Mieterstrom als Säule künftigen Wohnens

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Die Mieterstromversorgung ist ein zentraler Pfeiler zukunftsweisender Wohnkonzepte. Sie unterstützt eine energieeffiziente Gebäudearchitektur, senkt die Wohnnebenkosten und bietet verschiedene Ansätze für Serviceleistungen rund um das energiesparende Wohnen und Leben.

Die Energieversorgung von Mietern mit Strom vom eigenen Dach oder aus dem Keller wird immer attraktiver. Die Kombination aus wirtschaftlichen und ökologischen Vorteilen lockt Immobilienbesitzer und Mieter gleichermaßen. Das Potenzial ist groß: Über 50 Prozent der Deutschen wohnen laut Statistischem Bundesamt in Mehrparteienhäusern. Nach einem Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums sind bis zu 3,8 Millionen Wohnungen für Mieterstrom geeignet. Schließlich ist Mieterstrom in fast allen Mehrparteiengebäuden möglich, im Neubau, im Gebäudebestand, in Wohnhäusern und in Büro- und Geschäftskomplexen sowie in ganzen Quartieren, und das alles in Kombination mit zukunftsweisenden Wärmetechniken und Mobilitätskonzepten.

Leuchtturmprojekt in Esslingen

Auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs in Esslingen entsteht bis 2022 ein neues Wohn- und Geschäftsquartier mit rund 500 Ein- bis Vierzimmerwohnungen, Grünflächen und Höfen. Das erste Gebäude, das bis Mitte 2018 fertiggestellt wird, heißt Béla. Es ist das zweitgrößte Gebäude des Quartiers und beherbergt auf etwa 5600 Quadratmetern neun Gewerbeeinheiten und 132 Wohneinheiten mit 21 bis 150 Quadratmetern. Geplant, realisiert und später auch verwaltet wird das gesamte Quartier Lok West vom Saarbrücker Immobilienentwickler RVI.

Lok West zeichnet sich durch sein zukunftsweisendes Energiekonzept aus. Um die geforderte 100-prozentige CO2-Neutralität – eine Auflage der Stadt Esslingen – zu erfüllen, wird mit einem Blockheizkraftwerk und einem Gasbrennwertkessel geheizt. Beide werden mit Ökogas aus 100 Prozent organischen Reststoffen betrieben. Außerdem wird vor Ort Strom erzeugt und an die Mieter weitergereicht. Dazu befindet sich auf dem Gebäude Béla eine 260-Kilowatt-Peak-Fotovoltaikanlage. In Verbindung mit einem Blockheizkraftwerk, das 70 Kilowatt elektrischer Leistung erzeugt, sollen bis zu 70 Prozent des Strombedarfs gedeckt werden. Möglich machen es das Mieterstromangebot und ein intelligenter Maßnahmenmix mit Lösungen, die ein energiebewusstes Verhalten der Mieterfördern.

Stromversorgung der Mieter

Der mittels Fotovoltaikanlage erzeugte Strom wird über ein intelligentes Netz, ein sogenanntes Smart Grid, an alle Haushalte verteilt, die sich für Mieterstrom entscheiden. Wird mehr Strom produziert als verbraucht, wird dieser ins öffentliche Netz eingespeist und vergütet. Reicht umgekehrt der vor Ort erzeugte Strom nicht aus, um den Strombedarf zu decken, bezieht man Strom aus dem öffentlichen Netz. In diesem Fall Ökostrom von Polarstern. Mit einem speziellen Mess- und Abrechnungskonzept sowie Smart Meters an jeder Stromerzeugungs- und Verbrauchsstelle wird sichergestellt, dass jedem Mieter nur der tatsächlich von ihm verbrauchte Stromanteil zugerechnet werden kann.

Sinkende Stromkosten

Strom aus dem öffentlichen Netz und vor Ort erzeugter und verbrauchter Strom werden unterschiedlich mit Netzentgelten, Steuern, Abgaben und Umlagen belastet. Strom von der eigenen Fotovoltaik-Dachanlage hat dabei einen Preisvorteil. Durch das Gesetz zur Förderung von Mieterstrom wird dieser Preisvorteil noch einmal größer. Je mehr lokal erzeugter Strom ein Haushalt also nutzt, umso geringer sind seine Stromkosten.

Um das zu unterstützen, wird im Quartier Lok West ein intelligentes Versorgungskonzept realisiert mittels Smart Grid, Smart Meters und smarten Haushaltsgeräten. Mittels einer mobilen Applikation auf ihrem Handy werden die Mieter über die aktuelle Energieerzeugung und den Verbrauch in ihrem Gebäude informiert. So sollen sie angeregt werden, bevorzugt dann Strom zu verbrauchen, wenn ein Stromüberfluss im lokalen Netz besteht, das heißt mehr Strom erzeugt als benötigt wird. Denn die Zukunft liegt nicht allein in effizienten Gebäudemaßnahmen und -techniken, sondern genauso im bewussten Energieverbrauch. Und dazu müssen die Verbraucher ihren Stromverbrauch kennenlernen und geeignete Maßnahmen angeregt werden.

Gelingt das, sparen Mieter durch Mieterstrom, smarte Vernetzung und einem energiebewussten Verhalten nach aktuellem Planungsstand verglichen mit dem Angebot des Grundversorgers mindestens 20 bis 25 Prozent ihrer Stromkosten.

Konzepte zur Elektromobilität

In Zukunft soll es im Gebäude auch Stromtankstellen für Elektrofahrzeuge geben. Diese können ebenfalls mit dem vor Ort erzeugten Strom versorgt werden. In anderen Mieter stromprojekten kann der erzeugte Strom auch für die Wärmeversorgung von Gebäuden genutzt werden. Das macht selbst ohne Stromspeicher und besonders für Brauchwasserpumpen Sinn, da der Warmwasserbedarf im Winter wie im Sommer relativ konstant ist.

Auch wird im Quartier für Lok West im Zuge der Forschungsförderung Solares bauen – energieeffiziente Stadt durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine sektorenübergreifende Nutzung regenerativer Stromüberschüsse ermöglicht. Dabei wird das Quartier zum Beispiel über Elektrobusse mit dem Mobilitätskonzept der Stadt verknüpft.

Komplexe Umsetzung

In der Praxis ist Mieterstrom deutlich aufwendiger als die eigene Energieversorgung bei Einfamilienhäusern. Das liegt an der Vielzahl von Schnittstellen, an den individuell verschiedenen Verbräuchen der Mieter von Netz- und Lokalstrom und den rechtlichen und regulatorischen Anforderungen. Das alles in der Energieversorgung zu berücksichtigen erfordert Spezialwissen über den Energiemarkt, zu Bilanzkreismanagement und Beschaffung, aber auch zu regulatorischen, rechtlichen sowie technischen Themen etwa der Anlagensteuerung und -auslegung. Es sind Themen, die weit über das klassische Geschäft eines Immobilienbesitzers hinausgehen. Aus diesem Grund werden oftmals Energieversorger als Mieterstrom-Dienstleister ins Boot geholt. Sie wissen, wie Projekte effizient realisiert und richtig aufgesetzt werden, um unter anderem nicht Gefahr zu laufen, Abgaben und Umlagen rückwirkend nachzuzahlen oder gewerbesteuerpflichtig zu werden.

Klassische Mieterstrommodelle

In der Regel gibt es zwei grundlegende Arten der Mieterstrom-Dienstleistung, das Mieterstrom-Enabling und das Mieterstrom- Contracting. Sie unterschiedet im Kern, wer die Energieerzeugungsanlagen besitzt und betreibt. Tut dies der Immobilienbesitzer, dann kauft ihm der Mieterstrom-Dienstleister den dort erzeugten Strom ab und versorgt damit die Mieter (Enabling). Auf diese Weise vermeidet der Immobilienbesitzer, gewerbesteuerpflichtig zu werden. Alternativ kann der Mieterstrom-Dienstleister der Betreiber der Anlagen sein. Dann handelt es sich um ein Contracting-Modell, bei dem der Immobilienbesitzer eine fest vereinbarte Rendite von seinem Mieterstrom-Dienstleister erhält. Dafür hat er praktisch keinen zusätzlichen Aufwand durch die lokale Energieversorgung seiner Mieter. Der Mieterstrom-Dienstleister verantwortet für ihn die ganzen Energiemarktthemen wie beispielsweise die Abführung von Umlagen und Netzentgelten, die Tarifgestaltung, die Reststromlieferung, die verbrauchsgenaue Abrechnung sowie den Kundenservice. Übernimmt der Mieterstrom- Dienstleister zusätzlich die Finanzierung der Anlagen, spart sich der Immobilienbesitzer auch die Investitionskosten.

Mit der Mieterstromversorgung bietet sich dem Immobilienbesitzer ein neues Geschäftsmodell mit nachhaltigen Mehreinnahmen. Er steigert den Wert seiner Immobilie über sinkende Energiekosten seiner Mieter und eine zukunftsweisende Energieversorgung mit Schnittstellen für smarte Serviceleistungen und Angeboten zur Elektromobilität.

Florian Henle
Geschäftsführer Polarstern

Quelle

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