Baujahr 2018: Wohnungspolitisches Ziel um Längen verfehlt

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Deutschland baut weit weg von dem, was nötig ist: 2019 müssten 400.000 Neubauwohnungen pro Jahr gebaut werden, um den bis 2021 bestehenden Wohnungsbedarf gemäß der politischen Zielsetzung der Bundesregierung zu decken. In den vergangenen zwölf Monaten ist es bundesweit allerdings nicht einmal gelungen, 300.000 Wohnungen neu zu bauen. Das Fazit für das Baujahr 2018: Es wurde deutlich weniger gebaut, als tatsächlich gebraucht wird. Diese Bilanz ziehen zum Start des neuen Baujahres 2019 die, die es wissen müssen: die Steinehersteller in Deutschland.

Deren Dachverband, die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM), schlug bei einer Pressekonferenz auf der Fachmesse Bau in München Alarm: „Bei den Baugenehmigungen gibt es bereits wieder negative Vorzeichen. Brisant ist, dass beim Ein- und Zweifamilienhaus die Baugenehmigungen sinken – und das trotz des Baukindergelds“, sagt der DGfM-Vorsitzende, Dr. Hannes Zapf. Die Zahlen der Mauerstein-Industrie seien eindeutig. Die Bundesregierung drohe ihr wohnungsbaupolitisches Ziel um Längen zu verfehlen: 1,5 Millionen Neubauwohnungen bis 2021 hatten sich CDU/CSU und SPD vorgenommen und in den Koalitionsvertrag geschrieben.

Das Fazit der Baubranche noch vor Ablauf der „Groko-Halbzeit“: „Die versprochene Bauoffensive der Großen Koalition droht nicht nur zu platzen, sie platzt gerade“, so Zapf. Würde die Regierung ihren Plan noch retten, dann sieht eine aktuelle Untersuchung sogar Land in Sicht: Die „Wohn-Prognose 2025“ vom renommierten Pestel-Institut aus Hannover sieht längerfristig bis zum Jahr 2025 einen jährlichen Bedarf von 314.000 Neubauwohnungen. „Das wäre das ersehnte Licht am Ende des Tunnels – und würde spürbar Druck aus dem Markt nehmen. Voraussetzung ist allerdings, dass jetzt die richtigen politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden. Da das bisher nicht so aussieht, wird die Politik umsteuern müssen“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts Matthias Günther. „Die Bauwirtschaft braucht solide und verlässliche Kriterien. Ein Baukindergeld mit Verfallsdatum und eine Kurzzeit-Sonder-AfA sind die falschen Signale. Zusätzliche Baukapazitäten sind nicht per Knopfdruck zu haben. Eine Wohnungsbaupolitik, die den Markt per An- und Ausschalter steuern will, funktioniert nicht“, sagt Matthias Günther.

| Wohnungsbaupolitik auf neue Füße stellen

Die Bundesregierung sei daher gut beraten, deutlich mehr Geld in die Hand zu nehmen und durch eine Langfristförderung solide Steuerungsinstrumente für den Wohnungsbau zu schaffen. Allein um die von Branchenverbänden und Organisationen einhellig geforderten 80.000 Sozialmietwohnungen und 60.000 bezahlbaren Wohnungen jährlich neu zu bauen, seien zwischen 9 und 10 Milliarden Euro an Fördergeldern pro Jahr notwendig. Darüber hinaus würden bundesweit einheitliche und vor allem deutlich schlankere Bauvorschriften gebraucht. Es sei deshalb erforderlich, in der Wohnungsbaupolitik die Reset-Taste zu drücken, so Günther.

Er rät zu ökonomischer Kontinuität und politischer Verlässlichkeit: „Für zusätzliche Jobs und Investitionen braucht die gesamte Prozesskette am Bau dringend eine solide Perspektive. Erst dann gelingt es, die Baubranche dazu zu bewegen, zusätzliche Ressourcen im erforderlichen Umfang zu mobilisieren.“ Die Branche stehe immer noch unter dem „Wohnungsbau-Schock“, der Ende der 90er-Jahre einsetzte. Hier habe es nach einem regelrechten Hype im Wohnungsbau einen drastischen Einbruch um 64 Prozent in der Wohnungsbautätigkeit gegeben – mit vielen Firmenpleiten und Entlassungen.

Die zusätzlichen Kapazitäten, die der Wohnungsbau jetzt brauche, bekomme er bei den Baustoffen vor allem von der Mauerstein-Industrie: „Mehr Wohnungsbau ist überhaupt erst durch das Bauen mit Ziegel- und Kalksandsteinen, mit Porenbeton- und Leichtbetonsteinen möglich. Immerhin hat das Mauerwerk einen Anteil von 73 Prozent bei neu gebauten Wohnungen“, sagt Institutsleiter Matthias Günther.

| Explodierende Baulandpreise sind größte Neubau-Bremse

Ein für den Neubau entscheidendes Nadelöhr ist, so das Institut, das Bauland: „Die Preise für Baugrundstücke sind in diesem Jahrzehnt teilweise explodiert. Die Spekulation mit Bauland hält Flächen zurück, und sie hat die Preise nach oben getrieben. Fehlendes und zu teures Bauland sind zum größten Hemmschuh für den Wohnungsneubau geworden“, so Matthias Günther. Die Baulandpreise in den sieben größten Städten Deutschlands hätten sich seit 2010 mit Blick auf einen dringend notwendigen Neubau „fatal entwickelt“. Spitzenreiter unter den „Big 7“ bei den Grundstückspreisen sei München. „Fest steht: Bezahlbarer Wohnungsbau hört bei einem Quadratmeterpreis von 300 Euro für Bauland auf. In München liegt der durchschnittliche Grundstückspreis allerdings bei mehr als dem Neunfachen dieser Summe“, sagt Günther.

Den stärksten Zuwachs bei den Baulandpreisen habe es in diesem Jahrzehnt in Berlin gegeben – mit einem Plus von 274 Prozent. Gefolgt von Düsseldorf (249 Prozent), München (145 Prozent), Stuttgart (45 Prozent), Köln (44 Prozent), Hamburg (43 Prozent) und Frankfurt am Main (32 Prozent). Im Bundesdurchschnitt sind die Baulandpreise in dieser Zeit um 35 Prozent nach oben gegangen, so das Institut.

| Fast gleiche Klimabilanz: Stein, Stahlbeton, Holz

Auf dem Bau auch immer wichtiger: der ökologische Fußabdruck. Das LCEE-Institut (Life Cycle Engineering Experts) hat ihn untersucht. Als Spin-off der TU Darmstadt haben sich die Wissenschaftler auf die Optimierung der Nachhaltigkeit im Bauwesen spezialisiert. Sie haben einen Klima- und Energieverbrauch-Vergleich bei Musterhäusern gemacht – einen CO2- und Heizkosten-Check. Das Fazit: Ob Mauerstein, Stahlbeton oder Holz – egal, womit ein Wohnhaus gebaut wird, der Unterschied in der Klima-Bilanz ist am Ende marginal.

Foto: Rainer Sturm/Pixelio.de

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