Photovoltaik: Stromernte vom eigenen Dach – ein Praxisbeispiel

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In Nußloch bei Heidelberg beziehen Mieter der Siedlung Neue Heimat seit über einem Jahr günstigen Ökostrom vom eigenen Dach. Das Besondere an diesem Projekt: die Kooperation der Heidelberger Energiegenossenschaft und der Baugenossenschaft Familienheim Heidelberg, die Mitgliedern und Mietern neben stabilen Strompreisen eine direkte Beteiligung an den Solaranlagen ermöglicht.

Genossenschaftliches Solarprojekt Neue Heimat Nußloch

Seit fast 70 Jahren steht für die Baugenossenschaft Familienheim Heidelberg, familiengerechtes Planen und Bauen im Vordergrund. Ihren 1700 Mitgliedern bietet die Genossenschaft über 1000 Mietwohnungen in Heidelberg und Umgebung. Für Eigennutzer oder Kapitalanleger umfasst das Leistungsangebot des Unternehmens die Planung, Finanzierung sowie den Bau und Verkauf von Eigenheimen in der Form von Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäusern.

Die traditionsreiche Baugenossenschaft Familienheim Heidelberg wurde im Jahr 1948 gegründet, damals unter dem Namen Neue Heimat Gemeinnützige Baugenossenschaft für den Stadt- und Landkreis eG von der Siedlergruppe Pfaffengrund. Hauptanliegen des Wohnungsunternehmens war und ist auch heute noch, bezahlbaren, attraktiven und barrierefreien Wohnraum für ihre Mieter zu schaffen. Im Mittelpunkt steht die Förderung und Unterstützung der einzelnen Mitglieder. Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung gehören zu den Grundprinzipien der Baugenossenschaft.

Seit vielen Jahren investiert das Unternehmen immer wieder große Summen in seinen Bestand, damit er die heutigen Anforderungen an zeitgemäßes Wohnen erfüllt. Der Fokus liegt dabei auf der Optimierung der Ausstattung und des energetischen Standards der Gebäude. Zufriedene Mitglieder und eine geringe Mieterfluktuation sind das Ergebnis der nachhaltigen Unternehmensführung.

Richtungsweisende Kooperation

Mit der Erfahrung von über sechs Jahrzehnten gerüstet, ist die Baugenossenschaft Familienheim Heidelberg stets bereit innovative und auch neue Wege zu beschreiten, um ihren Bestand zukunftsfähig zu gestalten. So setzte sie gemeinsam mit der Heidelberger Energiegenossenschaft das Leuchtturm-Solarprojekt Neue Heimat in Nußloch um.

Von der Kooperation der beiden Genossenschaften profitieren in erster Linie die Mitglieder. „Nur mit gemeinsamen Kräften und Aktivitäten können wir unsere Umwelt für die kommenden Generationen bewahren. Seit vielen Jahren tragen wir durch die Sanierung unserer Gebäude bereits zur Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen und der Heizkosten für unsere Mitglieder bei. Durch die Nutzung von Solarenergie auf unseren Gebäuden gehen wir einen weiteren Schritt in eine nachhaltige Zukunft“, so ein Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft Heidelberg.

Auf sieben Dächern der viergeschossigen Mehrfamilienhäuser im Wohngebiet Neue Heimat in Nußloch wurden Solaranlagen zur Stromerzeugung errichtet. Deren Solarmodule, mit einer Fläche von insgesamt über 3000 Quadratmetern, erzielen eine Spitzenleistung von mehr als 400 Kilowattpeak. Die Module wurden in Längsrichtung zum Dach installiert und sind, wie die Dächer auch, nach Osten sowie nach Westen ausgerichtet. Damit können zirka 350.000 Kilowattstunden umweltfreundlicher Ökostrom pro Jahr erzeugt werden, womit der Stromverbrauch von mehr als 100 Vierpersonenhaushalten gedeckt wird.

Doppelter Profit für Mitglieder

Die Mieter der Gebäude der Neuen Heimat in Nußloch können sich doppelt freuen. Nicht nur, dass sie den Strom direkt vom Dach beziehen, sondern auch von der eigenen Solaranlage, und das zu bezahlbaren Preisen. Die Heidelberger Energiegenossenschaft bietet nämlich allen Bewohnern der Neuen Heimat einen günstigen Solarstromtarif an, mit ganz besonderen Konditionen. Sie können in die Anlagen investieren und exklusiv Solarstrom zu einem Preis erhalten, der unter dem des günstigsten Stromanbieters liegt. Dabei wird dieser Solarstrompreis für 20 Jahre vertraglich garantiert. Mit dem innovativen Direktverbrauchskonzept sind die Mieter in punkto Strom für die Zukunft gewappnet und unabhängig von konventionellen Stromanbietern und deren Preispolitik.

Nach dem Genossenschaftsprinzip wird hier besonderer Wert auf moderne Mitgliederpartizipation gelegt, die für eine rege Beteiligung und ökonomisches Wachstum sorgt. Das Konzept beweist, dass Solarstrom mittlerweile günstiger ist als konventioneller Strom aus dem Netz. Hinzu kommt die Gewissheit für die Mieter, durch die Nutzung umweltfreundlicher erneuerbarer Energien aktiv Umweltschutz zu betreiben.

Der Wechsel vom konventionellen Strom zum Solarstrom geht unkompliziert vonstatten. Es muss lediglich ein Formular der Heidelberger Energiegenossenschaft ausgefüllt werden. Alles Weitere erledigt die Genossenschaft.

Finanzierung der Solaranlagen

Rund 525.000 Euro netto beträgt die Gesamtinvestition in die Solaranlagen der Neuen Heimat in Nußloch. Die Anlagen werden zu 100 Prozent über die Bürgerbeteiligungen finanziert, die aus Genossenschaftsanteilen und nachrangigen Darlehen bestehen. Für die Bürger entsteht keinerlei Aufwand, da die komplette Abwicklung von der Planung über den Bau bis hin zur Betreuung der laufenden Anlagen durch die Heidelberger Energiegenossenschaft erfolgt. Eine Refinanzierung der Investitionskosten wird mit dem Umsatz des Solarstromverkaufs ermöglicht.

Die Heidelberger Energiegenossenschaft bietet mehrere Möglichkeiten zur Beteiligung an den Solaranlagen. Es stehen Solarpakete zu jeweils 1000 Euro zur Verfügung. Jedes Paket besteht aus zwei Geschäftsanteilen zu je 100 Euro und einem Privatdarlehen von 800 Euro. Mit einem einzigen Solarpaket wird ein Teil der Anlage finanziert, der den jährlichen Stromverbrauch für eine Person abdeckt. Das Darlehen ist über 20 Jahre fest verzinst und bereits ab dem dritten Jahr erfolgt die Rückzahlung. Wer ein solches Solarpaket oder auch mehrere erwirbt, wird automatisch Mitglied bei der Heidelberger Energiegenossenschaft und damit Anteilseigner des Unternehmens.

Moderne Unternehmensform

Die Gründung der Heidelberger Energiegenossenschaft im Jahr 2010 entsprang der studentischen Initiative Uni-Solar Heidelberg, die mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach der Neuen Pädagogischen Hochschule in Heidelberg begann. Damit war der Grundstein gelegt für weitere innovative Solarprojekte, die seitdem entwickelt und umgesetzt wurden.

Der Leitgedanke der Energiegenossenschaft ist, erneuerbare Energien unter Bewohnerpartizipation und mit dezentraler Erzeugung zur Verfügung zu stellen und damit die Voraussetzungen einer regionalen und bürgernahen Energiewende zu schaffen.

Als moderne Unternehmensform verfügt die Genossenschaft über zahlreiche Vorteile. So bietet sie mit der Möglichkeit der direkten Beteiligung an einem Unternehmen einen Anreiz für viele Bürger miteinzusteigen, um an der Umsetzung neuer Konzepte in Sachen erneuerbare Energien teilhaben zu können. Sie bündelt umweltpolitische, ökonomische, soziale sowie kommunale Interessen in ihren regionalen Projekten und ist auf die optimale Förderung ihrer Mitglieder ausgerichtet. Mit einer Insolvenzquote von 0,1 Prozent gilt die Genossenschaft im Übrigen als insolvenzsicherste und beständigste Unternehmensform in Deutschland.

Wie stark ein genossenschaftliches Gemeinschaft sein kann, zeigt das Heidelberger Solarprojekt. Hier setzen sich eine Bau- und eine Energiegenossenschaft gemeinsam aktiv für eine unabhängige, nachhaltige Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien ein und ernten bereits nach kurzer Zeit messbare Erfolge.

Claudia Närdemann

Quelle

Modernisierungs-Magazin

Das Modernisierungs-Magazin ist eine der führenden Fachpublikationen für Entscheider in der Wohnungswirtschaft. Es berichtet in den kaufmännisch/technischen Fachgebieten: Modernisierung, Neubau, Bausanierung, Haustechnik, Bauwirtschaft, Wohnungswirtschaft (Verwaltung), EDV, Finanzierung sowie Sonderteil Objektpflege.

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