Automatisiertes Bauen erreicht den Handelsbau: In Neubulach entsteht derzeit der weltweit erste Supermarkt, dessen Wände im 3D-Betondruckverfahren gefertigt werden. Das Projekt verbindet digitale Bauprozesse mit CO₂-reduzierten Baustoffen und gilt als Meilenstein für den gewerblichen Hochbau.
Was bislang vor allem bei Pilotprojekten, Einfamilienhäusern oder kleineren Sonderbauten zum Einsatz kam, wird nun erstmals auf einen Supermarkt im industriellen Maßstab übertragen. Der zukünftige Netto-Markt entsteht auf einem Grundstück der Sehne Backwaren KG und soll zeigen, wie sich automatisierte Bauverfahren auch bei standardisierten Gewerbeimmobilien wirtschaftlich einsetzen lassen.
Mehr als 1.300 Quadratmeter Wandfläche aus dem Drucker
Mit einer Grundfläche von rund 1.700 Quadratmetern und mehr als 1.300 Quadratmetern gedruckter Wandfläche zählt das Gebäude nach Angaben der Projektpartner aktuell zum größten realisierten 3D-gedruckten Bauwerk weltweit. Für die Umsetzung werden mobile 3D-Betondrucker eingesetzt, die direkt auf der Baustelle arbeiten und abschnittsweise versetzt werden können. Dadurch lassen sich auch großflächige Gebäude ohne stationäre Produktionsanlagen realisieren.
Rund 292 Kubikmeter Druckbeton werden verarbeitet. Die bis zu sieben Meter hohen Wände entstehen nahezu vollständig automatisiert. Ergänzt wird die Konstruktion durch konventionelle Bauteile wie Stützen und Ringbalken. Der Wandrohbau einschließlich der notwendigen Schnittstellen konnte innerhalb von etwa vier Wochen erstellt werden.
CO₂-reduzierter Beton im Praxiseinsatz
Besonders bemerkenswert ist die Materialwahl. Zum Einsatz kommt ein speziell für den mobilen 3D-Druck entwickelter Transportbeton, der auf einem Near-Zero-Zement basiert. Dieser Zement wird unter Verwendung von Technologien zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung hergestellt. Das bei der Produktion abgeschiedene Kohlendioxid wird dauerhaft gespeichert, wodurch der CO₂-Fußabdruck des Baustoffs deutlich reduziert werden kann.
Für den 3D-Druck bietet das Material entscheidende Vorteile: Es verfügt über eine hohe Pumpfähigkeit, bleibt nach dem Auftrag formstabil und entwickelt schnell die notwendige Festigkeit für den schichtweisen Aufbau der Wände. Gleichzeitig lassen sich die klimafreundlicheren Eigenschaften ohne Anpassungen der Drucktechnik oder der Betonrezeptur nutzen.
Potenzial für den Gewerbebau
Supermärkte gelten aufgrund ihrer großen Wandflächen, klaren Grundrisse und hohen Anforderungen an Bauzeit und Wirtschaftlichkeit als geeignete Anwendungsfälle für den 3D-Druck. Das Projekt in Neubulach zeigt, dass sich digitale Fertigungstechnologien zunehmend in klassische Bauabläufe integrieren lassen und damit neue Möglichkeiten für effizientere Bauprozesse eröffnen.
Die Projektbeteiligten sehen in dem Vorhaben einen wichtigen Schritt, um den 3D-Betondruck vom Pilotstadium in den regulären Hoch- und Gewerbebau zu überführen. Automatisierung, digitale Planung und innovative Baustoffe könnten damit künftig stärker zur Verkürzung von Bauzeiten sowie zur Reduzierung von Ressourcenverbrauch und Emissionen beitragen.
Objektsteckbrief
- Standort: Neubulach (Baden-Württemberg)
- Gebäudetyp: Supermarkt
- Grundfläche: rund 1.700 m²
- Gedruckte Wandfläche: über 1.300 m²
- Druckvolumen: ca. 292 m³
- Wandhöhe: bis zu 7 m
- Fertigstellung: 2026 geplant

