Sanierungsstau muss endlich aufgelöst werden

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Über 500 Expertinnen und Experten haben Ende November in Stuttgart darüber diskutiert, wie bestehende Gebäude energieeffizienter werden können. dabei waren Vertreterinnen und Vertreter aus Handwerk, Architektur, Ingenieurwesen, Politik, Verwaltung, Kammern und Verbänden. Organisator der größten Fachtagung zu Energieeffizienz in Gebäuden im süddeutschen raum ist Zukunft Altbau, das vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderte Informationsprogramm. im Fokus der Vorträge stand auch die aktuelle Diskussionstand der Bundespolitik in Berlin.

Zum Auftakt sprach Professor Dr. Harald Welzer, Direktor von Futurzwei Stiftung Zukunftsfähigkeit. Sein Thema: Der gegenwärtig praktizierte Lebensstil unserer Gesellschaft konsumiere durch hypertrophes Wachstum seine eigenen Voraussetzungen. Wachstum, Effizienz und sinnentleerter Konsum seien jedoch der falsche Weg, so Welzer. Klimafreundliches Leben kann und müsse vielmehr deutlich positiver dargestellt werden. Funktionierende attraktive Angebote, die die CO2-Emissionen reduzieren und gleichzeitig die Freiheit moderner Gesellschaften bewahren, seien das Gebot der Stunde. Nicht nur auf dem Herbstforum Altbau gebe es hierzu zahlreiche vorbildhafte Beispiele, so der Sozialpsychologe.

Gelungene Beispiele standen im Zentrum der weiteren Vorträge. Zukunftsfähigen Bildungsraum schafft Architekt Jochen Schurr von m2s müller.schurr.architekten. Er referierte zu seriellen Schulsanierungen im Allgäu und stellte als Beispielprojekte die Realschule Buchloe und die Mittelschule Obergünzburg detailliert vor. Neben Energieeffizienzgesichtspunkten lohne sich dieses Vorgehen auch deshalb, da die Sommerschulferien oft ausreichten, um die Gebäude umzubauen. Das erforderliche Geld für die Unterbringung in Containern könne so eingespart werden.

Die Sanierung des Aqua-Turms Radolfzell (Foto) präsentierte Diplom-Ingenieur Norman Räffle, Architekt und Energiedesigner. In Radolfzell am Bodensee hat er mit visionären Ideen und viel Tatendrang einen 34 Meter hohen Wasserturm in ein Nullenergiehotel verwandelt. Das Monitoring des vergangenen Jahres bestätigt nun die hervorragende Energiebilanz des Hotels: Die Gebäudetechnik verbrauchte mit insgesamt 20.000 bis 22.000 Kilowattstunden Strom im Jahr deutlich weniger als die rund 30.000 Kilowattstunden Strom, die erzeugt wurden – und das bei 20 Hotelzimmern und über 800 Quadratmeter Nutzfläche. Die CO2-Emissionen liegen dank der überwiegenden Nutzung selbsterzeugter erneuerbarer Energien, der geringen Verbrauchswerte und des hohen Überschusses bei null.

„Photovoltaik: Sektorenkopplung in Wohngebäuden“, lautete der Vortrag von Michael Vogtmann, Vorsitzender der DGS Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie, Landesverband Franken. Der PV-Experte schilderte die aktuellen Kosten von Photovoltaikanlagen und Solarstromspeichern. Auch die Nutzung von eigens erzeugtem Solarstrom vom Dach in Wärmepumpen, Heizstäben, E-Autos und E-Bikes waren Thema.
Thomas Hartmann, Gründer von Hartmann Energietechnik, zeigte am Beispiel des solarthermisch beheizten Sonnenhauses, wie gut die höchstmögliche Unabhängigkeit von fossilen Energien funktioniert. Bedingung hierfür seien große Solarwärmeanlagen auf dem Dach und/oder der Fassade sowie ein niedriger Energiebedarf des Hauses mit KfW-55-Standard. Sein abschließendes Statement: „Gegen den Klimawandel kann man demonstrieren. Oder installieren.“

| Bericht aus Berlin

Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude und Wärme der Deutschen Energie-Agentur GmbH (Dena), lenkte in seinem Vortrag den Blick auf den aktuellen Diskussionsstand der Bundespolitik in Berlin: Er gab einen Überblick über die Inhalte des Klimapakets zur Gebäudesanierung und die noch offenen Punkte. Der Bundesrat hat das zustimmungspflichtige Gesetzespaket am 29. November 2019 in Teilen gestoppt, etwa zur steuerlichen Förderung der Gebäudesanierung. Nun wird erst einmal weiterdiskutiert.
Ausgehend von effizienten Neubau-Standards zeigte Architekt Dr. Burkhardt Schulze Darup, was im Gebäudebestand flächendeckend möglich ist. Von der Klimaschutzpolitik der Bundesregierung bis zu zahlreichen Projektbeispielen und deren Optionen bei der Energieversorgung stellte er die Zukunft des Gebäudesektors in ganzer Breite umfangreich dar.

Foto: kuhnle + knödler fotodesign

Quelle

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