 Abs. 3 Satz 2 ff. Körperschaftssteuergesetz entlastet die Betriebe erheblich von unnötiger Bürokratie und ermöglicht den Handel mit Beständen untereinander.“
Die Mietrechtsreform ist auf dem Weg. Die Ankündigungen der Bundesregierung ließen hehre Ziele vermuten, das aktuelle Diskussionspapier strotzt jedoch eher vor Zugeständnissen an den Mieterbund. Wie glauben Sie, geht diese Diskussion aus? Kommt die erwartete Reform, ein Reförmchen oder ist unter dem Strich eher gar nichts zu erwarten?
Freitag: „Wenn es uns bald gelingt, eine vernünftige Reform auf den Weg zu bringen, können wir noch die sachlich gebotenen Regelungen verwirklichen. Allerdings bietet der erste Entwurf hierfür keinerlei Ansatz. Dieser ist zum Teil völlig an der Koalitionsvereinbarung vorbei entwickelt worden. Die vorgesehenen neuen Regelungen führen zu mehr Schwierigkeiten als wir sie heute schon haben.
Die Aussage der Politik war immer, dass die Energieeffizienz und der Klimaschutz als oberste Ziele angesehen und durchgesetzt werden müssen. Mit dieser Begründung sollte das Mietrecht angepasst werden. Der GdW hat sich darauf beschränkt, nur die Beseitigung der wirklich blockierenden Regelungen - wie die Duldungspflicht, die den Einsatz erneuerbarer Energien unmöglich machen kann, oder die Frage der Mietminderung im Falle einer Sanierung zu fordern. Auch das Thema Contracting wurde politisch noch nicht richtig beachtet und erst einmal im Rahmen der Ökosteuerreform finanziell erheblich belastet. Derzeit habe ich allerdings eher den Eindruck, dass sich die Realisierung der Klimaschutz- und Energieeffizienzziele dem bestehenden Mietrecht anpassen muss. Unter den gegebenen mietrechtlichen Voraussetzungen ist nur ein bestimmter Sanierungsumfang möglich. Die wesentlichen quantitativen Ziele im Klimaschutzbereich und bei der Energieeffizienz werden so nicht erreicht werden können.“
Eine Zwischenfrage in Richtung Mietrechtsreform. Sie stellten gerade fest, dass sich die Entwicklung schon sehr weit vom Koalitionspapier entfernt hat. Wer arbeitet denn an dieser Entfernung? Was glauben Sie, steckt dahinter? Sie treten hier ja auch als Lobbyist auf. Können Sie in den Prozess denn nicht genügend Gewicht einbringen, um die Mietrechtsreform in die richtige Richtung zu treiben?
Freitag: „In Deutschland gibt es etwa 50 Millionen Mieter. Mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Deutschen wohnt zur Miete. Wenn man die auf die Barrikaden hetzt, hat das natürlich eine höhere politische Druckwirkung als wenn wir für unsere 3000 Immobilienunternehmen auf die ökonomischen und ökologisch restriktiven Wirkungen des Mietrechts hinweisen. Die Politik richtet sich nach den für sie relevanten Machtrisiken. Auch wenn wir eine sehr vernünftige und sachlich sowie strategisch denkende Spitzenebene des Mieterbunds in Deutschland haben, so kann ein Mieterbund mit der großen Zahl der Mieter, für die er stellvertretend das Wort erhebt, natürlich mehr Aufmerksamkeit erregen, als wir das für die 3.000 Unternehmen mit sachlicher Argumentation erreichen können."
Dadurch ist der politische Status der Wohnungswirtschaft gegenüber der Bundesregierung nicht der größte. Herr Mücke war kürzlich in Stuttgart und erklärte, er würde es begrüßen, wenn es öfter Runde-Tisch-Gespräche mit allen Interessenvertretungen aus der Wohnungswirtschaft, also GdW, BfW, DDIV, BSI und so fort gäbe. Würden Sie das begrüßen, oder finden derartige Treffen bereits statt?
Freitag: „Derartige Treffen gibt es bereits. Es gibt den immobilienwirtschaftlichen Dialog, den Herr Minister Ramsauer gleich zu Beginn seiner Amtszeit revitalisiert hat. Auf der Geschäftsführerebene trifft man sich regelmäßig mit der Arbeitsebene des BMVBS zum fachlichen Dialog, und die Politik hat auch regelmäßig Gelegenheit, auf unseren Kongressen zu sprechen, das heißt ihre politischen Auffassungen bei uns einzubringen. Wir stehen also in einem regelmäßigen Dialog.“
Was wir als Herausgeber von Fachzeitschriften bedauern ist, dass von diesen „Round-Table-Dialogen“ nichts nach außen dringt. Man hört nichts davon, was sich zwischen der Bundesregierung und den einzelnen Verbänden abspielt. Man hört nichts über die Ideen, die dort geboren werden und gegebenenfalls zu einem positiven Ergebnis führen.
Freitag: „Das ist ein Problem der politischen Öffentlichkeitsarbeit. Gerade in der letzten Zeit waren die Dialoge sehr kritisch und kontrovers, darüber berichtet eine Regierung natürlich ungern. Umso mehr haben wir darüber berichtet: Waren 2009 bei unserem Pressetermin vor unserem Verbandstag schon an die 20 Journalisten anwesend, so waren es letztes Jahr weit über 30. Das zeigt: Das Interesse auch der Medien ist da. Die Politik muss darüber nachdenken, wie sie in diesem Bereich ihre Öffentlichkeitsarbeit verbessern kann.“
Sie haben in Ihrer Präsidentschaft federführend an der Gründung der BSI gearbeitet, damit die Wohnungswirtschaft mit einer geschlossenen Stimme vertreten ist. Welche politischen Auswirkungen hat die BSI?
Freitag: „Wir haben viel erreicht, vor allem, dass der größte Teil der Anbieterseite des Wohnungsmarktes durch die BSI mit einer Stimme spricht. Das zeigt u. a. auch ein jüngstes Beispiel, bei dem es ohne die BSI völlig falsch gelaufen wäre: Die Veränderungen im Teil "Gebäudebereich" des Energiekonzeptes der Bundesregierung. Hier war der erste Entwurf so verheerend, dass wir Schlimmeres befürchteten als zu Zeiten der Rot-Grünen-Regierungskoalition. So war von einer energetischen Modernisierungsverpflichtung unter Anwendung der EnEV und von Malus-Bonus-Regelungen in der Grundsteuer für diejenigen, die entweder über oder unter dem EnEV-Standard energetisch modernisiert haben, die Rede. Die BSI hat massiv gegen diese Inhalte des Entwurfes argumentiert. Mit dem Ergebnis, dass heute selbst Gegner von uns zugestehen, dass wir dort wirklich viel erreicht haben. Das hätte jeder einzelne Verband für sich so nicht erreichen können.“
Empfanden Sie das Ausscheiden der Haus & Grund-Organisation als Schwächung des BSI?
Freitag: „Unsere Philosophie war immer, dass der BSI die gesamte Anbieterseite des Wohnungsmarktes repräsentieren soll. Dazu gehören auch und gerade die privaten Eigentümer. Wir stehen nach wie vor in enger und guter Abstimmung mit Haus & Grund. Der Gesprächsfaden ist keineswegs abgerissen.“
Bevor Sie nun Ihre Ämter verlassen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würden sie sich die Entwicklung der Wohnungswirtschaft in den nächsten zehn bis 20 Jahren vorstellen?
Freitag: „ Die Wohnungswirtschaft ist heute noch eine der am meisten unterschätzten Branchen, in Bezug auf die realisierten Innovationen und Veränderungen. Die GdW-Unternehmen haben zum Beispiel in den vergangenen 20 Jahren im energetischen Bereich eine Modernisierungsrate pro Jahr von über 3 Prozent erreicht die Bundesregierung strebt derzeit ehrgeizig für die ganze Branche eine Verdopplung auf 2 Prozent an. Unsere Mitgliedsunternehmen haben den Energieverbrauch in ihren Beständen in den letzten Jahren so reduziert, dass wir die Vorgaben des Kyoto-Protokolls mit dem Faktor 3 übertreffen: Sie liegen im Energieverbrauch 30 Prozent unter dem Durchschnitt der Branche und sie haben 82 Prozent der Bestände in den neuen Bundesländern energetisch saniert sowie die Anzahl der barrierarmen und barrierefreien Wohnungen in 3 Jahren verdoppelt. Im Prinzip wird es irgendwann so sein, dass jeder Mieter bis zur Pflegestufe drei in den Beständen wohnen bleiben kann. Das bedeutet: altersgerechtes sowie familiengerechtes Wohnen. In dieser Richtung wird sich die Teilbranche, die ich als Präsident des GdW zehn Jahre vertreten habe, weiter entwickeln. Die Unternehmen werden sich auch auf schrumpfenden Märkten durchsetzen, weil sie auf das wachsende Marktsegment der älteren Menschen einerseits, aber auch auf das der jungen Familien in der Stadt setzen. Und die Bedeutung der Stadt wird noch weiter steigen: Sie ist unser Markt.“
Eine kurze Schlussfrage: Sie waren jetzt zehn Jahre im Amt, Herr Freitag, wir haben von Verlagsseite aus viele Gespräche mit Ihnen geführt, unter anderem drei große Interviews. Wenn Sie jetzt ein halbes Jahr weiterdenken, in welcher Funktion sprechen wir Sie dann?
Freitag: (lachend) „Ich habe angekündigt, mir einen Schaukelstuhl zu kaufen und in einem halben Jahr mit dem Schaukeln beginnen zu wollen. Insofern würden Sie mich in einem halben Jahr voraussichtlich beim Schaukeln ertappen, denn ich möchte etwas für den körperlichen Ausgleich tun.
Ich werde natürlich noch die ein oder andere Aufgabe übernehmen, denn es wäre ja schade, wenn mein Know-how nicht mehr genutzt wird. Es gibt Unternehmen und Institutionen, die mich gebeten haben, etwas für sie zu tun. Diese Aufgaben werde ich prüfen und gegebenenfalls angehen. Es muss natürlich mit meinen gesellschaftspolitischen Zielen und sozial-ökonomischen Vorstellungen vereinbar sein. Beim GdW selbst werde ich mich allerdings heraushalten. Ich habe einen sehr guten Nachfolger, der ein vorzüglicher GdW-Präsident sein wird. Das Ausscheiden fällt mir deutlich leichter, seit ich weiß, wer es sein wird, und dass wir mit ihm eine personell sowie fachlich sehr gute Lösung gefunden haben.“
Herr Freitag, vielen Dank für das Gespräch.

