Seniorengerechter Wohnraum in Deutschland Mangelware

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Wohnen im Alter mit Hindernissen

Kaum eine Entwicklung wird Deutschland in den kommenden Jahren so prägen wie der demografische Wandel. Mit dem Rückgang der Bevölkerungszahlen geht eine drastische Änderung der Altersstruktur einher, die sich unter anderem nachhaltig auf die Anforderungen an den Wohnungsmarkt auswirken wird.

Wir werden immer weniger und immer älter, und das seit vielen Jahren kontinuierlich. Tatsächlich liegen die Anfänge des demografischen Wandels bereits rund 40 Jahre zurück. Auf die geburtenstarken Jahrgänge der 60er- folgte in den 70er-Jahren ein Rückgang der Geburtenraten. Immer deutlicher sind die komplexen, vielfältigen Wechselwirkungen in unterschiedlichsten Bereichen spürbar, die sich dadurch ergeben, dass in den letzten vier Jahrzehnten jährlich mehr Menschen sterben als Kinder zur Welt kommen. Der demografische Wandel betrifft jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft und hat sich mittlerweile zu einem zentralen Thema in Politik und Wirtschaft entwickelt. Er erfordert nachhaltige, komplexe Lösungen, insbesondere auch in der Wohnungswirtschaft.

Demografische Entwicklung

Zwischen 1947 und 1971 gab es in Deutschland mehr Geburten als Sterbefälle. Seit Anfang der 70er-Jahren hat sich diese Relation umgekehrt, seitdem geht es bergab mit der Bevölkerungszahl. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland rund 674.000 Menschen geboren, während sich die Zahl der Sterbefälle auf rund 870.000 belief. Laut Prognose zur Entwicklung der Gesamtbevölkerung des Statistischen Bundesamts werden 2030 in Deutschland nur noch 77,4 Millionen Menschen leben. 2060 wird es nur noch 64,7 Millionen Deutsche geben.

Ein weiterer Aspekt des demografischen Wandels ist die zunehmende Überalterung der Gesellschaft und damit eine deutliche Änderung der Altersstruktur in Deutschland – mit weitreichenden Folgen. Bis 2030 ist eine sehr unterschiedliche Entwicklung der Bevölkerungszahlen in den verschiedenen Altersgruppen zu erwarten. Die Anzahl der Menschen im jüngeren und mittleren Alter wird um über 10 Prozent zurückgehen. Dagegen wird die Gruppe der „jüngeren Alten“ (65 bis 79 Jahre) um mehr als ein Viertel und die der 80-Jährigen und Älteren um mehr als die Hälfte zunehmen.

Mit mehr älteren Menschen ist insbesondere in den späteren Jahren auch ein Anstieg der Pflegebedürftigkeit verbunden. Nach Vorausberechnungen der statistischen Ämter von Bund und Länder dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2020 von derzeit rund 2,4 Millionen um 20 Prozent auf rund 2,9 Millionen und bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent auf 3,4 Millionen ansteigen. Diese Vorausberechnung geht von gleichbleibenden Pflegequoten aus. Wenn mit der steigenden Lebenserwartung der Eintritt der Pflegebedürftigkeit in ein durchschnittlich höheres Lebensalter verschoben wird, kann die Anzahl der Pflegebedürftigen deutlich gesenkt werden.

Im Dezember 2011 waren in Deutschland 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI). Mehr als zwei Drittel aller Pflegebedürftigen wurden nach Mitteilung des Statistischen Bundesamts zu Hause versorgt. Von diesen erhielten 1,18 Millionen Pflegebedürftige ausschließlich Pflegegeld. Daraus ist abzuleiten, dass die Pflege in der Regel komplett von Angehörigen übernommen wurde. Weitere 576.000 Pflegebedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten; bei ihnen erfolgte die Pflege entweder unterstützend oder vollständig durch ambulante Pflegedienste. Vollstationäre Betreuung in Pflegeheimen beanspruchten insgesamt 743.000 Pflegebedürftige, das sind 30 Prozent.

Altersgerechter Umbau

Der demografische Wandel rückt alles rund um das Thema „Alter in unserer Gesellschaft“ immer mehr in den Mittelpunkt. Die Nachfrage nach seniorenfreundlichen Angeboten auf dem Wohnungsmarkt ist groß. Und nicht nur ältere Menschen interessieren sich für barrierearmen oder barrierefreien Wohnraum. Mittlerweile sind solche Wohnungen gestalterisch für alle Altersklassen interessant und attraktiv. Besonders Familien mit kleinen Kindern profitieren von dem Komfort einer barrierearmen beziehungsweise barrierefreien Wohnung. Doch der Wohnungsmarkt ist weit davon entfernt, den Bedarf auf diesem Sektor decken zu können.

„Bis zum Jahr 2020 benötigen wir in Deutschland etwa drei Millionen altersgerechte Wohnungen“, erklärte Axel Gedaschko, Präsident des größten Branchendachverbands dem GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. „Die Versorgung der Bevölkerung mit bezahlbarem und altersgerechtem Wohnraum sowie Betreuungs- und Pflegeangeboten in den Wohnvierteln ist eine zentrale Zukunftsaufgabe.“ Es müsse daher auch neue Konzepte und Kooperationsformen zwischen der Wohnungswirtschaft und dem Pflegesektor geben. Voraussetzung seien zudem kommunale Demografiekonzepte als verlässliche Planungsgrundlage für Kommunen, Wohnungswirtschaft, Handel, soziale Dienstleister und Gesundheitswirtschaft.

Dank der umfangreichen Bemühungen der Wohnungsunternehmen, älteren und bewegungseingeschränkten Menschen ein selbstbestimmtes Leben in ihren vertrauten vier Wänden zu ermöglichen, sind bereits rund 328.000 und damit 5,7 Prozent aller GdW-Wohnungen barrierearm oder barrierefrei. Zum Vergleich: Bundesweit entsprechen nach Schätzungen nur rund 1,5 bis 2 Prozent aller Wohnungen – also zirka 600.000 – diesem Stand.

Studie 65 plus

Trotzdem ist der Wohnungsmarkt auf die steigende Zahl älterer Menschen noch lange nicht ausreichend vorbereitet. Das Verbändebündnis „Wohnen 65 plus“ wirft den Parteien vor, das drängende Thema „Wohnen im Alter“ nicht mit der erforderlichen Aufmerksamkeit zu beachten und hat bei dem interdisziplinären Forschungsinstitut Pestel eine Studie zum Senioren-Wohnen in Auftrag gegeben. Zu dem Bündnis gehören der Sozialverband VdK Deutschland, der Deutsche Mieterbund, der Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure, die IG Bauen-Agrar-Umwelt, die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau und der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel.

Die Studie soll Aufschluss geben über die Wohnsituation der Altersstufe 65 plus und Handlungsansätze für Politik und Gesellschaft liefern, mit deren Hilfe einer bevorstehenden Wohnungsnot für Senioren entgegengewirkt werden kann. In der Untersuchung geht es unter anderem um die Problematik der steigenden Anzahl an pflegebedürftigen Menschen in Deutschland. 2035 erwartet das Pestel-Institut knapp 33 Milliarden Euro an Kosten bei der Pflegeversicherung – ein Plus von 50 Prozent gegenüber heute. „Mit der starken Zunahme Älterer wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen rasant wachsen“, sagt Pestel-Studienleiter Matthias Günther. Die Hilfe zur Pflege als staatliche Sozialleistung könnte in dieser Zeit sogar um das Fünffache auf 18 Milliarden Euro steigen. Ein Teil dieser Ausgaben ließe sich durch eine ausreichende Anzahl barrierearmer Wohnungen vermeiden, die eine ambulante Pflege zu Hause ermöglichen.

Die ambulante Pflege ist wesentlich günstiger als die stationäre Pflege im Heim. Für die Mehrkosten der stationären gegenüber der ambulanten Pflege könne laut Studie von rund 7200 Euro pro Jahr und Person ausgegangen werden. Dagegen koste der Umbau zur barrierearmen Wohnung nach Bundesbauministerium durchschnittlich 15.600 Euro. Auch rein wirtschaftlich betrachtet soll sich das altersgerechte Bauen und Sanieren lohnen – schon mit der Einsparung der Extrakosten für die Heimpflege ließe sich eine seniorengerechte Wohnungssanierung in gut zwei Jahren finanzieren.

Als weitere Problematik sieht das Pestel-Institut, dass ältere Menschen oft alleine in zu großen Wohnungen leben, wenn die Kinder erwachsen sind und der Partner verstorben ist. Darum besteht die Notwendigkeit, solchen Menschen kleinere und damit bezahlbare Wohnungen anzubieten.

Handlungsempfehlungen

In seinen Handlungsempfehlungen eröffnet das Pestel-Institut verschiedene Ansätze und Lösungsmöglichkeiten. Allem voran natürlich die vom zuständigen Bundesministerium als notwendig erachtete Ausweitung des Bestands an barrierearmen Wohnungen in den kommenden Jahren, die grundsätzlich zu unterstützen ist. Um ausreichend seniorengerechten Wohnraum zu schaffen, muss die Förderung entsprechender Umbauten und Modernisierungen deutlich intensiviert wird. Damit könne der Anteil der ambulant Pflegebedürftigen in den eigenen Wohnungen stabilisiert oder sogar erhöht werden. Das von älteren Menschen favorisierte Verbleiben in der eigenen Wohnung auch beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit ist bei vorhandenen barrierearmen Wohnungen erheblich einfacher und länger realisierbar. Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Plus von barrierearmem Wohnraum ist die Sturz- und Unfallprävention. Alles in allem reduziert die Schaffung zusätzlicher seniorengerechter Wohnungen langfristig Kosten in der Pflege und im Gesundheitswesen.

Allen Pflegebedürfnissen zum Trotz werden die Menschen der Altersgruppe 65 plus den größten Teil ihrer verbleibenden Zeit in einer konventionellen oder barrierearmen Wohnung leben. Da den sinkenden Einkommen steigende Wohnkosten gegenüberstehen, erscheint eine Reduzierung der Wohnfläche unausweichlich. In den Städten ist neben dem Wechsel von Haushalten der Altersgruppe 65 plus in kleinere Wohnungen auch der Ausbau gemeinschaftlicher Wohnformen zu forcieren. Deshalb gilt als weitere Handlungsempfehlung, die Angebote barrierearmer und energieeffizienter gemeinschaftlich zu nutzender Wohnungen beziehungsweise Wohngebäude zu erhöhen.

Wenn die geburtenstarken Jahrgänge mit deutlichen Einkommenseinbußen das höhere Alter erreichen, muss der Wohnungsmarkt darauf vorbereitet sein. Das Pestel-Institut empfiehlt, schnellstmöglich über Pilotprojekte zu ermitteln, welche Wohnformen mit reduzierter Wohnfläche von den verschiedenen Milieus akzeptiert werden. Entsprechende Pilotprojekte sollen von Bund, Ländern und Kommunen initiiert und auch gefördert werden, um belastbare Ergebnisse zu erzielen.

Die Studie plädiert für quartiersbezogene Lösungen in den Städten, was bedeutet, dass ältere Menschen trotz eines Umzugs in ihrem Quartier verbleiben können und damit auf ihr gewohntes soziales Umfeld nicht verzichten müssen. Investitionen in barrierearmen Wohnraum sind Investitionen in die Zukunft. Für die Politik gilt: Der demografische Wandel muss stärker in den Mittelpunkt des politischen Handelns rücken. Nur mit entsprechenden Fördermaßnahmen sowie der Entwicklung und Investition in innovative Pilotprojekte kann langfristig das Ziel erreicht werden, ausreichend bezahlbaren und altersgerechten Wohnraum für Senioren zu schaffen, um ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter zu ermöglichen.

Claudia Närdemann

Quelle

Modernisierungs-Magazin

Das Modernisierungs-Magazin ist eine der führenden Fachpublikationen für Entscheider in der Wohnungswirtschaft. Es berichtet in den kaufmännisch/technischen Fachgebieten: Modernisierung, Neubau, Bausanierung, Haustechnik, Bauwirtschaft, Wohnungswirtschaft (Verwaltung), EDV, Finanzierung sowie Sonderteil Objektpflege.

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