Ausgleichflächen, Biotope und Biotopvernetzung

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3. Besondere Praxisbeispiele: Orchideen und Möwenkolonien

3.1 Seltene Pflanzen

Dass es auch ältere Gründächer in sich haben können, zeigt die etwa 20 Jahre alte extensive Begrünung auf dem Dach der Thüringer Allgemeinen Zeitung in Erfurt. Ein Forscherteam hat in den letzten Jahren dort insgesamt 56 Pflanzenarten (Kräuter, Gräser, Gehölze) und verschiedene Moose und Flechten gefunden. Besonders die Entdeckung von 36 blühenden Orchideen der Art Fuchssches Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) und einigen Exemplaren der Teufelsklaue (Tannenbärlapp Huperzia selago), die sonst fast nur noch in den mittleren und höheren Lagen des Thüringer Gebirges vorkommt, sorgte für Erstaunen in der Fachwelt.

3.2 Möwenkolonien

Auch in diesem Jahr fand eine Gelegezählung durch Ornithologen auf der Dachbegrünung des Logistikunternehmens Fiege statt. Dort haben aktuell mehr als 1360 Möwenpaare eine neue Brutstätte eingenommen. Die etwa 70.000 Quadratmeter umfassende Hallendächer im Hamburger Stadtteil Moorfleet wurden 2006 als Minderungsmaßnahme im Rahmen der Eingriffs-Ausgleich-Regelung extensiv begrünt. Jetzt blühen auf dem pflegeleichten Dach verschiedene Sedum-Arten und vereinzelt auch Kräuter und Gräser. Wie die Hamburger Ornithologen ermittelten, haben sich schon acht Vogelarten zum Brüten auf das vor Füchsen und Mardern sichere Gründach zurückgezogen: Sturm-, Silber-, Herings- und Schwarzkopfmöwen (51 Brutpaare), Austernfischer, Flussregenpfeiffer, Kiebitz und Stockente.

3.3 Vorkommen von Tieren auf hohen Dächern (Hochhäusern)

Untersuchungen an höher gelegenen Dachbegrünungen in Frankfurt, Stuttgart und Würzburg haben gezeigt, dass Insekten und kleine Bodentiere auch Dächer bis zu einer Höhe von 130 Metern besiedeln können. Auf der etwa 50 Meter hohen Dachbegrünung (Extensivbegrünung mit Anhügelung und einer Sedum-Kräuter-Sträucher-Vegetation) des Dachcafe 16 in Würzburg konnte die größte Arten- und Individuenzahl erfasst werden. Die Strukturvielfalt mit unterschiedlichen Aufbauhöhen schlägt sich nieder im Fund von verschiedenen Bodentiergruppen, Feldheuschrecken und Wildbienenarten. Auf der in 130 Meter Höhe gelegenen Intensivbegrünung der Commerzbank in Frankfurt konnten verschiedene Bodentiergruppen ermittelt werden: Asseln, Gehäuse- und Nacktschnecken, Hundert- und Tausendfüßer und Regenwürmer. Flugfähige Insekten konnten mit Marienkäfern, Honigbienen und Hummeln gesichtet werden.

4. Das „Muster-Gründach“ mit dem passenden Kosten-Nutzen-Verhältnis

4.1 Gründachschichtaufbau

Wie könnte die Dachbegrünung aussehen, die sowohl die Seite des Naturschutzes (möglichst hochwertige Dachbegrünung) als auch die Seite des Bauherrn (möglichst günstige Begrünung) gleichermaßen berücksichtigt? Der Kompromiss wäre eine mehrschichtige Extensivbegrünung (wie beispielsweise die Optigrün-Systemlösung „Naturdach“ und „Retentionsdach“) mit einer 3 bis 6 Zentimeter hohen Dränage, Filtervlies, 6 Zentimeter Extensivsubstrat und einer Sedum-Gras-Kraut-Vegetation (etwa Optigrün-Saatgutes Typ E „heimisch“), die partiell mit Substratanhügelungen und anspruchslosen Gehölzen ergänzt werden kann. Solch eine Begrünungsvariante ist relativ leicht (ab zirka 100 Kilogramm je Quadratmeter), flexibel und sowohl auf Dächern mit und ohne Gefälle einsetzbar und hat mit einem Abflussbeiwert C von 0,1 bis 0,3 auch aus Sicht der Regenwasserbewirtschaftung eine Bedeutung. Sie hat ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, lässt viele Gestaltungsmöglichkeiten und eine große Artenvielfalt zu. Die Möglichkeit, die Substrataufbauhöhen zu variieren, macht ein „Naturdach“ ebenfalls reizvoll. Es können gestalterische Aspekte einfließen, und mit geringen Mitteln lassen sich partielle Substraterhöhungen schaffen, die höheren Stauden und trockenheitsverträglichen Gehölzen das Überleben ermöglichen – und damit frost- und trockenheitsempfindlichen Bodentierarten Rückzugsmöglichkeiten für ein dauerhaftes Überleben bieten. Der Bauherr darf bei all seinen „Einspargedanken“ und „Begrünungszwängen“ nicht aus den Augen verlieren, dass die Dachbegrünung nicht nur Zwang durch die Bauauflage darstellt und damit negativ belastet ist, sondern ihm im positiven Sinne auch Geld in Form von Einsparungen durch geringeren Reparatur- und Sanierungskosten der Dachabdichtung, geringere Energiekosten bei Heizung und Kühlung und Minderungen bei der Abwassergebühr bringt.

4.2 Pflege und Wartung. Der richtige Umgang

Extensivbegrünungen werden bei fehlender Pflege oftmals von Moosen, Gräsern beziehungsweise Gehölzen eingenommen. Sie verlieren ihre Artenvielfalt und ökologische Wertigkeit. Stimmen die baulichen und vegetationstechnischen Voraussetzungen, lässt sich mit wenig Pflege der blühende, artenreiche Vegetationsaspekt erhalten. Ein- bis zweimal im Jahr muss das Gründach begangen werden, Fremdbewuchs entfernt, hohe Vegetationsbestände gemäht und die Entwässerungseinrichtungen kontrolliert und gegebenenfalls gesäubert werden. Gemäht werden muss bei höherer Vegetation, um den niedrigwüchsigeren Arten nicht das Licht zu nehmen und zu stark aufkommende Grasbestände zu minimieren. Anfallendes Mähgut muss unbedingt vom Dach entfernt werden. Gedüngt wird mit Fingerspitzengefühl, um die Artenvielfalt zu erhalten und zu fördern. Bauherr und Planer müssen sich bewusst sein, dass auch bei bester Planung und Pflege ein Naturdach der natürlichen Sukzession unterliegt und sich über Jahre hinweg andere Vegetationsformen ausbilden können.

5. Fazit und Handlungsvorschläge

Die Basis aller naturschutzrelevanten Aktivitäten sind die Vorgaben der Politik in Gesetzen und Verordnungen, vom Bundes-Naturschutz-Gesetz über Bebauungspläne bis zur Einführung von gesplitteten Abwassergebühren. Sind Dachbegrünungen im Rahmen der Eingriff- Ausgleichs-Regelung des Bundes-Naturschutz-Gesetz im Bebauungsplan vorgesehen, müssen Vorgaben zur Aufbauhöhe, Wasserspeicherfähigkeit, Abflussbeiwert und Vegetation erfolgen. Zur Förderung des ökologischen Werts und der Fauna sollten folgende Punkte beachtet werden:

Förderungen bestimmter Faunenelemente. Je nach Schichtaufbau und Vegetationsform werden unterschiedliche Tierarten gefördert beziehungsweise finden Lebensgrundlagen. Trockenheits- und frostempfindliche Bodentiere sind auf Gehölze angewiesen.

Flächengröße und Biotopverbund. Der entscheidende Vorteil großer Flächen liegt in der Möglichkeit, eine erhöhte Vegetations- und Strukturvielfalt umzusetzen. Hinsichtlich der Bodenfauna hat die Größe einer Dachbegrünung eine untergeordnete Bedeutung, jedoch bei anderen Tiergruppen sind Flächengrößen von über 1000 Quadratmeter anzustreben. Ebenso wichtig ist, dass möglichst alle Dächer begrünt werden – dann ergeben auch viele kleine Dächer im Verbund eine ausreichend große Fläche. Tiefgaragenbegrünungen mit optimalen statischen Möglichkeiten sollten unbedingt in der Planung zur Biotopvernetzung berücksichtigt werden.

Abwechslungsreiche Begrünungsform. Auf einer ausreichend großen Dachfläche lassen sich unter Verwendung unterschiedlicher Substrate und Schichthöhen strukturreiche Dachbegrünungen mit unterschiedlichen Vegetationsformen modellieren. Durch die entsprechende Vegetation und Strukturelemente, wie partiell und großflächig angelegte Substratanhügelungen, können überlebenswichtige Mikrohabitate gebildet werden.

Artenreiche Vegetation. Durch eine artenreiche Pflanzenauswahl wird der Blühaspekt verlängert und optimiert und das Nahrungsangebot für Tiere vielfältiger. Zu beachten ist dabei allerdings, dass zum Beispiel Wildbienen eine bestimmte Anzahl einer Pflanzenart vorfinden müssen, um ein Dach stetig zur Nahrungssuche anzusteuern.

Strukturelemente und Nisthilfen. Um die Strukturvielfalt nachhaltig zu erhöhen, sollten bestimmte Strukturelemente wie unterschiedliche Vegetationsformen, Sand- und Kiesbereiche, Tothölzer, Nisthilfen und Wasserflächen verwendet werden. Dabei werden nicht nur eine Vielzahl an Mikrohabitaten geschaffen, auch der Mensch profitiert bei einsehbaren Dachflächen davon.

Entwicklungs- und Erhaltungspflege. Trotz optimaler Gestaltung bleibt ein begrüntes Dach ein nichtnatürlicher Standort, sodass der Pflege nach der Fertigstellung der Begrünung eine bedeutende Rolle zukommt, um die beabsichtigten ökologischen Ziele auch längerfristig zu erreichen und zu halten.

Kontrolle und Bewertung fertiggestellter Dachbegrünungen. Die detaillierte Festschreibung einer Dachbegrünung in Bebauungsplänen und Baubeschreibungen kann nur dann ernstgenommen werden, wenn zum einen Kontrollen der fertiggestellten Begrünungen durch fachmännische, protokollierte und damit nachvollziehbare Abnahmen erfolgen und zum anderen die Nichteinhaltungen Konsequenzen nach sich ziehen.

Dr. Gunter Mann
(Diplom-Biologe, Optigrün international AG)

 

Die Literatur

  • Heinrich, W., Dietrich, H., Vetter, H. (2013): Ein Dach – Lebensraum für Orchideen? Rundbrief Nr. 91, Arbeitskreis heimische Orchideen Thüringen, Uhlstädt
  • Mann, G. (1994): Ökologischfaunistische Aspekte begrünter Dächer in Abhängigkeit vom Schichtaufbau. Diplomarbeit Universität Tübingen Mann, G. (1996): Faunistische Untersuchung von drei Dachbegrünungen in Linz. Öko-L 18/3, 3 – 11
  • Mann, G. (1996): Die Rolle begrünter Dächer in der Stadtökologie. Biologie in unserer Zeit 5, 292 – 299
  • Mann, G. (1997): Aus einem Kiesdach wurde ein Naturdach. Stadt und Grün 4, 235 –238
  • Mann, G. (1998): Vorkommen und Bedeutung von Bodentieren (Makrofauna) auf begrünten Dächern in Abhängigkeit von der Vegetationsform. Dissertation Universität Tübingen
  • Mann, G. (2001): Mit 50.000 Quadratmetern Gründach ein Stück Natur zurück. Stadt und Grün 8, 578 – 582
  • Mann, G., Lienhard, M. (2002): Schichtaufbau der Dachbegrünung als belebte Bodenzone. Dach + Grün 3
  • Mann, G., Zeller, S. (2003): Zur Bewertung begrünter Dächer in Bauleitplanung und Eingriffsregelung. Dach + Grün 4
  • Mann, G. (2005): Vorkommen von Tiere auf begrünten Hochhäusern. Dach + Grün 3
  • Mitschke, A. (2014): Vogelparadies auf dem Dach. Mitteilungen des Arbeitskreises an der Staatlichen VSW Hamburg, 5 – 7

 

 

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Quelle

Gebäude Grün

GebäudeGrün, (GG) 1992 als Dach + Grün gegründet, wird inzwischen von drei europäischen Dachbegrünungsverbänden – Deutschland (FBB), Schweiz (SfG) und Österreich (VfB) als Verbandszeitschrift genutzt.

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