Verjüngungskur: Vom Getreidesilo zum Wohnhaus

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Im Mannheimer Industriehafen wurde ein altes Getreidesilo vor dem Verfall bewahrt. Der ortsansässige Investor Reinhard Suhl hat das Gebäude umgenutzt und dort Lofts eingerichtet. Die eingesetzte Innendämmung trägt dazu bei, die denkmalgeschützten Fassaden mit ihrem Backsteindekor energetisch in den Griff zu bekommen.

Vom Ensemble der Kaufmannmühle sind drei Bauten erhalten: Die Lagerhalle (links) und das Silogebäude (Mitte) wurden bereits zu Lofts umgebaut, das eigentliche Mühlengebäude (rechts im Hintergrund) soll bald folgen.

Die Hafenstraße ist so etwas wie ein inoffizielles Aushängeschild Mannheims: Sie bestimmt den ersten Eindruck, den Bahnreisende bekommen, wenn sie mit dem ICE von Norden nach Mannheim einfahren. Der Zug rattert dann den Verbindungskanal zwischen Neckar und Rhein entlang – und am anderen Kanalufer reihen sich die Bauwerke der Hafenstraße wie an einer Perlenkette aufgefädelt aneinander. Speicher, Lagerhallen und Kräne bestimmen das Bild. Lange galt der ganze Stadtteil Jungbusch als Problemviertel. Deshalb hat Mannheim hier in den vergangenen Jahren viel getan, um einen Aufwertungsprozess in Gang zu setzen, der sich nun auch in der Stadtansicht niederschlägt, die Bahnreisende empfängt.

Der wichtigste Schritt war 2004 die Ansiedelung der berühmten Popakademie. Seither wurde die Hafenstraße mit neuem Pflaster und eleganten Laternen umgestaltet, entlang des Kanals eine Promenade angelegt und neben der Kanalbrücke ein Gründerzentrum für Kreative errichtet. All das zeigt Wirkung: Die öffentlichen Investitionen sorgen dafür, dass im Stadtteil die Immobilienpreise anziehen und dass es nun auch für private Investoren attraktiv wird, sich hier zu engagieren. Bestes Beispiel sind die Bauten der Kaufmannmühle. Nach langem Leerstand sind sie nun zu Lofts umgewandelt worden.

| Bewegte Vergangenheit

Die Fensterlaibungen wurden mit den extraschlanken Platten gedämmt.

1881 bis 1883 errichtet, war die Kaufmannmühle die erste dampfbetriebene Großmühle Mannheims. Die Betreiberfamilie hatte sich nicht lumpen lassen und die Architekten Philipp Jelmoli und Karl Blatt engagiert, die ansonsten Villen und Bankgebäude errichteten. Die renommierten Baumeister gaben den Mühlengebäuden jene abwechslungsreich gegliederten, repräsentativen Backsteinfassaden, die für die Industriearchitektur der Gründerzeit typisch sind. Um 1900 kam ein Silogebäude hinzu, auf der anderen Seite der Hafenstraße direkt am Kanal hochgezogen und mittels einer Brücke über die Straße mit dem Hauptgebäude verbunden. Die beiden Weltkriege überstand das Ensemble unbeschadet. 1960 wurde die Mühle dann stillgelegt. Es folgten Jahrzehnte des Leerstands, die der Bausubstanz stark zusetzten. 1982 vernichtete ein Brand eine der Lagerhallen und 1983 wurde die Brücke abgerissen, sodass heute nur noch Teile der Gesamtanlage erlebbar sind. Dennoch genießt sie Denkmalschutz.

| Neues Innenleben

Erst als der Immobilienmarkt Mannheims eine Umnutzung zu Wohnraum lukrativ erscheinen ließ, konnten die Gebäude vor dem endgültigen Verfall gerettet werden. Schrittweise baut der Investor Reinhard Suhl dort nun Lofts ein. Eine besondere Herausforderung bot das Silogebäude: Weder die weitgehend fensterlosen Fassaden, noch die Innenräume, 35 Kornkammern von je 24 Metern Höhe, waren für Wohnzwecke geeignet. Zudem waren die Kammern in einer Holzkonstruktion errichtet, die keinerlei Brandschutz bot.

Die Fassaden erhielten eine Innendämmung aus den 50 Millimeter dünnen IQ-Therm Platten.

Um das Gebäude überhaupt erhalten zu können, trug das Denkmalamt jedoch radikale Eingriffe in die Bausubstanz mit. Die Fassaden wurden mit großzügigen Fensteröffnungen perforiert und um eine Vielzahl von Balkonen ergänzt. Das Innere wurde komplett entkernt und nimmt einen Neubau aus Stahlbeton auf, der nun erstmals nutzbare Geschossflächen bietet. Er erhielt erdbebensichere Fundamente und überragt die alten Backsteinmauern um drei Stockwerke – die zusätzliche Wohnfläche trägt zur Wirtschaftlichkeit des Projekts bei. In Penthouse-Manier springen die oberen Etagen etwas hinter die Ziegelfassade zurück, sodass sie leichter wirken und das Bestandsgebäude optisch nicht erdrücken. Gleichzeitig entsteht auf diese Weise Platz für attraktive Dachterrassen. Mit ihrer schlichten Metallverkleidung passt die Gebäudekrone nicht nur gut in das ruppige industrielle Umfeld am Hafen, sondern ist auch eindeutig als neues Bauteil ablesbar, das nicht zum historischen Bestand gehört.

Bei der energetischen Sanierung und Gestaltung der Fassaden legte man ebenfalls Wert auf die Unterscheidung von Alt und Neu. Wo es früher bereits Öffnungen gab, erhielten die Fenster, jetzt natürlich mit Isolierglas, wieder Sprossen, die an das überlieferte Erscheinungsbild anknüpfen. Wo jedoch neue Öffnungen in die Wände gebrochen wurden, zeigen sich die Fenster sprossenlos modern. Klar war, dass das Mauerwerk aus gelbem und rotem Backstein sichtbar bleiben und keinesfalls hinter einem WDVS verschwinden sollte. Für den nötigen Wärmeschutz sorgt stattdessen eine Innendämmung. Die Fassaden des Silogebäudes machen wegen seiner turmartigen Kubatur den Löwenanteil der Außenhülle aus; die Wandflächen, die es energetisch zu ertüchtigen galt, summieren sich auf rund 1400 Quadratmeter.

| Platzsparend und effektiv

Sockel aus Sandstein, Lisenen aus rotem und Wandfüllungen aus gelbem Backstein: Das Sichtmauerwerk wurde erhalten und von innen gedämmt.

Aus Sicht des Bauherrn war es wichtig, eine möglichst dünne Dämmung zu finden, für die nicht zu viel Wohnfläche geopfert werden muss. Damit schlug die Stunde für IQ-Therm von Remmers. Mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,031 konnte der hygienische Mindestwärmeschutz bereits mit der 50 Millimeter dicken Innendämmplatte hergestellt werden. Das Geheimnis des Dämmstoffs: Er wartet mit dem geringen Wärmedurchgang einer PUR-Hartschaumplatte auf, bietet aber eine deutlich bessere Wasserdampfdiffusionsfähigkeit und kapillare Leitfähigkeit. Denn die Platte ist mit regelmäßigen, senkrecht zur Oberfläche stehenden Lochungen versehen, die werkseitig mit einem speziellen, hoch kapillaraktiven mineralischen Material verfüllt sind. Falls sich im Wandaufbau Tauwasser bildet, wird es über die kapillaraktiven Stege in die raumseitig liegende Putzschicht transportiert und kann dort an die Raumluft abgegeben werden. Berücksichtigt man dabei, dass der Kapillarwassertransport etwa um den Faktor 10.000 effizienter ist als Wasserdampfdiffusion, so lässt sich leicht erkennen, dass IQ-Therm keine Feuchteansammlungen zulässt.

Die Arbeiten auf der Baustelle übernahm die Firma Doege und Sohn aus Mainz. Bei den Laibungen von Fenstern und Türen setzte sie auf spezielle, besonders schlanke Dämmplatten. IQ-Therm L-15 bieten eine Wärmeleitfähigkeit von 0,028 und sind nur 15 Millimeter dick. Das Zusammenspiel der Regel- und der Sonderplatten verhindert, dass an den Laibungen Wärmebrücken entstehen. Auch bei den neuen Innenwänden, die in die Fassaden einbinden, galt es, dieses Problem zu lösen. Damit sich in den Raumecken kein Schimmel bilden kann, rückt hier eine Flankendämmung den Wärmebrücken zu Leibe. Auf einem Streifen von 50 Zentimetern Breite begleiten die extraschlanken Platten den Fassadenanschluss. Das energetische Konzept erstellte das Energieberatungsbüro Preiß aus Schwäbisch Gmünd.

| Fortsetzung folgt

Noch ist der Wandel an der Mannheimer Hafenstraße nicht abgeschlossen. Neben dem Dock 29 plant Investor Suhl derzeit einen Neubau mit weiteren 32 Wohnungen, der unter dem Namen Dock 27 vermarktet wird. Mit einer Ziegelfassade soll er sich harmonisch in das Ensemble historischer Industriebauten am Hafen einfügen. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite harrt das eigentliche Hauptgebäude der Kaufmannmühle seiner künftigen Bestimmung, die ebenfalls eine Umnutzung vorsieht: Hier sind 46 Lofts geplant.

Fotos: Remmers (3); Doege und Sohn (2)

Quelle

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