Ausgleichflächen, Biotope und Biotopvernetzung

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Naturschutzrelevante Aspekte

Dachbegrünungen vereinen eine Vielzahl an positiven Wirkungen. Das vielleicht wichtigste und verständlichste Argument „pro Gründach“ ist dessen Funktion als ökologischer Ausgleich. Dabei geht es um Ersatzlebensraum, Trittsteinbiotop, Biotopvernetzung, Artenvielfalt und vieles mehr. In diesem Beitrag sollen verschiedene Aspekte aufgrund des umfassenden Themenkomplexes nur kurz angesprochen werden, um eine Übersicht der Leistungsfähigkeit begrünter Dächer und erste Handlungshinweise zu geben.

1. Leistungsfähigkeit begrünter Dächer

Gründach ist nicht gleich Gründach, je nach Aufbauhöhe und Vegetation unterscheidet man zwischen Extensiv- und Intensivbegrünung. In Abhängigkeit der Höhe des Schichtaufbaus (Dränage und Substrat) und der damit verbundenen Wasserspeicherfähigkeit steigen nicht nur die Artenvielfalt und Auswahlmöglichkeiten der Vegetation, sondern erhöht sich auch die Lebensraumqualität für Tiere. Der anthropogene Standort Dach wird durch die unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst, die bei ungestörten und unbebauten Biotopen in der freien Natur in dieser Form nicht auftreten; unter anderem sind dies Stadtklima, exponierte Lage mit fehlendem Bodenanschluss, Alter, Flächengröße und Inselcharakter. Neben der im Vergleich zum Umland erhöhten Temperatur und niedrigeren Luftfeuchtigkeit sind auf Dachbegrünungen Extremtemperaturen im Sommer beziehungsweise Winter und gestörte Wasser- und Nährstoffkreisläufe festzustellen.

2. Begrünte Dächer. Ausgleichflächen, Trittsteinbiotope, Biotopvernetzung

2.1 Ergebnisse faunistischer Untersuchungen

In Abhängigkeit der Begrünungsart sind charakteristischen Verteilungen der erfassten Fauna zu beobachten:

Bodentiere. Unterschiede Extensiv- und Intensivbegrünungen. Der Zusammenhang Vegetationsformen und Vorkommen von Bodentieren zeigte sich sehr deutlich bei den durchgeführten Untersuchungen: Von der Moos-Sedum-Begrünung bis zur Hohe-Stauden-und-Sträucher-Begrünung ist ein kontinuierlicher Anstieg der Bodentierarten zu verzeichnen. Bei den extensiven Begrünungen fanden sich im Durchschnitt etwa eine Art, bei den Intensivbegrünungen waren es immerhin etwa sieben Arten. Waren bei den Extensivbegrünungen nur sporadisch Bodentiere zu finden, so wurden bei den Intensivbegrünungen deutlich mehr Individuen erfasst. Aus diesen Erkenntnissen lässt sich ableiten, dass das Extrembiotop Extensivdach hauptsächlich von sehr mobilen Tierarten meist nur temporär besiedelt wird und einer hohen Besiedlungsdynamik sowie je nach Jahreszeit und Witterung Zu- und Abwanderungsprozessen unterliegt. Die meisten Tierpopulationen sterben aufgrund des winterlichen Durchfrierens des Substrats aus und müssen im Folgejahr das Dach neu besiedeln. Da somit auch die größeren bodenbildenden Tiergruppen wie Regenwürmer, Tausendfüßer, Schnecken und Asseln ausfallen, übernehmen Springschwänze, Milben und Fliegenlarven diese Funktionen. Dagegen finden alle Tiere, also auch die wichtigen angesprochenen großen Bodentiere, auf Intensivbegrünungen ideale Lebensbedingungen hinsichtlich Nahrung und Habitaten. Temperatur- und Feuchteverhältnisse sind relativ ausgeglichen, und durch die hohen Substratschichten sind auch im Winter frostfreie Rückzugsmöglichkeiten in die Tiefe gegeben. Daraus lässt sich ableiten, dass sich dauerhafte Bodentierpopulationen etablieren können und dass natürliche Abbauprozesse des Bestandsabfalls möglich sind.

Intensivbegrünungen mit hoher Artenvielfalt und Biodiversität. Interessant ist auch die Feststellung, dass intensive Dachbegrünungen mit einer Wildstauden-Gehölze-Vegetation aufgrund ihrer hohen Struktur- und Habitatvielfalt die höchste Zahl an Tierarten (Bodenfauna, Laufkäfern, Wildbienen) aufweisen. Dabei treten sehr häufig Arten mit unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen auf. Ganz entscheidenden Einfluss auf das Vorkommen und Überleben von Tieren auf Dächern hat die dort anzutreffende Lebensraumqualität.

Lebensraumqualität. Es kann festgehalten werden, dass kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Vegetationsaufbringung, Flächengröße, Alter und der Besiedlung durch Bodentiere besteht, sondern die Habitatqualität (Pflanzen- und Strukturvielfalt) als wichtigster Faktor gilt. Wie wichtig Rückzugsbereiche für frost- und trockenheitsempfindliche Bodentiere sind, zeigen die Untersuchungsresultate der mit Anhügelungen ergänzten extensiven Dachbegrünungen: Der Anteil der „positiven“ Dächer, das heißt Gründächer mit Bodentieren und höherer Biodiversität, stieg im Vergleich zu den davor eingeordneten dünnschichtigen Extensivbegrünungen deutlich an. Mit höher werdendem Substrataufbau und der damit verbundenen steigenden Vegetationsausprägung und Pflanzenhöhe steigt auch die Wahrscheinlichkeit, Individuen aus einer Bodentiergruppe zu finden. Analog mit der Wahrscheinlichkeit, in Abhängigkeit der Vegetationsform überhaupt Bodentiergruppen zu finden, steigt auch die Anzahl der gefundenen Arten. Durch das Vorkommen größerer Bodentierpopulationen ist nicht nur der Abbau des Bestandsabfalls in ähnlicher Weise wie auf Bodenstandorten möglich, auch das Ressourcenspektrum einer Dachbegrünung erhöht sich um mögliche Beutetiere für zoophage Käfer und Wirbeltiere (insbesondere Vögel).

2.2 „Ökologischer Wert“ von Dachbegrünungen

Aufgrund der immer noch relativ wenigen Erfahrungswerte ist es schwierig, den ökologischen Wert von begrünten Dächern unter der Berücksichtigung der Fauna einzuschätzen. Zudem ist unklar, welche Bezugsbiotope zum Vergleich herangezogen werden sollen. Die Artenzahlen der verschiedenen (Boden-) Tiergruppen sind bei bestimmten Dachbegrünungen durchaus mit anderen Stadtbiotopen vergleichbar.

Rote Liste. Man könnte das Vorkommen von Arten der Roten Liste als Hauptkriterium heranziehen, was jedoch gerade im Siedlungsbereich und bezogen auf das Extrembiotop Dach nicht unbedingt treffend wäre, auch wenn begrünte Dächer eine Vielzahl an Rote-Liste-Arten beherbergen können. Doch nicht alle Gründächer, die von Rote-Liste-Arten als Nahrungsquelle genutzt werden, sind ökologisch hochwertig, weil zum Beispiel andere Tiergruppen fehlen.

Ausgleichsfläche. Zur Sicherung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts nimmt die bestandsabbauende Makrofauna, wie Regenwürmer, Asseln, Schnecken etc., eine Schlüsselstellung ein, die nicht durch andere Tiergruppen ersetzt werden kann. Ein neu entstandener Lebensraum kann prinzipiell nur dann als annähernd vollständiger Ersatz angesehen werden, wenn das Nahrungsnetz möglichst komplex ist. Das Vorkommen von Bodentieren als potenzielle Beutetiere ist die Nahrungsgrundlage für stadtbewohnende Wirbeltiere. Vor allem verschiedene Vogelarten konnten bei der Nahrungssuche beobachtet und mit Nestfunden belegt werden.

Trittsteinbiotop. Begrünte Dächer können die im Naturschutz wichtige Rolle als sogenannte Trittsteinbiotope (Verbindung zwischen einem Reservoir und einem leeren Zielhabitat) und Refugien (Ersatzbiotop für längerfristiges Überleben) übernehmen. Dafür müssen allerdings höhere Substratstärken und anspruchsvollere Vegetationsformen vorhanden sein, damit ein dauerhafter Lebensraum zur Verfügung steht. Nicht alle begrünte Dächer können den gleichen Anspruch auf hohe ökologische Wertigkeit und den Status eines Ersatzbiotops haben.

Biotopverbund und -vernetzung. „Der Biotopverbund oder die Biotopvernetzung ist die Schaffung eines Netzes von (Einzel-)Biotopen, welches das Überleben bestimmter Arten sichert. Der Biotopverbund ist dann gegeben, wenn ein funktionaler Kontakt zwischen Biotopen (Lebensräumen) besteht, der eine Vernetzung zwischen Populationen von Organismen in Form von Beziehungssystemen ermöglicht. Er funktioniert dann, wenn die zwischen gleichartigen Lebensräumen liegende Fläche für Organismen überwindbar ist, sodass ein beidseitiger Individuenaustausch möglich ist. In Deutschland sind Biotopverbund und Biotopvernetzung unter anderem durch das Bundesnaturschutzgesetz (Paragraf 21) angestrebtes Ziel“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Biotopverbund). Dachbegrünungen können aufgrund ihrer vielen Möglichkeiten (von Leichtdachbis zu Tiefgaragenbegrünung) grundsätzlich überall eingesetzt werden. Sie verbinden Dach- als auch bodenständige Stadtbiotope. Wichtig ist die flächendeckende Begrünung möglichst vieler Dächer, die auch Tiefgaragen mit einschließen.

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Quelle

Gebäude Grün

GebäudeGrün, (GG) 1992 als Dach + Grün gegründet, wird inzwischen von drei europäischen Dachbegrünungsverbänden – Deutschland (FBB), Schweiz (SfG) und Österreich (VfB) als Verbandszeitschrift genutzt.

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