Hamburger Gründachstrategie

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Auf die Dächer, fertig, grün!

Hamburg soll noch grüner werden – und zwar ganz oben. Als erste deutsche Großstadt hat Hamburg eine umfassende Gründachstrategie entwickelt. Ziel ist es, Dächer mit einer Gesamtfläche von über 100 Hektar zu begrünen. Dörte Schachtschneider-Baum von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Hamburg hat die Hamburger Gründachstrategie beim Gründachsymposium 2015 der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung (FBB) in Ditzingen vorgestellt. Die Redaktion von Dach + Grün bedankt sich bei der FBB für die Freigabe zur Veröffentlichung.

Der Senat der Stadt Hamburg hat sich zum Ziel gesetzt, 6000 Wohnungen pro Jahr zu bauen mit Priorität auf die Innenentwicklung. Für eine wachsende Bevölkerung stehen damit immer weniger Freiräume in der inneren Stadt zur Verfügung. Gleichzeitig steht die Stadt vor den Auswirkungen des Klimawandels (unter anderem zunehmender Starkregenereignissen, erhöhter Überflutungsgefahren). Hamburg fühlte sich bisher vom Klimawandel nicht so sehr betroffen. Hitzetage wie zum Beispiel in Stuttgart gab es aufgrund der geografischen Lage nur wenige. Von daher schien auch kein Handlungserfordernis zu bestehen. Für die Aktualisierung des Landschaftsprogramms hat die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) eine Stadtklimaanalyse erstellen lassen, die im Jahr 2012 abgeschlossen wurde. Mit dieser Analyse liegt nun erstmalig ein flächendeckendes Bild der stadtklimatischen Situation für Hamburg vor. Die Analyse umfasst die Bewertung der heutigen Klimasituation in Hamburg sowie die voraussichtlichen Veränderung bis zum Jahr 2050. Aus der Analyse wurde deutlich, dass auch Hamburg mit zunehmenden Hitzetagen rechnen muss.

Auch die häufigeren Starkregenereignisse erfordern ein Maßnahmenkonzept. Eine Überflutung am Mühlenkamp östlich der Alster, bei der innerhalb von einer Stunde ein Schaden von über 27 Millionen Euro entstand, machte dies deutlich. Seit 2009 läuft das Projekt „Risa – Leben mit Wasser“ (Regen-Infra-Struktur-Anpassung), das unter anderem auch von der Hafen-City Universität begleitet wird. Als Ergebnis wurde deutlich, dass Dachbegrünungen bei Starkregen eine wichtige Pufferfunktion übernehmen.

Das Erscheinen des Leitfadens „Dachbegrünung für Kommunen“ 2011 und die bereits genannten Rahmenbedingungen waren der Anlass für die Abteilung Landschaftsplanung und Stadtgrün der BSU, die Diskussion über die Vorteile von Dachbegrünungen wieder offensiv aufzunehmen und eine Gründachstrategie für Hamburg vorzuschlagen. 2012 stimmten der Erste Bürgermeister Olaf Scholz und die Senatorin der BSU, Jutta Blankau, zu, sodass die Gründachstrategie weiter ausgearbeitet werden konnte. Die Gründachstrategie wurde als Baustein zur Anpassung an den Klimawandel in den Aktionsplan Klimaschutz aufgenommen, ebenso in das Umweltprogramm 2012 bis 2015.

Der erste Bürgermeister verkündete erstmals öffentlich auf dem Igra-Kongress Mitte Mai 2013 in der Hansestadt, dass Hamburg eine Gründachstrategie verfolgen wird. Die Hamburger Bürgerschaft hat die Gründachstrategie inklusive des Förderprogramms dann Ende August 2014 beschlossen. Für die Gründachstrategie wurden ebenfalls Fördermittel des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit aus dem Fördertopf „Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ bewilligt. Damit wird zum einen für zweieinhalb Jahre eine Personalstelle bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt gefördert und zum anderen die Einbindung der Hafen-City Universität als Projektpartner zur wissenschaftlichen Begleitung.

Inhalte der Gründachstrategie

Kern der Gründachstrategie ist ein Prozessmanagement und eine Prozessentwicklung. Die Hamburger Gründachstrategie soll ein Instrumentarium auflegen, mit dem verstärkt grüne Dächer gebaut werden.

| Leitbild.

Die Vision für Hamburg – mindestens 70 Prozent der Neubauten mit Flachdach oder flach geneigten Dächern und geeigneten Flachdachsanierungen werden begrünt, davon sind 20 Prozent für Bewohner oder Beschäftigte als Freiräume nutzbar. Nach einer Luftbildauswertung von Hamburg Wasser sind derzeit zirka 1 Prozent der Hamburger Dächer begrünt, das entspricht einer gesamten Gründachfläche von 0,8 Quadratkilometern. Es wird von einem theoretischen Potenzial von zusätzlich etwa 1 Quadratkilometer begrünbarer Dächer in fünf Jahren ausgegangen. Diese Annahmen beruhen auf den Zielzahlen des Wohnungsbauprogramms.

| Handlungsschwerpunkte.

Die Gründachstrategie besteht aus drei Handlungsschwerpunkten:

Förderprogramm des Senats

Der Senat hat ein Förderprogramm von 3 Millionen Euro bis zum Jahr 2019 beschlossen. Die Abwicklung des Förderprogramms liegt bei der Hamburgischen Investitions- und Förderbank. Gefördert werden freiwillig durchgeführte Dachbegrünungen auf oberirdischen Geschossen ab 20 Quadratmetern Nettovegetationsfläche. Bei Gewerbegebäuden, Garagen, Carports sowie bei bestehenden Wohn- und Bürogebäuden gibt es eine Förderung ab 8 Zentimetern durchwurzelbarer Aufbaudicke, bei Neubau von Wohn- und Bürogebäuden ab 12 Zentimetern. Zuschläge sind möglich bei Dachbegrünungen in der Inneren Stadt, bei Flächen, die öffentlich oder gemeinschaftlich genutzt werden können, bei Kombination mit solarer Energiegewinnung und bei Erhöhung der Abflussverzögerung. Der Betrag darf maximal 60 Prozent der förderfähigen Kosten betragen. Gründächer können als exemplarische klimabezogenen Projekte in festgelegten Fördergebieten im Rahmen der Bund-Länder-Programme der Städtebauförderung/ Rahmenprogramm „Integrierte Stadtteilentwicklung (Rise)“ gefördert werden. Es muss dabei ein Mehrwert für das Quartier nachvollziehbar dargestellt werden. Für Gründächer mit mehr als 5 Zentimetern Substrathöhe wird in Hamburg eine Gebührenreduzierung von 50 Prozent gewährt. Im Rahmen der Gründachstrategie soll geprüft werden, ob hier eine differenziertere Betrachtung erfolgen kann, das heißt, dass Dächer, die mehr Wasser zurückhalten, auch eine höhere Gebührenreduzierung erhalten können. Geplant ist eine Zertifizierung in Anlehnung der Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Beim Neubau und der Sanierung öffentlicher Gebäude ist die Realisierung grundsätzlich zu prüfen und dann zu realisieren, wenn dies wirtschaftlich vernünftig und technisch machbar ist. Ein Schwerpunkt sollen die Hamburger Schulen sein. Dachbegrünung ist Teil der Umwelt-Partnerschaft mit Hamburger Betrieben. Der Bau eines Gründachs wird als Umweltleistung im Rahmen der Umweltpartnerschaft, mit der umweltfreundliche Techniken gefördert werden, anerkannt.

Dialog

Für die Gründachstrategie ist ein Kommunikationskonzept erstellt worden. Dies beinhaltet ein Corporate Design, Broschüren, Flyer, Plakate und anderes. Das Büro TH Landschaftsarchitekten hat vier Visionen zu Gründächern in unterschiedlichen Detaillierungsgraden für den Gebrauch in der Broschüre, auf Messen etc. entwickelt. Geplant und teilweise schon durchgeführt sind Workshops, Exkursionen sowie Schulungs- und Informationsveranstaltungen mit den Baugenehmigungs- Dienststellen, Berufsverbänden, der Handwerkskammer, der Wohnungswirtschaft und der Logistik-Initiative. Seit September besteht ebenfalls eine neue Internetseite: www.hamburg.de/gruendach. Ein weiterer Gründachwettbewerb für die Metropolregion in Fortführung des 2011 bereits von den Berufsverbänden durchgeführten Wettbewerbs ist geplant.

Fordern

Im Landschaftsprogramm Hamburg sollen Schwerpunktbereiche für die Begrünung dargestellt werden. Grundlage hierfür ist die Stadtklimaanalyse, aber auch eine im Jahre 2012 erstellte Freiraumbedarfsanalyse. Die seit Jahren in der verbindlichen Bauleitplanung praktizierte Festsetzung im Bebauungsplanverfahren soll überarbeitet und differenziert werden. Bisher wird Dachbegrünung bei der Eingriffsregelung als Minderungsmaßnahme anerkannt, es soll untersucht werden, ob Dächer mit einer entsprechenden Qualität nicht auch als Ausgleichsmaßnahme anerkannt werden können. Für den inneren Bereich der Stadt soll eine Gründachverordnung erlassen werden. Geplant ist dies in Schwerpunktbereichen, so den Hot Spots der Überflutung oder den stark verdichteten Bereichen innerhalb des Zweiten Grünen Rings. Gerade hier sind die positiven Wirkungen von grünen Dächern sehr wünschenswert, sind aber aufgrund alten Baurechts sonst nicht durchsetzbar.

Wissenschaftliche Begleitung

Wasserwirtschaftliches Messprogramm und Übertragbarkeit

Das Fachgebiet „Umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung“ an der Hafen-City Universität Hamburg (HCU) ist Projektpartner der BSU bei der Entwicklung der Hamburger Gründachstrategie. Die Schwerpunkte der Aufgaben der HCU liegen in den Modulen „Wasserwirtschaft“ und „Übertragbarkeit“. Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen zur wasserwirtschaftlichen Wirksamkeit von Gründächern werden aufgearbeitet. Die Hamburger Strategie soll im Kontext der Erfahrungen anderer Städte bewertet werden, daneben wird die Übertragbarkeit Hamburger Ansätze untersucht. Mit dem kontinuierlichen, langfristig angelegten Messprogramm auf dem Gründach des Neubaus der HCU sollen mittels Niederschlags- und Abflussmessungen Aussagen zur Abflussdämpfung und -verzögerung besonders bei Starkregenereignissen ermöglicht werden. Bei drei neu zu errichtenden Wohngebäuden der städtischen Wohnungsbaugesellschaft werden im Rahmen des Projekts Risa Messeinrichtungen zur Abflussmessung von Regenwasser installiert. Die Dächer der Gebäude werden mit drei unterschiedlichen Begrünungssystemen ausgestattet.

DBU-Forschungsprojekt

Fernerkundliche Inventarisierung und Potenzialanalyse von Dachbegrünungen. Hamburg ist beteiligt am dem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) finanzierten Projekt, mit der eine Software entwickelt werden soll, die vorhandene Gründächer und potenziell begrünbare Dachflächen in Städten ermittelt, und damit ein fortlaufendes Controlling- Instrument für die Flächenermittlung von Dachbegrünung bieten könnte. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat dazu eine Methodik erstellt, die auf die verschiedenen Datenqualitäten der Städte angepasst wird.

Perspektiven

Mit dem Förderprogramm sollen Anreize geschaffen werden, aber auch die vielen Vorteile, die grüne Dächer bieten, kommuniziert werden. Die Hamburger Gründachstrategie soll bisher nicht genutzte Freiraumpotenziale auf den Dächern der Stadt erschließen und damit auch zur Lebensqualität in der Stadt beitragen. Damit werden auch gleichzeitig Maßnahmen ermöglicht, um ein neues Regenwassermanagement in der verdichteten Stadt umzusetzen. Mit möglichst artenreichen Dächern werden neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen geschaffen und damit auch ein Beitrag zur Biodiversität in der Stadt. Die Vision für Hamburg: Grüne Dächer zu bauen wird zur Selbstverständlichkeit, und man präsentiert stolz damit die Firma oder das Wohnungsunternehmen.

Quelle

Gebäude Grün

GebäudeGrün, (GG) 1992 als Dach + Grün gegründet, wird inzwischen von drei europäischen Dachbegrünungsverbänden – Deutschland (FBB), Schweiz (SfG) und Österreich (VfB) als Verbandszeitschrift genutzt.

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