Dr. Reinhard Pfeiffer: „Wir sind uns unserer hohen Verantwortung sehr bewusst“

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Interview mit Dr. Reinhard Pfeiffer, Stellvertretender Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München

Die Messegesellschaften müssen in Zeiten von Corona starke Einschnitte verkraften. Landauf und landab hagelt es Absagen. Verunsicherung bei Besuchern, Ausstellern und Veranstaltern greift um sich. Einige Veranstalter flüchten ins Internet und versuchen dort den Messeplatz abzubilden. Wir sprachen mit Dr. Reinhard Pfeiffer von der Messe München über die Einschränkungen während des Lockdowns, über Einnahmeausfälle und Absagen zur kommenden BAU 2021. Aber auch über neue innovative Konzepte am Messestandort München, die hohe Nachfrage  internationaler Aussteller zur kommenden BAU. Der Stellvertretender Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München ist überzeugt, dass sich auf der BAU im nächsten Jahr ein funktionierendes und sicheres Hygienekonzept umsetzen lässt. Einschnitte in Bezug auf die Besucherzahlen vergangener Veranstaltungen ließen sich aus heutiger Sicht nicht vermeiden. Dennoch erwartet man im Januar 2021 rund 200.000 Besucher in der bayrischen Landeshauptstadt. 

 

Herr Dr. Pfeiffer, würden Sie die Messegesellschaften zu den großen Verlierern der Corona-Krise zählen?
Dr. Pfeiffer: Uns als Messeveranstalter hat die Corona-Krise natürlich unvermittelt mitten in unserem Kerngeschäft getroffen. Die Durchführung von Veranstaltungen war auf einmal komplett untersagt, unser Geschäft von jetzt auf gleich fast vollständig stillgelegt. Insofern ist das Jahr 2020 sicherlich kein leichtes für die Messe München. Allerdings gehören wir seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten und profitabelsten Messegesellschaften und daher bin ich zuversichtlich, dass wir letztendlich die Krise gut meistern können.

 

Ein Blick in die Zukunft verlangt in diesen Tagen geradezu hellseherische Fähigkeiten. Dennoch müssen Sie sich mit der Planung der Zukunft befassen. Wann rechnen Sie damit, dass sich Besucher wieder über das Münchner Messegelände bewegen?
Fakt ist, dass wir bereits wieder einige kleinere Veranstaltungen, wie Prüfungen im ICM – Internationales Congress Center München – und im MOC Veranstaltungscenter unter entsprechenden Auflagen durchführen konnten, größere Veranstaltungen wie Messen aber leider noch nicht. Diesbezüglich bin ich aber zuversichtlich, dass die TrendSet im September stattfinden wird und wir dann auch wieder Besucher in größerer Zahl auf dem Messegelände haben werden. Im Oktober werden dann zum Beispiel die Analytica, später dann die Automatica stattfinden.

 

Die Digitalisierung hat in den vergangenen Jahren in allen Bereichen deutlich an Fahrt gewonnen. Während der Pandemie mit den zahlreichen Einschränkungen des sozialen Lebens, Homeoffice, Videokonferenzen, Onlinehandel und so weiter, scheint sich die Entwicklung zu verstärken. Was bedeutet das für die Messe München?
Wir haben ja bereits seit einigen Jahren unseren Geschäftsbereich Digital, der sich speziell mit digitalen Lösungen – alleinstehend oder messebegleitend – beschäftigt. Insofern ist das keine Entwicklung, die wir verpasst haben, sondern eine, die wir seit vielen Jahren aktiv mitgestalten. Dass die Digitalisierung von Messeformaten jetzt einen Schub bekommt, liegt auf der Hand. So haben wir vor kurzem die Ispo Restart Days oder den IFAT impact erfolgreich durchgeführt und es ist klar, dass wir Teile dieser digitalen Angebote künftig auch in reale Messen mit einbeziehen werden, als zusätzliches Angebot.

 

Einige Messeformate haben sich direkt ins Internet verzogen. Bereiten Ihnen, sollte sich der Trend ausweiten, solche Formate Sorgen?
Nein, absolut nicht. Ich sehe diese neuen Formate eher als Chance, auch für uns. Wir können damit unser Angebot erweitern und zusätzlich zum „gewohnten Messeformat“ ergänzend digitale Lösungen anbieten. Interessant ist auch die Aussage vieler virtueller Teilnehmer, dass dann ab und zu wieder ein tatsächliches Treffen im klassischen Messeformat gewünscht wird.

 

Wir führen unser Gespräch Mitte Juli. Nach aktuellem Stand findet die BAU 2021 vom 11. bis 16. Januar statt – wie geplant. Wann wäre, sollte sich die Corona-Krise verschärfen anstatt verbessern, die allerletzte Möglichkeit die Messe abzusagen?
Hier möchte ich mal eine Lanze für uns als Messegesellschaften brechen! Messen wurden von uns im Rahmen der Entstehung von Corona bereits sehr frühzeitig abgesagt, so etwa die Internationale Handwerksmesse unserer Kollegen von der GHM. Fußball mit Publikum wurde noch bis in den März hineingespielt. Ich will damit nur sagen, dass wir uns unserer hohen Verantwortung als Messegesellschaft sehr bewusst sind und diese entsprechend auch wahrnehmen. Wenn wir uns gemeinsam in Abstimmung mit dem Fachbeirat und dem Kuratorium der BAU aufgrund der Infektionsentwicklung entscheiden würden, die BAU nicht stattfinden zu lassen, werden wir dies definitiv frühzeitig und rechtzeitig tun und nicht bis zum letzten Moment warten.

 

Abgesagt haben ein paar durchaus namhafte Unternehmen. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich finde diese Absagen selbstverständlich sehr bedauerlich, verstehe aber auch die Unternehmen, für die viele Faktoren in diese Entscheidung mit hineinspielen. Dass die Menschen in diesen Zeiten verunsichert sind und – wie sagt man so schön? – „auf Sicht fahren“, ist nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz bin ich ganz zuversichtlich, dass die BAU 2021 stattfinden wird. Und irgendwann muss es wieder losgehen, muss eine Branche wieder einen Aufschlagpunkt haben. Es gibt ja so viele Aussteller, die schweigende Mehrheit, die an der BAU 2021 festhalten und dies genauso sehen.

 

Wenn ich die vergangenen BAU-Messen in München noch richtig in Erinnerung habe, waren Sie immer in der komfortablen Lage, mehr Ausstelleranfragen zu haben, als Fläche zur Verfügung stand. Auch die beiden neuen Messehallen 2019 haben nichts an der Situation verändert. Wie sieht es derzeit aus?
Die BAU steht rund ein halbes Jahr vor Messebeginn gut da. Die 18 Messehallen sind zu Dreivierteln fest gebucht. Das entspricht in etwa dem Niveau von vor zwei Jahren. So ist die Nachfrage aus dem Ausland größer denn je. Fakt ist auch: Absagen – vorrangig deutscher Hersteller – stehen Ausstellungsbereiche gegenüber, die voll und ganz hinter der BAU stehen und bei denen die Nachfrage teilweise größer ist als die zur Verfügung stehenden Flächen.

 

Selbst der Tante Emma Laden um die Ecke muss in der heutigen Situation ein stimmiges Hygienekonzept vorlegen und befolgen. Lässt sich das bei einer Messe wie der BAU, bei der alleine 250.000 Besucher durch die Hallengänge spazieren, überhaupt verwirklichen?
Die kurze Antwort lautet: Ja! Gerade in Bayern wird wirklich alles dafür getan, dass wir alle gemeinsam in jeder Situation den optimalen Schutz vor Corona haben. Nichtsdestotrotz ist es schon auf Basis des aktuellen Schutz- und Hygienekonzeptes möglich, eine BAU 2021 entsprechend zu veranstalten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Für die Besucherzahl ist die gesamte Bruttofläche des genutzten Veranstaltungsgelände die relevante Messegröße. Die Bruttofläche bei einer BAU liegt über 300.000 Quadratmeter, das heißt wir könnten, Stand jetzt, pro Tag und bei einer Vorgabe von einer Person pro 10 Quadratmeter rund 30.000 Besucher pro Tag empfangen – und befänden uns dabei im Einklang mit den behördlichen Vorgaben. Anzunehmen, dass wir die Zahl von 250.000 Besuchern wieder erreichen werden, ist angesichts der aktuellen Situation unrealistisch. Wir sind aber so zuversichtlich zu glauben, dass wir an die 200.000 herankommen könnten.

 

Der Vorsitzende des Fachbeirats der BAU München, Dieter Schäfer, hat in einem Offenen Brief sehr deutliche Worte an die Aussteller gerichtet. Sein Fazit lautet, wenn der Pandemie-Verlauf weitere Lockerungen zulässt, „dass wir uns in einer positiven Aufbruchstimmung Mitte Januar 2021 in München treffen dürfen und werden“. Vielleicht gelingt es Ihnen die einen oder anderen Absage in eine Zusage zu verwandeln?
Das hoffen wir sehr, denn die BAU ist immer ein Erlebnis und für die Branche von immenser Bedeutung – erst recht in der aktuellen Situation, die befürchten lässt, dass der Corona bedingte Abschwung die Baubranche 2021 erst so richtig treffen wird. Wir sind mit allen unseren Kunden im Austausch und suchen das Gespräch, um zu sondieren, ob es doch Möglichkeiten gibt, dass ein Unternehmen, dass bereits abgesagt hatte, doch noch seine Meinung ändert. Wir sind diesbezüglich immer gesprächsbereit und lösungsorientiert.

 

Die BAU als wichtiger Branchentreff hat auch immer von seiner Internationalität gelebt. Abgesehen von der zu erwartenden Situation in Deutschland, sieht es in vielen Ländern der Welt noch nicht danach aus, das vollständige Entspannung eintritt. Wie gehen Sie damit um?
Zum einen hoffen wir zunächst einmal, dass sich das Infektionsgeschehen auch im Ausland wieder entspannt. In Europa herrscht ja schon wieder ein weitgehend freier Reiseverkehr, und aus Europa bekommen wir auch sehr positive Signale: Wir hatten noch nie eine so hohe Flächennachfrage von Ausstellern aus dem europäischen Ausland. Diese liegen derzeit 20 Prozent über dem Niveau zum vergleichbaren Zeitpunkt vor zwei Jahren. Auch der Großteil unserer Besucher kommt aus Deutschland und Europa. Was Asien angeht, muss man abwarten, wie die Situation dort im Herbst ist und wie sich das auf die derzeit noch bestehenden Reisebeschränkungen auswirkt.

 

Kann das stets umfangreiche Rahmenprogramm im kommenden Jahr wie geplant über die Bühne gehen oder fallen einige Veranstaltungen dem Virus zum Opfer?
Mit dem Rahmenprogramm, so wie es die Besucher kennen, hat die BAU ein Alleinstellungsmerkmal. Es wird auch 2021 wieder äußerst attraktiv und umfangreich sein, da fällt gar nichts irgendeinem Virus zum Opfer. Neben unseren vier Leitthemen „Herausforderung Klimawandel“, „Digitale Transformation“, „Zukunft des Wohnens“ und „Ressourcen und Recycling“ haben wir für unser Rahmenprogramm das Sonderthema „Die Baubranche nach Corona – wie geht es weiter?“ aufgelegt. Rund um dieses Themen wird es Vorträge in unseren Foren geben. Neu ist die Demonstration Area für Handwerker in Halle C6. Für diejenigen Besucher, die an digitalen Lösungen besonders interessiert sind, haben wir das ebenfalls erweiterte digital Village in unserer Bau-IT Halle C5, sozusagen als Fortsetzung unserer digital-BAU innerhalb der BAU. Zudem gibt es eine VR/AR Area, wo Bauprodukte im Einsatz und in ihrer Anwendung in einer virtuellen Welt gezeigt werden. Dies ist aber nur eine kleine Auswahl. Sie sehen also, dass hier auch im kommenden Jahr viel geboten ist.

 

Ich bat Sie eingangs schon einmal einen Blick in die Glaskugel zu werfen: Wie lange wird die Messe München brauchen, um wieder in ruhigere wirtschaftliche Gewässer zu gelangen?
Krisen, das hat bereits die Bankenkrise 2008 gezeigt, wirken zweifelsfrei eine Zeitlang nach. Aus diesem Grund kann es sicherlich ein paar Jahre dauern, bis sich alle Branchen wieder vollumfänglich erholt haben. Da geht es der Messewirtschaft, die ja seit März überhaupt keine Umsätze mehr generiert, nicht anders. Wir haben den Vorteil, dass wir Weltmarken wie die BAU, die bauma oder auch die Ispo im Portfolio haben. Diese großen internationalen Leitmessen sind für die Unternehmen extrem wichtige Plattformen, um sich sowie die Neuheiten, Innovationen und Trends zu präsentieren. Das wird auch nach Corona so sein. Daher werden wir sehr bald zu alter Stärke zurückfinden.

Interview: Jörg Bleyhl

 

Info
Dr. Reinhard Pfeiffer, Jahrgang 1963, ist seit April 2014 stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München. Er ist verantwortlich für internationale Fachmessen wie BAU, Drinktec, Interforst, Laser World of Photonics oder Analytica. Zur Zuständigkeit gehören auch die jeweiligen Auslandsmessen. Messeintern hat Pfeiffer die Federführung für den Zentralbereich Finanzen und Recht sowie für den Zentralbereich Bau und Technik. Seine berufliche Laufbahn bei der Messe München GmbH startete Pfeiffer als Mitglied der Geschäftsführung im Juli 2008.

Pfeiffer studierte in Regensburg Rechtswissenschaften. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen arbeitete er im Bayerischen Wirtschaftsministerium in verschiedenen Funktionen in der Außenwirtschaft und der Pressestelle. Von 1995 – 2000 war er für das Wirtschaftsministerium bei der Vertretung des Freistaates Bayern beim Bund in Bonn und Berlin tätig. Ehrenamtlich ist Pfeiffer als Schatzmeister der Tourismusinitiative für München engagiert. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Quelle

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