Spezielle Anforderungen an die Baulogistik (Serie – Teil 3)

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„Seit drei Wochen brauche ich 90 Minuten ins Büro, obwohl es im Normalfall nur 20 Minuten von Tür zu Tür dauert. Während ich vor drei Wochen noch bequem mit dem Auto bis direkt ins Stadtzentrum unterwegs war, nutze ich nun Auto, S-Bahn und Bus, um dasselbe Ziel zu erreichen. Die unzähligen Meter, die ich zu Fuß zurücklege, möchte ich gar nicht erst nennen. Der Grund dafür ist das alte Bankenhochaus, das eine neue Fassade bekommt und baulich revitalisiert wird. Zudem erfolgt die Erneuerung der Autobahnabfahrt in die Stadt. Und weil man gerade dabei ist, wird die zentrale Hauptstraße ins Stadtzentrum auch gleich verbreitert, bekommt elegante Parkbuchten am Rand, die von einem Grüngürtel umgeben sind. Für alle diejenigen, die bisher jeden Morgen diesen Weg in die Stadt nahmen, bedeutet es, auf andere Verkehrsträger umzusteigen.“

Anforderung an die Baulogistik

So oder ähnlich finden sich die Autofahrer allmorgendlich in den S-Bahnen wieder, diskutieren und tauschen ihren Unmut darüber aus, warum gerade jetzt und überall gleichzeitig gebaut werden muss. Warum stehen aber Verkehr und Emotionen Kopf, wenn eine U-Bahn-Station modernisiert, ein Einkaufszentrum in Innenstadtlage gebaut oder ein Hochhaus saniert werden? Wie kann die zusätzliche Flut an Bau- und Handwerkerfahrzeugen in den täglichen Verkehrsfluss integriert werden? Was ist in Zukunft in Innenstädten zu erwarten, wenn der Verkehr noch zunimmt und die Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten der 60- und 70er-Jahre-Bauten großflächig beginnen?

Baustellen sind heute als Knotenpunkte verschiedener Unternehmen, Gewerke und Disziplinen charakterisiert. Während Prozesse in der Intralogistik klar definiert, kontinuierlich und wiederkehrend ablaufen, sind die Abläufe auf einer Baustelle ereignisorientiert und -ereignisgesteuert wie beispielweise an einem Flughafen. Speziell innerstädtische Bauvorhaben sind keine logistisch autarken Projekte, sondern Teil verschiedener Baumaßnahmen sowie weiterer Personentransport- und Güterversorgungsprozesse innerhalb einer Stadt oder Kommune. Derartige Bauprojekte müssen unter den Bedingungen und im Betrieb des Stadtlebens realisiert werden.

Parallel laufende Prozesse und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bauvorhaben sowie auch andere städtische Interessen (Lärmschutz, Großveranstaltungen) bilden eine Besonderheit und die speziellen Anforderung an die Baulogistik. So muss sie hierbei höchst flexibel auf zeitlich unterschiedliche, städtische Rahmenbedingungen sowie bauprozesstypische Veränderungen reagieren können.

Kosten- und Zeitdruck

Taucht man in den Alltag kleiner und großer Bauvorhaben in Innenstädten ein, so spiegeln hoher Zeitdruck, kaum vorhandene Baustelleneinrichtungs-Flächen, knappe Zeitfenster für Anlieferverkehre und Speditionen, fast unendliche Schnittstellen zwischen den Gewerken die Realität auf den Baustellen der Republik wider. Ebenso ist oft zu erleben, dass die Baubeteiligten mit dieser Realität kämpfen, weil die Bauvorhaben von heute ein Höchstmaß an Prozess- und Logistikverständnis sowie logistisches Know-how erfordern. Zusätzlich lasten enormer Kosten- und Zeitdruck auf den Schultern der Bauunternehmen, die einen Spagat zwischen höchster Qualität zu minimalen Kosten meistern müssen.

Obwohl die innerstädtischen Rahmenbedingungen auf den ersten Blick keinen direkten und zwingenden Einfluss auf die Baumaßnahme selbst haben, dringen diese dennoch bis in die Prozesse des Baus ein und beeinflussen sie. Das wird zum Beispiel dann deutlich, wenn sehr knappe Platzverhältnisse für das Baufeld die Bauverantwortlichen zwingen, eine effiziente Baustelleneinrichtung zu schaffen, geeignete Ver- und Entsorgungskonzepte für Materialien zu erarbeiten, Baucontainer und Bauzaun in minimal erforderlichem Maße zu installieren oder gar eine Taktung von Anliefer- und Transportverkehren aufzubauen. Auch führen Bauprojekte in direktem Umfeld von Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten, Wohngebieten oder Einkaufszonen dazu, Sperrzeiten für die Bauaktivitäten einzuplanen und besondere Lärm- und Staubvorgaben einzuhalten. Gesonderte und für den Bauprozess unabhängige Schutz- und Sicherungsmaßnahmen müssen errichtet werden, wenn Bauvorhaben an stark frequentierten Straßen mit hohem Fahrzeug- und Publikumsverkehr angrenzen.

Parken wird zum Problem

Die Realität und der Baualltag sind jedoch durch unstetige und teils ungeplante Bauprozesse auf dem Projektgelände charakterisiert, sodass die Baumaterialien mehrfach sehr kurzfristig und sehr sprunghaft beim Baustoffhändler abgefragt werden müssen. Die damit verbundenen Baustellentransporte können nur sporadisch geplant und optimiert werden. Dies spiegelt sich bei der Baustellenver- wie auch bei der Baustellenentsorgung wider. Die Anzahl der Baustellentransporte ist somit erheblich höher, als sie sein müsste, was sich vielfach durch Verkehrsstaus mit den damit verbundenen Auswirkungen darstellt. Auch die gedankliche Trennung von Transportvorgängen für die Baustellenversorgung und für die Baustellenentsorgung impliziert, dass regelmäßig bei einer Transportstrecke (Hinfahrt oder Rückfahrt) die Lkw unbeladen sind. Hinzu kommen Handwerkerfahrzeuge, die vor allem Personen, Baumaterialien (in der Regel geringes Volumen und/oder Gewicht) und Werkzeuge transportieren.

Speziell bei kleineren innerstädtischen Bauvorhaben, die keine expliziten Parkmöglichkeiten auf dem Baugelände für die Bauarbeiter aufweisen, nutzen die Handwerker vorzugsweise die öffentliche Straße (oft auch in der zweiten Reihe) oder den Fußgängerweg direkt vor der Baustelle, um ihre Materialien und Werkzeuge auszuladen sowie das Fahrzeug während der Arbeitszeit zu parken. Ein solcher Umstand schränkt den Verkehrsfluss wie auch die Verkehrssicherheit für alle Beteiligte (Handwerker, Fußgänger oder auch Autofahrer) massiv ein. Staus und Verkehrsunfälle resultieren oftmals daraus. Aber selbst das Parken auf ausgewiesenen Pkw-Parkflächen stellt sich für die in Relation größeren Baustellentransporter problematisch dar. Die Parkfläche reicht oftmals flächenmäßig nicht aus, sodass auch hier der Verkehrsfluss auf der anliegenden Straße gestört wird.

In diesem Jahr belegen diese Beobachtungen nicht nur den Wandel der Baubranche für das Bauen im Bestand und Innenstädten. Sie machen einmal mehr deutlich, dass die sich veränderten Voraussetzungen und Umfeldbedingungen Logistikwissen erfordert, das weit über die Kenntnisse und langjährigen Erfahrungen gewöhnlicher Planer und Bauunternehmen hinausgehen. Diese Entwicklung wird auch in den kommenden Jahren das Bild der Städte und Kommunen prägen. Die Terminschienen für Bauvorhaben werden ebenso weiter schmelzen, wie der zur Verfügung stehende Platz für Neubauten im städtischen Bereich. Aber auch Baumaßnahmen im Bestand oder unter Teillast und Teilnutzung während der Bauphasen werden das Bild prägen. Hochbaukräne werden zwischen den Häuserzeilen ebenso einen geeigneten Standplatz suchen, wie sich Lkw, Transporter und Lieferfahrzeuge ihren Weg durch den täglichen Verkehrsstrom bahnen müssen.

Eigene Spezialisten oder externe Hilfe

Große Bauunternehmen haben auf diese Entwicklung bereits reagiert und bedienen sich der planerischen und beratenden Unterstützung eigener Spezialisten oder externer Hilfe. So sind es nicht immer nur Großprojekte oder millionenschwere Bauvorhaben, die ein Baulogistikkonzept erforderlich machen. Auch für kleinere Projekte ist es sinnvoll bis erforderlich, sich eines spezifisch erstellten Logistikkonzepts zu bedienen.

Anwohnerbedenken in Wohngebieten, Anliefer- und Handwerkerverkehre zur Baustelle, Schwertransporte, Sicherungs- und Schutzmaßnahmen gegen Vandalismus auf der Baustelle, Verkehrsbeeinträchtigung durch Baumaßnahmen oder Anmelde- und Abrufverfahren für Lieferanten zur Baustelle sind nur wenige Stichwörter, die Inhalte eines Logistikkonzepts sind. Bauunternehmen, die nicht regelmäßig auf die beschriebenen Anforderungen reagieren und agieren müssen, haben die Möglichkeit, auf externe Spezialisten zuzugreifen. Noch ist der Markt an Baulogistikern, die unabhängig von einem Bauunternehmen planen und beraten, in Deutschland sehr übersichtlich. Hierbei sind es Expertenteams, die sich aus Baufachleuten und Logistikern zusammensetzen. Das Wissen um die Bauprozesse wird mit dem Spezialwissen aus Verkehrs- und Intralogistik kombiniert. Hierbei ist es sinnvoll, einen Baulogistiker so früh wie möglich in das Bauprojekt einzubeziehen. Seine Aufgabe ist es, alle logistischen Wechselwirkungen zu erfassen und daraus ein geeignetes Konzept zu entwickeln, das – für jede Bauphase – passende Verfahren zur für Material- und Personen­ströme vorsieht. Auch hilft der Baulogis­tiker, die Abstimmung mit Ämtern zu vereinfachen.

Grundlage gegen Schwarzarbeit

Wird dieses Konzept nicht nur für den Bauherren oder das Bauunternehmen erstellt, sondern in ein dynamisches Logistikhandbuch überführt, kann es eine unmissverständliche Grundlage für die logistischen Spielregeln aller Baubeteiligter sein, an denen sich auch die Qualität der Prozesse und Projektpartner messen lässt. Nicht zuletzt kann ein Logistikkonzept helfen, eine verständliche und transparente Grundlage gegen Schwarzarbeit zu bilden.

Nicht immer entspricht ein Logistikhandbuch der Charakterisierung eines Buchs. In zahlreichen Projekten sind die Inhalte auf fünf bis zehn Seiten niedergeschrieben und übersichtlich dargestellt. Entscheidend für die Qualität und Handhabbarkeit sind der Aufbau und die Struktur des Logistikhandbuchs, das angepasst und fortgeschrieben werden kann, wenn dies erforderlich ist.

Auch ein Logistikkonzept ist keine Enzyklopädie theoretischer, allumfassender Gedankenansätze und Ideen. Viele dieser Konzepte passen auf ein bis zwei DIN-A4-Seiten und beinhalten oft nur ein spezielles Thema oder Problem, bei dem der Bauunternehmer logistische Beratung benötigt. Das können Lösungen bei langen Sperrzeiten sein, bei beengter Platzsituation, stark frequentierten Straßen, sensiblen Baugebieten oder Schnittstellen zu Leitungsträgern oder dem öffentlichen Raum.

Kein gigantisches Budget

Um ein Bauprojekt am Know-how und den Erfahrungen für logistisch anspruchsvolle und komplexe Aufgabenstellungen partizipieren zu lassen, bedarf es weder eines großen Planungs- oder Experten-Teams noch eines gigantischen Budgets. Vor allem bedarf es bei Bauherren und Bauunternehmen sich rechtzeitig bei der Planung und Umsetzung von Fachleuten beraten zu lassen. So können sie zukünftige logistische Herausforderungen am Bau meistern.

 

Die Serie im Überblick

Teil 1: Baulogistik on demand – was vermag Baustellenlogistik zu leisten?
Teil 2: Haben uns eben geirrt – Denkfehler bei logistischen Planungsabläufen
Teil 3: Bauvorhaben – innerstädtische, hochkomplexe Aufgabenstellungen
Teil 4: Spannungsfeld Bauunternehmen gegen Behörden

 

Der Autor: Dr.-Ing. André Richter

Dr.-Ing. André RichterSeit mehr als zehn Jahren ist der gebürtige Dessauer branchenübergreifend als Berater, Planer und Umsetzer für logistische Aufgabenstellungen tätig. Im Bereich der Baulogistik arbeitet der 42-Jährige für Kommunen und private Bauherren. Richter entwickelt Konzepte für Verkehrswege, Ver- und Entsorgung oder für Etagen- und Aufzuglogistik für innerstädtische und hochkomplexe Bauvorhaben und setzt diese auch aktiv mit um. Die Baulogistik für das Bettenhochhaus der Charité in Berlin, das Hypohochhaus in München oder den Industriecampus der Novartis in Basel sind Projekte, die Dr. André Richter, Vorstand der Frankfurt Economics Enterprises AG, geplant hatte.

www.frankfurt-economics.com
andre.richter(at)frankfurt-economics.com

Quelle

Modernisierungs-Magazin

Das Modernisierungs-Magazin ist eine der führenden Fachpublikationen für Entscheider in der Wohnungswirtschaft. Es berichtet in den kaufmännisch/technischen Fachgebieten: Modernisierung, Neubau, Bausanierung, Haustechnik, Bauwirtschaft, Wohnungswirtschaft (Verwaltung), EDV, Finanzierung sowie Sonderteil Objektpflege.

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