Haben uns eben geirrt – Denkfehler bei logistischen Planungsabläufen (Serie – Teil 2)

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„Im Prinzip sollte alles reibungsfrei laufen.“ „Grundsätzlich wurde an alles gedacht.“ „In der Ausschreibung müsste alles enthalten und gefordert gewesen sein.“ „Ein Budget wurde eindeutig festgelegt.“

Diesen freien, aber realistischen Aussagen begegnet man im Verlaufe einer innerstädtischen und komplexen Baumaßnahme immer wieder. Meist dabei um Erklärungen bemüht, warum vor allem die Logistikprozesse auf der Baustelle nicht optimal laufen und unvorhersehbare Kosten in nicht kalkulierter Höhe entstanden sind.
Liest man in Projektunterlagen und Kostenaufstellungen diverser Bauvorhaben, so fällt auf, dass diese Erkenntnis meist zu spät kommt und kein Einzelfall ist. Eigene stichprobenartige Untersuchungen lassen vermuten, dass bis zu 70 Prozent der Bauvorhaben mit diesem Phänomen bereits Bekanntschaft gemacht haben. Doch handelt es sich hierbei um ein unerklärbares Phänomen, oder ist es womöglich das Ende einer folgenschweren Kettenreaktion? Warum ist es überhaupt so schwierig, die Logistikprozesse auf Baustellen bedarfsgerecht und effizient zu realisieren? Hier wird der Versuch unternommen, auf diese und andere logistische Fragen eine Antwort zu finden.

Unvorhersehbare Kosten in nicht kalkulierter Höhe

Die richtige Ware zur richtigen Zeit in der richtigen Menge an den richtigen Ort in der richtigen Qualität mit den richtigen Informationen zum richtigen Preis zu bringen ist vielleicht die einfachste Beschreibung des Begriffs Logistik. Sie zeigt auch, dass logistische Aspekte und Prozesse wesentlicher Bestandteil der Kernprozesse eines Projekts sind und somit auch eines Bauvorhabens. Eine wachsende Zahl an Bauherren, Projektentwicklern und -steuerern haben das bereits für sich und ihre Projekte erkannt und das Thema Baulogistik aufgenommen. Ein Ergebnis daraus sind eigene Baulogistikausschreibungen und Leistungsverzeichnisse, die vom Bauzaun bis zur Entsorgung reichen. Dennoch fehlen ein ausreichendes Verständnis für eine klare Trennung von Baulogistikplanung und -ausführung wie auch die Erkenntnis, dass Logistikkonzepte von Experten zu erstellen sind.

Ein zentraler Denkfehler beim Thema Baulogistik sind zunächst die Ausschreibungen selbst. Hier reicht die Bandbreite von reinen Ausschreibungen für die Baulogistikausführung (ohne Planung) über eine Kombination aus Baulogistikplanung und -ausführung bis hin zu Beispielen für eine separate Baulogistikplanung.

Man stelle sich diese Möglichkeiten einmal für den eigentlichen Bau vor, bei dem ein Architekt oder Planer später auch selbst baut oder ein Bauunternehmen aufgrund seiner Erfahrungen, nicht aufgrund von Planungen, tätig wird. Auch ist verstärkt zu beobachten, dass funktionale Baulogistikausschreibungen Gefallen finden. Formulierungen wie „in geeignetem Maße, in ausreichender Menge oder unter Berücksichtigung aller …“ wechseln munter einander ab und suggerieren ein All-inclusive-Paket – ein Irrtum!

Tabelle 1 – Wesentliche Parameter zur Entwicklung eines Baulogistikkonzepts für komplexe Bauvorhaben Tabelle 2 – Aufgaben in der Baulogistikplanung

Tabelle 1 – Wesentliche Parameter zur Entwicklung eines Baulogistikkonzepts für komplexe Bauvorhaben
Tabelle 2 – Aufgaben in der Baulogistikplanung

Ohne das Wissen über logistische Rahmenbedingungen, wichtige Parameter oder eventuelle Restriktionen für die Logistikprozesse können selbst die besten und erfahrenen Logistiker kein bedarfsgerechtes und schlüssiges Logistikkonzept entwickeln. Mit einem Ansatz, jedes Bauwerk als individuell und wenig vergleichbar zu charakterisieren, die elementaren und stark verknüpften sowie integrierten Logistikprozesse jedoch als Standardkomponente zu betrachten, führt zwangsläufig in einen weiteren Denkfehler. Eine Übersicht über wesentliche Parameter zur Planung eines Baulogistikkonzepts soll helfen, das Verständnis und die Notwendigkeit für eine ebenso projektbezogene und individuelle Planung zu stärken.

Anforderungen aus den funktionalen Ausschreibungen

Kleine Unterschiede in den Ergebnissen dieser Parameter können großen Einfluss auf die Gestalt des Logistikkonzepts haben. Somit ist es zwingend erforderlich, diese Einflüsse genau zu kennen, um den Anforderungen aus den funktionalen Ausschreibungen „in geeignetem Maße, in ausreichender Menge“ belastbar gerecht werden zu können. Diese Konzepte bilden die Basis der späteren Baulogistikausführung, die in der operativen Bauphase für die Materialversorgung, die Entsorgung, für das Flächenmanagement auf dem Baufeld oder auch für die Zugangskontrollen und Transportsteuerung verantwortlich ist. Wenn ein Planer die Möglichkeit hat, die Baulogistik detailliert und umfangreich parallel zur eigentlichen Bauplanung zu erarbeiten, ist gewährleistet, dass die spätere Bauausführung unter logistischen Aspekten reibungslos und effizient vollzogen werden kann.

Auch die Bauunternehmen, Architekten und Generalplaner haben Interesse daran, die Logistikprozesse reibungsfrei und effizient zu gestalten, betreten auch immer mehr den Planungsbereich und bieten das Baulogistikthema selbst an. Für Bauherren ist dieser Ansatz oft interessant, weil Know-how aus einer Hand auf Synergien und Kosteneinsparungen hoffen lässt. Der Kostenaspekt wird meist schon im Komplettangebot bestätigt. Da werden Baulogistikplanungsleistungen gar nicht explizit aufgeführt oder ausgepreist. Andernfalls sind die aufgeführten Baulogistikplanungskosten so gering, dass ein Bauherr dem nicht widerstehen kann.
Dass sich dieser Ansatz als ein weiterer Denkfehler entpuppen kann, soll die Aufstellung (siehe Tabelle 2) veranschaulichen.

Änderung von Rahmenbedingungen

Sind wirklich alle erforderlichen Leistungen und Planungen erbracht, um ein schlüssiges Logistikgesamtkonzept vorliegen zu haben, das für die Bauausführung geeignet ist? Liegen alternative Logistikansätze vor, um schnell auf eine Änderung von Rahmenbedingungen reagieren und die geforderte Qualität halten zu können?
Die Aufgaben innerhalb der Handlungsfelder bei der Baulogistikplanung verdeutlichen, dass die Planung der Logistikprozesse weit mehr ist, als zu überlegen, wo ein Bauzaun stehen könnte, wo sich eine Baustellenzufahrt befindet oder ein Kran oder Bauaufzug installiert werden muss. Innerstädtische und hochkomplexe Bauvorhaben zeigen immer wieder, dass diesen Herausforderungen, allein mit gesundem Menschenverstand, nicht ausreichend begegnet werden kann. Nicht ohne Grund ist das Fachgebiet der Logistik eine eigene Disziplin aus Betriebswirtschaft und Ingenieurwissenschaft.

Die Tabelle 3 stellt beispielhaft einen Fall ohne Baulogistikplanung zum Ausschreibungszeitpunkt vor. Obwohl Anbieter A niedrigere Einheitspreise für fiktive Baulogistikausführungsleistungen als Anbieter B anbietet, ist dieser in Summe teurer, da er in seinem individuell und mit unzureichenden Informationen erstellten Baulogistikkonzept zu Beginn der Bauausführung einen größeren Mengenverbrauch als Anbieter B kalkuliert hat. Von einer Beauftragung der Leistung auf Basis von Einheitspreisen ohne einheitliches Baulogistikkonzept ist daher dringend abzuraten. Die Baulogistikplanung ist somit die Grundlage für eine vergleichbare und transparente Kostenermittlung der Anbieter.

Weiterhin werden in der Baulogistikplanungsphase alle Logistikkosten – inklusive der Sonderlogistikkosten, die erst durch die Logistikplanung benannt werden können – transparent aufgezeigt. Diese können dann in der Ausschreibung berücksichtigt und als Marktpreise und nicht als spätere Nachtragspreise angeboten werden. Durch das detaillierte Logistikkonzept wird eine einheitliche Basis für die Ausschreibung und Vergabe der Logistikausführungsleistung geschaffen, sodass vergleichbare Angebote eingeholt werden können. Hierdurch können entscheidende Denkfehler reduziert und somit die Qualität des Bauverlaufs maßgeblich gesteigert werden.

 

Die Serie im Überblick

Teil 1: Baulogistik on demand – was vermag Baustellenlogistik zu leisten?
Teil 2: Haben uns eben geirrt – Denkfehler bei logistischen Planungsabläufen
Teil 3: Bauvorhaben – innerstädtische, hochkomplexe Aufgabenstellungen
Teil 4: Spannungsfeld Bauunternehmen gegen Behörden

 

Der Autor: Dr.-Ing. André Richter

Dr.-Ing. André RichterSeit mehr als zehn Jahren ist der gebürtige Dessauer branchenübergreifend als Berater, Planer und Umsetzer für logistische Aufgabenstellungen tätig. Im Bereich der Baulogistik arbeitet der 42-Jährige für Kommunen und private Bauherren. Richter entwickelt Konzepte für Verkehrswege, Ver- und Entsorgung oder für Etagen- und Aufzuglogistik für innerstädtische und hochkomplexe Bauvorhaben und setzt diese auch aktiv mit um. Die Baulogistik für das Bettenhochhaus der Charité in Berlin, das Hypohochhaus in München oder den Industriecampus der Novartis in Basel sind Projekte, die Dr. André Richter, Vorstand der Frankfurt Economics Enterprises AG, geplant hatte.

www.frankfurt-economics.com
andre.richter(at)frankfurt-economics.com

Quelle

Modernisierungs-Magazin

Das Modernisierungs-Magazin ist eine der führenden Fachpublikationen für Entscheider in der Wohnungswirtschaft. Es berichtet in den kaufmännisch/technischen Fachgebieten: Modernisierung, Neubau, Bausanierung, Haustechnik, Bauwirtschaft, Wohnungswirtschaft (Verwaltung), EDV, Finanzierung sowie Sonderteil Objektpflege.

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